Obschon es Weihnachten war und wir in Ermangelung von andern Festlichkeiten abends einige Extraschüsseln unserm Mahle zufügten, hatte uns das Marschiren während des ganzen Tags so ermüdet, dass um 9 Uhr nachts alles im Lager schlief. Nur die ägyptischen, diesmal durch einige Dorfbewohner verstärkten Soldaten hielten die übliche Wache. Das aber bemerkte ich schon, dass sie mich keineswegs bis zur wahren abessinischen Grenze begleiten würden, wie doch ursprünglich abgemacht worden war. Dazu mangelte der Muth. Sie wollten eigentlich hier schon umkehren, ja, sie beredeten sogar die Kameltreiber, fortzugehen: „Die Abessinier werden euch die Thiere abnehmen“, sagten sie.
In der sichern Voraussicht, dass sie sowie die Kameltreiber am folgenden Tage mich verlassen würden, schickte ich am frühen Morgen den Naib voraus, um von Leuten, welche nicht fern von uns weideten, Ochsen zu miethen. Denn wenn auch Ras Alula versprochenermassen mir abessinische Soldaten und Ochsen entgegensenden wollte, so hätte mich das auf unbestimmte Zeit zu einem Aufenthalte in oder bei Ailet genöthigt, ohne einmal mit Sicherheit auf das Eintreffen derselben rechnen zu können. Glücklich für mich – wie mich denn überhaupt auf dieser ganzen Reise stets ein aussergewöhnliches Glück begünstigte – fanden wir denn auch Aschuma-Beduinen, welche sich bereit erklärten, unser Gepäck mit ihren Ochsen bis nach Kasen zu schaffen. Damit waren alle Schwierigkeiten überwunden.
Bis nach Adegani, einer Oertlichkeit, ca. 8 km westsüdwestlich vor uns, hatten wir jedoch noch das „beruhigende“ Gefühl, unter dem militärischen Schutze Aegyptens zu reisen. Weiter erklärte der Offizier, sich nicht vorwärts wagen zu dürfen. Dort sollte es sich also entscheiden, ob wir wieder nach Ailet zurück oder allein, allerdings auf eigene Verantwortung, unsere Reise fortsetzen müssten. Das Chor Choar, welches uns nach kurzem Marsch nach Adegani führte, hat immer fliessendes Wasser, und wir befinden uns jetzt mitten im tropischen Afrika, schon die Papyrusstauden am Wasser deuten dies an. Wie überall auf unserm ganzen Wege, bemerken wir auch hier noch zahlreiche Friedhöfe. Sind sie alten, ältesten Datums? neuern Ursprungs? Oft sind es Tumuli nach Art der alten keltischen Denkmäler, oft Aufhäufungen, wie sie die Mohammedaner aller Länder zu machen pflegen. Aber wie stark muss einst die Bevölkerung hier gewesen sein! Und jetzt hausen in diesen segenspendenden Gefilden gar keine sesshaften Bewohner mehr. Nur Nomaden befinden sich in den Vorbergen Abessiniens, und der Stamm der Aschuma, welcher zwischen Ailet und Kasen weidet, dürfte höchstens 300 Männer zählen, dazu die Nebara mit 200, die Alaschkar mit 300, die Gedemsega mit 200, die Asus-Adaha mit 300, die Massali und Ueira ungefähr mit ebenso viel Männern, das ist die ganze Bevölkerung der östlichen Gehänge Abessiniens, etwa vom 15. bis zum 16.° nördl. Br. Also zu jedem Mann etwa noch drei Individuen hinzugerechnet, würde das die Gesammtseelenzahl von noch nicht 8000 Menschen ergeben.
Die Aschuma befanden sich, als wir Adegani erreichten, schon an Ort und Stelle. Das Militär wurde nun verabschiedet, abgelöhnt und, was mich besonders erfreute, ein jeder war mit der Ablöhnung und mit dem Extrabakschisch zufrieden. Und gleich von vornherein zeigten sich die Aschuma als höchst liebenswürdige und gutmüthige Burschen. Aber diese Laderei! Die meisten Ochsen trugen nur ein Stück Gepäck auf dem Rücken. Es fehlte also das Gegengewicht zweier auf beiden Seiten eines Saumthieres verladener Gepäckstücke. Die Aschuma hatten keine eigentlichen Buckelochsen, aber auch keine mit ganz flachen, breiten Rücken. Bei der Beladung fasste man die Thiere beim Maul oder griff ihnen in die Nüstern, und das Packen ging dann ziemlich schnell von statten. Aus freien Stücken führten die Aschuma noch Reservethiere bei sich, um täglich wechseln zu können.
Aber was waren das für Märsche! Man bedenke nur, dass Kasen in gerader Linie von Massaua nur etwa 60 km, von Ailet, wo doch schon die Schwierigkeiten beginnen, etwa 40 km entfernt ist. Aber mit der Schönheit der Natur wachsen die Hindernisse. Wasser überall in Hülle und Fülle und bald auch Regen dazu, als wir uns auf der schon bedeutenden Höhe von 1900 m befanden! Um nur diese kurze Entfernung von ca. 40 km zu überwinden, brauchten wir sechs Tagemärsche, denn erst am 29. December hatten wir bei Kasen die eigentliche Hochebene von Hamasen erreicht.
Keine Abenteuer. Zwar begegneten uns einigemal kleine Gruppen, aber nach freundlichen Begrüssungen, nachdem man sich über das Woher und Wohin unterrichtet, setzte jeder seinen Weg fort. Wir kamen auch zu einigen Ansiedelungen der Aschuma, namentlich im Uainathal, wo wir funfzehn elende Strohhütten fanden. Frische Waldbrandplätze deuteten an, dass hier die Aschuma ihre Durra dem Boden anvertrauen wollten. Sie sind also keine reinen Nomaden, d.h. Menschen, welche nur vom Viehstande leben, sondern sie erbauen sich ihr Korn selbst. Ihre Heerden sind, wie sie selbst sagten, auch viel zu unbedeutend, als dass sie ausschliesslich davon leben könnten. Selbstverständlich nomadisiren, d.h. weiden sie auf ganz bestimmtem Grund und Boden. Sie sind in der unangenehmen Lage, dem Naib sowol als auch dem Gouverneur von Hamasen Steuern entrichten zu müssen, und werden ausserdem noch von beiden nicht selten durch willkürliche Abgaben bedrückt. Ihrer Abstammung nach nicht mit den Küstenbewohnern verwandt, dürften sie den Abessiniern angehören. Ihre mehr als einfache, oft aber nur aus einem Hemd bestehende Kleidung ist die Schama. Als Waffen führen sie einen Spiess, einzelne auch einen Säbel, zwei von ihnen besassen uralte Luntenflinten. Das Haar tragen sie kraus und kurz geschnitten. Ihre Sprache ist der tigrinische Dialekt. Die Hautfarbe der meisten ein schmuziges Braun, das man jedoch vielleicht ebenso sehr dem Schmuz als der Natur zuschreiben muss. Die wenigen Frauen, die wir sahen, hatten sanfte Züge, starrten aber auch von jahrelang auf ihrem Körper haftendem Schmuz. Wie alle auf dem Gehänge von Abessinien lebenden Stämme wollen auch die Aschuma Mohammedaner sein. Ich wüsste aber nicht, dass sie das durch etwas anderes als durch ihre eigene Behauptung erhärten könnten, denn von den üblichen Gebeten verrichteten sie keins, und auch sonst gaben sie keine auf den Islam hinweisende Andeutungen.
Ich erwähnte vorhin, dass wir in den Thälern der untern Gehänge vollkommen tropische Vegetation vorfanden: riesige Sykomoren, Tamarinden, wildwachsende hohe Citronenbäume mit saftgrünen, glänzenden Blättern, aus deren Kronen unsere flinken Abessinier einen willkommenen Vorrath von kleinen, aber kräftig schmeckenden Früchten herabholten, prachtvolle Ricinusstauden, Myrten, höher hinauf erst abessinische Rosen und Jasmine, Aloë, Carissa edulis, wilde Oelbäume und überall auf dem Boden schöner Graswuchs. Dass sich in einer mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckten Gegend ein grosser Thierreichthum vorfindet, brauche ich kaum zu bemerken. Einmal glaubten wir, es war nachts, als wir bei Chor Agenat lagerten, dicht bei unserm Lagerplatz sogar einen Löwen brüllen zu hören. Da wir aber am Morgen keine Spuren bemerkten und Löwen bekanntlich nicht wie die Paviane in Bäumen hausen, so wird es wol nur ein Ochse gewesen sein, welcher sich etwas von der Heerde entfernte.
Mitunter wahrhaft wunderbare Fernsichten! Bei einer Bergwandung erblickten wir sogar deutlich Massaua am Rothen Meere! Wir sahen es noch einmal bei unserer Ankunft zu Kasen am Morgen vom hohen Geraraberg, welcher dem Kasenberge angehört. Ein unvergleichlich schöner Ausblick! Nachts zuvor hatte es geregnet. Als ich etwas vor Sonnenaufgang mein Zelt verliess, um wegen der im Zelte herrschenden feuchten Luft draussen meinen Kaffee einzunehmen bei einem prasselnden Feuer, dessen Nahrung aus wohlduftenden Wachholderästen bestand, zertheilten sich die Wolken und sanken dann, als würden sie auf einer Bühne vom Schnürboden herabgelassen, immer tiefer und tiefer. Oben der bereits lichtblau gewordene Himmel, als lächle er der Sonne entgegen, die sich noch unter dem Horizont befand! Immer fester ballten sich von Kuppe zu Kuppe die schweren Haufenwolken zusammen. Da entstieg die feurige Kugel dem Meere. Dort Massaua! Und zu unsern Füssen wie aus einem einzigen Guss ein riesiges Eisfeld, eine Schneefläche, ein grossartiger, silberstrahlender Gletscherteppich, der sich zur Ebene hinab entfaltete. Das waren die Haufenwolken, welche nachts über uns regneten und jetzt, von der Sonne getroffen, sich den mächtigen Abhang hinabwälzten. Hier und dort einzelne schwarze Bergkuppen, welche das weisse Brauttuch der Natur durchbrachen! – Solche Augenblicke vergisst man nie.
Der letzte Aufstieg, nur noch ca. 400 m hinan, war der allerschlimmste. An Reiten konnte man der Steilheit wegen nicht denken. Ein eigentlicher Weg existirte ja auch gar nicht, denn sehr selten nimmt man die Richtung auf Kasen. Es ist das der Weg, den auch Herr von Katte vor Jahren einschlug, als er in Abessinien eindrang.
Westlich vom Rande des Berges in mehr niedriger Gegend befindet sich der kleine ärmliche Ort Kasen. Jetzt waren wir also in der Machtsphäre des Negus Negesti. Von dem Augenblick an hörte man auf, ein freier Mensch zu sein, denn im Grunde genommen ist jeder, einerlei ob Fremder oder Eingeborener, Privatmann oder Gesandter, im Bereiche des abessinischen Herrschers weiter nichts als ein Object, eine Persönlichkeit ohne eigenen Willen. Selbst Gordon, dessen Machtfülle seinerzeit die des Negus Negesti von Abessinien bei weitem überstieg, hatte sich, einmal innerhalb Abessiniens, solchen Erwägungen nicht entziehen können.