Karl Hubmer zog mit allen voran, während Stecker und ich noch einer Einladung des uns gegenüberwohnenden Hassen Bei folgten, um bei ihm das Mittagessen einzunehmen. Der Gouverneur, die obersten Offiziere, viele befreundete Europäer waren schon im Laufe des Morgens herausgekommen, um sich von uns zu verabschieden.

Da wir nicht zu lange von unserer grossen Karavane getrennt sein wollten, wurde diesmal bedeutend schneller gespeist. Wir konnten uns bald verabschieden von Frau Hassen, geb. Prinzess Ubieh, und von ihrem Gemahl, vom Naib Mohammed (d.h. dem Hauptnaib) und einigen Cavassen begleitet, ging es westwärts, nachdem wir noch einen Augenblick bei den freundlichen schwedischen Missionaren vorgesprochen hatten, um auch diesen Lebewohl zu sagen. Wer konnte wissen? vielleicht auf immer? Denn bei einer Reise nach Abessinien kann man sich stets von vornherein auf das Schlimmste gefasst machen.

Man reitet fast eine Stunde, ehe man aus den weitläufig gelegenen Hütten und Gehöften von Hotumlu, Mkullu und Saga heraus ist und die Wälle der äussersten ägyptischen Schanzen hinter sich hat.

Mit Unrecht ist die Vorgegend, welche das eigentliche abessinische Hochland vom Rothen Meere trennt, als „Wüste, deserto“ verschrien. Diejenigen, welche diese so ungemein wilde, von tausend dem Hochlande entsprungenen Rinnsalen durchfurchte, und wenn auch nicht dicht, so doch licht mit Bäumen, Büschen und Kräutern bestandene Gegend Wüste nennen, haben nie Wüste gesehen.

Während an der Küste Kalk und Madreporenformation vorherrschen, kommen wir nun bald zu plutonischen Gesteinsmassen: Gneis, Urschiefer und namentlich Lavamassen bilden den Grund der stark hügeligen Gegend. Grosse, meist von Stapelien durchrankte Büsche der Euphorbia quadrangularis, stachelige Mimosen, die unvermeidliche Kranka, hier Uscher genannt, einige just hervorspriessende Gräser sind anfangs die Pflanzen. An Thieren bemerkten wir am ersten, übrigens nur kleinen Marschtage fast nichts. Auch keine Menschen bekamen wir zu sehen. Wir passirten zahlreiche Chor, welche alle trocken lagen, aber doch Spuren neuesten Wasserflusses zeigten, und erreichten um 5 Uhr abends Saati, nachdem wir im ganzen von Hotumlu ca. 20 km zurückgelegt hatten, die Wegkrümmungen mitgerechnet.

Saati schlechtweg bedeutet die Wasserlöcher oder Brunnen, welche im Chor gleichen Namens gelegen sind, welcher vom Bisen kommt und ca. 5 km nördlich von Massaua ins Rothe Meer sich ergiesst. Die Wasserlöcher, mit etwas brakischem, jedoch ganz trinkbarem Wasser, liegen in einer äusserst wilden, zerrissenen Ausbuchtung des mit steilen Ufern eingefassten Flussbettes, wo das Gestein zum Theil aus schneeweissen Quarzgebilden besteht.

Obwol bis dahin seit 25 Jahren in Afrika thätig, hatte ich es dort nie mit wilden Bestien zu thun gehabt, sah ich dort nie einen Löwen oder auch Panther lebendig. Auch nicht als ich den britischen Feldzug mitmachte, abgesehen von Hyänen, Luchsen, Schakalen. Aber das konnte man eben dem Umstande zuschreiben, dass vor einer so grossen Armee, vor einer so grossen Anhäufung von Menschen und dem damit verbundenen Lärm und Geräusch sich sämmtliche Thiere zurückzogen. Diesmal aber glaubte Stecker mit Bestimmtheit auf einige aufregende Scenen rechnen zu können. Hatte sie doch Blanford gerade in dieser Gegend erlebt; liess doch Raffray gerade hier einen seiner Diener von einem Löwen verspeisen. Aber weder in Saati noch später begegneten wir irgendeinem reissenden Thiere. Stecker, der in Abessinien zurückblieb, erlebt vielleicht so ein „Löwenabenteuer“. Sollte man jedoch von mir durchaus eins erwarten, würde ich Zuflucht nehmen müssen zu irgendeiner interessanten Reisebeschreibung, um danach mit einigen der Oertlichkeit und Zeit angepassten Veränderungen eine derartige überraschende Geschichte zu behandeln. Aus meinen eigenen Erlebnissen kann ich keine geben. –

Bei unserer Ankunft dunkelte es bereits. Ueberall wurden grosse Feuer angezündet, die Zelte aber nicht aufgeschlagen und so die erste Nacht unter freiem Himmel verbracht. Durch Kälte litten wir nicht, und dass man eine Karavane, die aus mehr als funfzig Menschen bestand, durch nichts, nicht einmal durch falschen Lärm störte, bedarf kaum der Versicherung.

Am folgenden Tag hatten wir bis Ailet nur einen kleinen Marsch. Die Gegend wird immer belebter, das Wild, besonders Hasen, Rebhühner, Francoline u.s.w., zahlreicher, und der Seecharakter tritt mehr und mehr zurück. Grosse Termitenhügel, in der Ebene viele Scolopendriden und Julus zeigten an, dass jetzt auch grössere beständige Feuchtigkeitsverhältnisse walteten. Ehe man in das breite Thal von Ailet kommt, übersteigt man eine fast nordsüdlich laufende Hügelkette von 300–350 m Höhe, welche den Namen Taracha, oder auch weiter im Süden den Namen Digdigta führt. Oben angekommen, hat man eine herrliche Aussicht auf das breite schöne Thal, welches sich nordnordöstlich bis zum Meere erstreckt. Mit Wehmuth erblickt das Auge die reichen, von hundert Rinnsalen netzartig durchzogenen Gefilde vor sich, welche dem prachtvollen Boden regelmässig das Wasser zuführen. Mit Wehmuth, sage ich, denn Tausende könnten hier ihr Brot finden. Und jetzt? Das ganze Thal hat drei oder vier elende Weiler, von denen der bedeutendste Ailet ist.

Unter einigen schönen Bäumen, westlich von Ailet, liess ich, eine freundlich angebotene Wohnung ablehnend, die Zelte aufschlagen. Ein für allemal beschloss ich damals, nie in abessinischen Wohnungen zu schlafen, da ich auf der Rückreise während des britischen Feldzugs zu üble Erfahrungen gemacht hatte. Die heissen Quellen von Ailet, welche ca. 5 km südlich von der kleinen Oertlichkeit liegen, sind eine höchst merkwürdige Erscheinung. Ein daraus unausgesetzt hervorfliessendes kleines Rinnsal umgibt da, wo auf einem Hügel die Ruinen der schwedischen Mission liegen, in einem Umkreis von ca. 50 m so heisser Boden, dass man mit blossen Füssen nicht darauf wandeln kann. Das aus grossen, sehr tiefen Löchern hervorbrodelnde Wasser hat als heisseste Temperatur +59° (nachmittags bei 31° Lufttemperatur), einige Meter unterhalb +58°, 10 m weiter nach unten noch +50°, und 15 m weiter entfernt noch +48°. Bei dieser Temperatur leben schon Wasserkäfer[70] im Rinnsal. Trotz der Unsicherheit der Gegend fand ich verschiedene Familien, welche krankheitshalber badeten. Rheumatische Leiden sollen auf diese Weise schnell beseitigt werden. Mineralische Bestandtheile liessen sich durch den blossen Geschmack[71] nicht erkennen, im Gegentheil, wenn kalt geworden, war das Wasser von vollkommen süssem Geschmack. Durch meinen Dolmetsch[72] erfuhr ich, dass die sich Badenden christliche Abessinier aus Hamasen waren, welche in Massaua Felle verkaufen wollten.