Die Abessinier müssen nämlich, altem Herkommen gemäss, ein fremdes Oberhaupt für ihre Kirche haben, kein geborener Abessinier darf Abuna sein. Kein Negus Negesti will aber den Papst als Oberhaupt der Kirche anerkennen. Die Sache erklärt sich, wenn man bedenkt, dass der fremde Abuna im Lande selbst residiren muss. Dadurch wird er gewissermassen zum Abessinier. Und wenn auch der koptische, mit ausserordentlicher Gewalt ausgestattete Abuna, wie der Heilige Vater, lösen und binden, die schwersten Verbrechen durch ein einziges Wort entsündigen und durch ein einziges Wort denjenigen, welchen er hasst, verderben kann, so muss man doch immer bedenken, dass er schliesslich in der Hand eines energischen Negus auch weiter nichts als ein gefügiges Werkzeug ist.

Man erinnere sich des geschichtlichen Vorgangs, dass der vor öffentlicher Versammlung vom Abuna für verdammt und vogelfrei erklärte Kaiser Theodor eine Pistole auf den Abuna richtete, mit den Worten: „Lieber Vater, gib mir deinen Segen!“ – Der Abuna hatte angesichts der ihm drohenden Kugel nichts Eiligeres zu thun, als seinen Segen zu ertheilen. Diese Inderhandhabung des Abuna ist ein grosser Vortheil für den Negus oder dessen Regierung, denn in Abessinien ist Negus und Regierung ein und dasselbe.

Der Protestantismus wird sich aber am wenigsten durch Bekehrung Eingang verschaffen, weil seine Anschauung und die der Abessinier grundverschieden sind. Die Abessinier warfen den Protestanten vor, dass sie Maria hassen, nicht fasten, nicht beichten, nicht die Heiligen verehren; sie nennen die Protestanten schlechtweg „Mariahasser“. Weder Katholiken noch Protestanten haben in Abessinien nennenswerthe Erfolge aufzuweisen. Beide Missionen versuchten es daher mit Kindererziehung, und jeder, auch der Gegner von Missionsthätigkeit, wird ein solches Vorgehen nur billigen. Während aber die Schweden, die Gesetze des Landes achtend, ganz von der Glaubensverbreitung abstanden, lässt sich dies von den Franzosen nicht sagen. Nicht nur, dass Bogos und Mensa[68] fast ganz zum Katholicismus bekehrt sind, suchen die Franzosen auch in Hamasen fortwährend Proselyten zu machen. Und wenn sie auch noch so oft vertrieben, ausgeplündert und eingekerkert werden, mit echt römischer Zähigkeit kehren sie stets wieder. „Man muss Gott (d.h. hier der römischen Kirche) mehr gehorchen als dem Menschen“, ist ihr Motto, und damit gehen sie vorwärts.

So ist es denn auch im Sommer 1881 wieder zu argen Auftritten gekommen. In einem kleinen Orte der Provinz Agame (in Tigre), welchen die Franzosen St.-Etienne nannten, besassen sie eine Gemeinde von ca. 400 Seelen, denen vier Brüder vom Lazaristenorden, wie alle französischen Missionare in dieser Gegend, vorstanden. Es scheint nun, ob erwiesen oder nicht ist ganz gleichgültig, dass die Missionare einen Rebellen, den Dedjadsch Hagus, mit Geld und Pulver unterstützt hatten. So behaupteten wenigstens die abessinischen Behörden. Dafür wurde vom Generalgouverneur der Provinz Plünderung des Ortes anbefohlen. Der Ballata, d.h. der Districtsgouverneur, liess indess den Geistlichen sagen, für ihre Person hätten sie nichts zu fürchten. Die Soldaten jedoch, nachdem sie den Ort geplündert, drangen in die Kirche, nahmen die Altargeräthe weg, entkleideten den von Keren herbeigeeilten Bischof, Monseigneur Touvier, und liessen ihm nur sein Flanellhemd und seine Beinkleider. Ebenso verfuhren sie mit den übrigen Geistlichen, und einer der Brüder, in den Augen der Abessinier wahrscheinlich der am meisten schuldige, wurde gefangen fortgeschleppt. Die übrigen abessinischen katholischen Geistlichen, welche man fesselte, erduldeten sicherlich wegen ihres Uebertritts von der monophysitischen zur römischen Kirche eine harte Strafe. Auch Monseigneur Touvier und die übrigen Lazaristen liess man keineswegs gleich wieder los. Nein, ihre abessinischen Diener, sogar die eingeborenen Frauen, welche für sie Brot buken, sassen eine Zeit lang in Gefangenschaft. Das ganze Dorf sammt dem Gotteshause übergab man den Flammen. Herrn Raffray, dem französischen Consul, gelang es allerdings, schon im Verlaufe des Sommers die Freilassung seiner Landsleute vom Negus Negesti zu bewirken, aber dieser Vorfall war die Ursache seiner so unfreundlichen Aufnahme. Und von einer Genugthuung oder gar von einer Geldentschädigung wird nie die Rede sein, was auch französische Blätter darüber berichten mögen. Genugthuung kann Frankreich[69] sich nicht verschaffen, und eine Geldentschädigung kann der Negus nicht leisten, und wenn er könnte, würde er es nicht wollen. Frankreich hat sich durch die Einmischung seiner katholischen Missionare schon oft grosse Unannehmlichkeiten bereitet, ohne dass es Genugthuung erlangen konnte. Aber andererseits zog es auch häufig genug Vortheile aus seinem Missionswesen. Die französischen Missionare, so sehr sie auch ihre Arbeit für das Reich Gottes betonen, sind und bleiben bis zu einem gewissen Grad immer national. Besonders die englischen Missionare nehmen zuerst immer die Interessen ihres Landes wahr und dann diejenigen Gottes. Mögen sie auch das Gegentheil behaupten, die Geschichte bestätigt unsere Behauptung. Noch einmal also: man verzichte auf jede Glaubensbekehrung in Abessinien. Dagegen pflege man aufs eifrigste die Kindererziehung. Jeder Unparteiische wird darin nichts Feindliches gegen Missionare erblicken. Nur durch systematische geistige und körperliche Kindererziehung erreicht man seinen Zweck.

Nicht auf den Glauben an den Papst, nicht auf den Mariencultus kommt es an, sondern in erster Linie auf die Liebe zu Gott und allem Guten, auf die Liebe zu rüstiger, sich und andere belebender und erquickender Arbeit. Erreichen das die Missionare, was wollen sie mehr?

SECHSTES KAPITEL.
AUFSTIEG ZUM ABESSINISCHEN HOCHLAND UND ANKUNFT IN KASEN.

Das Geleit ägyptischer Soldaten. – Abschied von Hassen Bei und den schwedischen Missionaren. – Die Vorgegend zum abessinischen Hochland keine Wüste. – Menschenöde. – Lagerung im Thal Ailet mit heissen Quellen. – Aschuma-Beduinen. – Zahlreiche Friedhöfe. – Verabschiedung des ägyptischen Militärs. – Ansiedelungen der Aschuma. – Tropische Vegetation. – Wunderbare Fernsichten. – In Kasen wartet ein Offizier Ras Alula’s auf den Reisenden. – Rasttag. – Dorfmusik. – Beschreibung von Kasen. – Die Geistlichkeit. – Musikanten. – In Ras Alula’s Lager.

Der Tag des Aufbruchs kam. Die bis zum letzten Augenblick sehr dienstwillige ägyptische Regierung stellte Kamele, was ich um so höher anschlug, als man mir diese gerade damals schwer zu beschaffenden Lastthiere zu denselben niedrigen Preisen wie den ägyptischen Beamten überliess. Ich beschloss, am Tage vor Weihnachten aufzubrechen, da ich dieses so deutsche Fest nun doch einmal nicht nach deutscher Art, mit Tannenbaum u.s.w., hier feiern konnte.

Das Beladen der Kamele ging über Erwarten schnell. Auch blieben einige Thiere ausserhalb meiner Berechnung, da die Leute sehr grosse Lasten auffuderten; mindestens 5 Centner für ein Thier. Statt 25 Kamele nahm man nur 16. Indess muss ich bemerken, dass wir, ausser Reitmaulthieren, die man uns stellte, fünf eigene besassen, die man beladen konnte. Auch das Geleit ägyptischer Soldaten hatte sich eingefunden: ein Offizier, ein Naib und 25 Mann Baschibosuks, welche etwas abenteuerlich aussahen, aber gute Waffen besassen. Eine ziemlich bedeutende Ausgabe für mich, da ein jeder täglich einen Thaler bekam, der Offizier zwei und der Naib drei. Das war aber doch wegen der auf der Grenze herrschenden Unsicherheit nothwendig.