Dennoch bin ich überzeugt, dass, wenn jemand den Negus Negesti klar und ruhig über die Thätigkeit der schwedischen Mission in Kenntniss setzte, würde er gewiss gerade diesen Brüdern und Schwestern den Eintritt in Abessinien gestatten.

Will er doch Fortschritt für sein Volk insofern, als er nach mit Aegypten abgeschlossenem Frieden sein Land europäischen Künstlern und Handwerkern öffnen will. Warum sollte er diese Oeffnung nicht erleichtern durch die von der schwedischen Mission begonnenen Vorarbeiten? Trotz dieses Miserfolgs hat die schwedische Mission an der Grenze des Landes ihre Thätigkeit nicht eingestellt, und wir glauben bestimmt, dass schon nach wenigen Jahren der ausgestreute Same seine Früchte tragen wird. In der von dem Bruder Lundal und seiner Frau, sowie von drei bis vier andern verheiratheten Missionaren geleiteten Anstalt (wir lernten auch eine sehr feinfühlige, aus Nürnberg gebürtige Dame kennen) werden augenblicklich gegen 150 abessinische Kinder erzogen. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die kleinen Wesen, vom zartesten Alter an bis zu 12 und 15 Jahren, gedeihen und wachsen. Alle Abstufungen der Hautfarbe von gelb zu schwarz sind vertreten. Ausser höhern Fertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen u.s.w. muss jedes Kind irgendein Handwerk oder eine Kunst erlernen. Hier werden die Mädchen im Stricken, Sticken, Nähen unterrichtet, dort sieht man Knaben schustern, drechseln u.s.w. Alle sind reinlich und europäisch gekleidet, und dass die Ernährung eine vorzügliche und dem Klima angepasste ist, braucht wol kaum gesagt zu werden. Eine mit einer kleinen Orgel versehene Kapelle im Missionshause selber dient dazu, in den Abessiniern das Gefühl und die Liebe für die christliche Religion wachzuhalten.

Ausser der amharischen Sprache erlernen die Kinder das Schwedische. Es scheint uns dies aber ein grosser Fehler zu sein, da sie fürs spätere Leben diese Sprache gar nicht verwerthen können. Weshalb lehren sie den Kindern nicht die deutsche Sprache, da jeder Missionar doch deutsch versteht? Oder englisch? Von den Reisenden, welche nach Abessinien kommen, gehört die Hälfte der deutschen Nation an. Zur Zeit König Theodor’s waren fast alle Europäer in Abessinien Deutsche, wenn auch die Missionare, wie wir gesehen haben, es liebten, sich Engländer zu nennen.

Jetzt aber möchten wir doch noch der Schutzlosigkeit der Protestanten erwähnen, sobald sie nicht der englischen oder deutschen Nation angehören. So die schwedische Mission. Die Missionare wagen es nicht, mit ihren Beschwerden den schwedischen Generalconsul in Alexandria anzugehen, weil sie wissen, dass er nicht die Macht hat, ihren Klagen abzuhelfen, vielmehr diese nur dazu dienen, ihnen noch grössere Unannehmlichkeiten zu bereiten. So liess der Gouverneur Alla ed din zu Massaua im December vorigen Jahres einen Diener der schwedischen Mission, einen christlichen Abessinier, derart prügeln, dass dieser zeitlebens ein Krüppel bleibt. Man wollte von ihm durch Prügel das Geständniss erpressen, er habe Zündhütchen nach Abessinien eingeschmuggelt. Die Sache war erlogen, wie sich später herausstellte, aber den Diener der Schweden konnte man damit nicht wieder gesund machen. Eine Genugthuung zu fordern wagten die Schweden nicht. Herr Lundal hat nie darüber an den schwedischen Generalconsul berichtet. Dadurch würde ihre Lage nur noch schlimmer, meinte er.

Friedrich Wilhelm IV. schuf 1841 im Verein mit der Königin Victoria das Bischofthum Jerusalem. Das eine mal wird der protestantische Bischof von Preussen, das andere mal von England ernannt. In Jerusalem also haben die Protestanten Schutz, und zwar die Protestanten aller Völker. Für damalige Zeiten konnte Preussen nicht mehr thun. Ausserhalb Jerusalems waren die Preussen ebenso schutzlos, wie die Holländer[67] und Schweden es jetzt sind. Katholiken irgendeiner Nation sind nie ohne Schutz gewesen; kamen sie in Noth, so wandten sie sich einfach an den officiellen Beschützer der katholischen Kirche im Orient: an den französischen Vertreter, der überall im Orient zugleich Protector der römischen Kirche ist, namentlich seitdem der Heilige Vater aufgehört hat weltlicher Fürst zu sein, also auch keine Consuln im Auslande unterhalten kann.

Wäre es aber nicht zeitgemäss, dass das mächtige deutsche protestantische Reich sich mit dem weithin herrschenden protestantischen britischen zum Schutze solcher Protestanten vereinbarte, welche im Ausland auf ihre eigene Regierung nicht zählen können? Jene beiden protestantischen Mächte haben ja in Jerusalem einen gemeinsamen Bischof! Warum sollten sie nicht auch in andern Orten und Ländern ihre Vertreter beauftragen, überhaupt die Protestanten, also auch die schwedischen, in Schutz zu nehmen?

Als Gordon Generalgouverneur war, welcher ihnen ja auch jenes Grundstück überwies, auf dem heute ihr so zweckmässig eingerichtetes Gebäude steht, hatten die schwedischen Missionare nicht das mindeste zu fürchten. Gordon in seinem grossen Rechtssinne, mit seinem durch und durch religiösen Gemüth unterstützte in jeder Weise ihre Bestrebungen. Aber seit er von der Statthalterschaft abtrat, werden die schwedischen Missionare oft in unverantwortlicher Weise mit kleinen und grossen Plackereien behelligt. Die ganz grundlosen Mishandlungen ihres abessinischen Dieners erzählten wir. Der katholische Consul thut natürlich nichts für die protestantischen Missionare; er würde wol einschreiten, wenn es ihnen ans Leben ginge; aber übrigens sie zu schützen, hält er nicht für geboten.

Was die französische Mission anbetrifft, so haben wir der in Massaua und Hotumlu befindlichen Filiale schon gedacht.

In Keren dagegen oder vielmehr in Senhit besitzen die Katholiken eine so grossartige Anstalt, dass derselben ein Bischof vorsteht. Auch sie beschäftigen sich hier mit Kindererziehung, wohl wissend, dass, wer die Kinder, die Jugend hat, einst Gebieter der Erwachsenen ist. Aber nebenbei betreiben sie auch Glaubensmission und verfehlen nicht, sich gelegentlich in die Streitereien zwischen Abessiniern und Aegyptern, oder zwischen abessinischen Parteien einzumischen. Wenn letztere üble Angewohnheit nicht wäre – und sie ist nur dem Umstande zuzuschreiben, dass die katholischen Missionare Franzosen sind, welche es nie unterlassen, himmlische Angelegenheiten mit irdischen zu verquicken – dann würde, unserer unmassgeblichen Meinung nach, beim abessinischen Volk der Katholicismus leicht Eingang finden. Bei der Regierung, bei einem Negus Negesti nie.

Beim Volke deshalb, weil der katholische Cultus mit dem abessinischen äusserlich die grösste Aehnlichkeit hat. Derselbe Mariendienst, dieselbe Bilderanbetung, dasselbe Fasten, dieselben Aeusserlichkeiten, besonders dieselbe Sündenvergebung für Geld. Aber bei der Regierung scheiterte die Einführung der römischen Kirche immer an der Erwägung, dass man alsdann ein fremdes Oberhaupt anerkennen müsse. Eigenthümlich. Hier besteht ein scheinbarer Widerspruch.