Welch ein Leben und Lärmen, als wir auf das ärmliche Dorf loszogen, obwol die Bewohner desselben von unserer Ankunft unterrichtet worden waren. Denn seit mehrern Tagen befand sich dort ein Offizier mit Soldaten von der Armee des Generals Ras Alula, um aus der ganzen Umgegend Lastochsen zu requiriren, womit er mir, einem Befehle des Generals gemäss, bis Ailet entgegenkommen sollte. Aber die Aufregung der Bewohner war eine freudige.

Nach so anstrengenden Aufmärschen beschloss ich, Rasttag zu machen, und liess unser Lager sowie mein grosses Prunkzelt aufschlagen und die deutsche Flagge entfalten. Bald darauf kam der abessinische Offizier mit der Meldung, er habe 50 Ochsen zur Verfügung und würde mich, wie ihm befohlen, zum General geleiten. Mit Verwunderung bemerkte ich, dass seine Soldaten zum Theil gute Waffen und zwei sogar Remingtongewehre besassen. Die Aschuma wurden nun abgelöhnt und noch reichlich mit Geschenken versehen, worauf ich um so mehr hielt, als die Treiber, welche mit Mr. Lombard heraufgekommen waren, sich bitter über zu kärgliche Bezahlung beschwerten.

Unsere Zelte umlagerten unzählige Abessinier, welche aus der ganzen Umgegend, namentlich den Ortschaften Amne Petros, Asen und Amba Bero kamen, um uns anzustaunen. Auch die Dorfmusik von Kasen erschien, um uns ein Willkommständchen zu bringen. Zahlreich war sie nicht: nur zwei Individuen, welche dasselbe Instrument bliesen, d.h. eine Art Schalmei, der Vater ein 1,5 m langes, mit Leder überzogenes Tutrohr, der Sohn ein kleineres, aber ebenso construirtes. Nur zwei Töne konnten sie aus diesen riesigen Nachtwächterhörnern hervorbringen. Das Merkwürdigste, Niedagewesene bei diesem ohrenzerreissenden Concert war aber, dass sich beide Musikanten, nachdem sie, langsam hin- und herschaukelnd und ihr langes Blasrohr auf- und absenkend, sich in musikalischen Ergüssen versucht hatten, auf den Rücken legten und nun unisono den Himmel anbliesen. Entsetzlich, aber auch komisch zugleich, sodass Stecker und ich schnell ins Innere des Zeltes eilten, um nicht die andächtig lauschende Menge, welche das alles wunderschön fand, durch hier unpassende Heiterkeitsausbrüche zu stören.

Ich machte auch einen Spaziergang nach und durch Kasen, ein auf und an einem Hügel sehr unregelmässig gebautes Oertchen mit höchstens 700 Einwohnern. Die viereckigen, aber auch länglichen Häuser bestehen aus Thon. Ausserdem vereinzelte runde Hütten. Die Dächer sind aus Laubwerk und Schilf. Manche an die Bergwand gelehnte Wohnungen haben flache Dächer, von welchen man gleich zu Berg steigen kann. Die Kirche in Kasen ist entgegen der abessinischen Regel, welche Rundstil vorschreibt, viereckig. Daneben befindet sich eine runde Hütte für den Priester. Man sieht übrigens in Kasen ebenso viele leergebrannte Stätten wie bewohnte, und dies spricht deutlich genug von den auf der Grenze üblichen Plünderungen und Mordbrennereien. Kasen, zwischen Mai Adora und Mai Mesrob, welche sich gleich unterhalb des Ortes vereinigen und einen Quellfluss des Anseba bilden, liegt 2450 m über dem Meere, der Rand des Hochlandes dagegen nach Osten zu noch 110 m höher. Immerhin eine ganz ansehnliche Höhe, sodass morgens vor Sonnenaufgang das Thermometer auf den Gefrierpunkt sank. Das hinderte jedoch keineswegs ein und von nun an beständiges nächtliches Blitzen und Wetterleuchten. Wie weit waren wir denn auch von der tropischen Hitzegegend entfernt? Nach Osten, Süd und Nordost in gerader Linie höchstens 15–20 km. Dort fanden die Gewitter statt, von denen wir die feurigen Elektricitätserscheinungen sahen, den Donner aber nicht hören konnten.

Die Einwohnerschaft liess es an Aufmerksamkeiten aller Art nicht fehlen. Freilich die Lieferungen gingen spärlich ein. Der Hauptmann theilte mir mit, dass ich bis zum Hauptquartier täglich ein Anrecht habe auf einen Ochsen und 120 Brote. Am ersten Tage aber erhielt ich nur 20, am folgenden jedoch 80 Brote. Selbstverständlich zahlte ich dafür baares Geld und mindestens den dreifachen Werth. Zum Lobe des von Ras Alula geschickten Adjutanten muss ich erwähnen, dass er durchaus kein Geldgeschenk annehmen wollte. Natürlich bestand ich nicht auf Eintreibung der Lieferungen. Nur im äussersten Nothfalle, wenn ich für meine zahlreiche Dienerschaft nichts zu essen hatte und für Geld keine Nahrungsmittel irgendwo erhalten konnte, machte ich von dem mir zustehenden Rechte der Eintreibung Gebrauch. Jedesmal aber zahlte ich dafür den Liefernden mindestens den doppelten Werth in Geld.

In Kasen war es schwer, sich Kleinigkeiten zu verschaffen. Aegyptische Kupfermünzen wollten die Leute nicht nehmen. Warum? weiss ich nicht, denn so nahe der Grenze, konnten sie dieselbe leicht wieder verwerthen. Amole oder Salzstücke hatten bei ihnen auch keine Währung, übrigens besassen wir auch noch keine. Für jede Kleinigkeit verlangten sie einen Thaler, und so erhielten denn auch die Musikanten für das vorhin erwähnte Ständchen einige Thaler. Allerdings etwas unvorsichtig von mir, denn meine Grossmuth zog mir nun alle Musikbanden der Umgegend auf den Hals. Jede Ortschaft schickte ihre Musik. Aber damit war es noch lange nicht genug.

Johannes, mein Dolmetsch, kam plötzlich mit dem Rufe ins Zelt gestürzt: „Die Geistlichkeit, die ganze Geistlichkeit kommt!“ Ich bat Stecker, Anordnung zu treffen, dass man unsere Lehnsessel vor die Zelte trage, einen Teppich ausbreite, um die Herren draussen zu empfangen, denn gerade bei der abessinischen Geistlichkeit ist der grösste Schmuz, da man es für gottgefällig hält, sich so wenig wie möglich oder auch nie zu waschen, es sei denn, dass man sich der Wiedertaufe unterzieht.

Und da kamen denn die würdigen Diener der abessinischen Kirche wirklich heran: langsam in feierlichem Schritt, wie es solchen heiligen Männern geziemt, alle im Ornat; der erste mit einem monstranzähnlichen Instrument, der andere mit einem Kreuz, der dritte mit einer Kirchenschelle, der vierte mit einem seidenen Fähnlein; im ganzen etwa 30 Personen, Knaben und Mönche einbegriffen, letztere mit gelben Käppchen und Ledermantel. Im Halbkreis standen sie vor meinem Zelt und begannen Litaneien zu singen, ja, sie tanzten sogar, und ich möchte ihre dabei gemachten Bewegungen keineswegs anständig nennen, wenigstens wie wir die Sache auffassen. Ich liess endlich dem Oberpriester einige Thaler reichen, worauf er eine lange Rede hielt: „Wir sind nicht des Geldes wegen gekommen, sondern um die Ankunft eines weit hergekommenen Glaubensgenossen zu feiern!“ u.s.w. Ich erwiderte: das Geld sei nicht für sie, dazu sei es viel zu wenig, sie möchten es den Armen ihres Sprengels geben. Damit, glaubte ich, habe die Geschichte ein Ende. Aber weit gefehlt. Die ganze Gesellschaft fing an, sich zu setzen und von neuem zu singen. Wie der Dolmetsch mir mittheilte, sangen sie jetzt mein Loblied, und erst als sie beim Dunkelwerden merkten, dass trotz der überschwenglichsten Lobeserhebungen nichts mehr herauszuschlagen sei, zogen sie ab. Aber ganz früh am andern Morgen vor Sonnenaufgang weckte man mich abermals durch Musik. Die Musikanten, weil maulthierberitten, kamen entweder weit her oder waren vornehm: der eine von ihnen, ein Minnesänger, trug sogar ein Ehrenkleid von Goldbrokat. Ihre Instrumente waren dieselben, und eine Art einsaitiger Violine war auch dabei.[73] Nachdem sie eine Zeit lang gesungen, liess ich ihnen der Vorsicht halber, um nicht allzu sehr von Musikanten überlaufen zu werden, blos einen Thaler verabreichen. Der Hauptbarde meinte zwar, dass wol ein jeder von ihnen einen Thaler verdient habe, da sie so weit hergekommen seien. Indess ritten sie doch, mit der kleinen Gabe zufrieden, davon, und ich muss hier sagen, dass sich fast immer abessinische Bettler als genügsam und freundlich bescheiden erwiesen.

Da die Aschuma wieder zurückkehrten, so musste ich das Anerbieten des mir entgegengeschickten Offiziers, mir Ochsen und Esel zum Transport meiner Sachen nach Tsatsega zu stellen, annehmen. Ich beschloss aber, sobald wie möglich Maulthiere zu kaufen, um ganz unabhängig von der Regierung reisen zu können. Denn gerade das macht eine Reise in Abessinien so entsetzlich unangenehm, wenn man nur auf die Hülfe der Regierung angewiesen ist. Freilich kann man dadurch erheblich sparen, denn die Dorfbewohner sind ja gezwungen, das Gepäck des Reisenden umsonst, entweder auf ihren eigenen Schultern oder mit ihren Thieren, fortzuschaffen. Aber wie sinkt man dadurch nicht nur in den Augen der Bewohner, die natürlich höchst ungern für einen Fremden fronen, noch unlieber, als für ihre eigenen Beamten und Vornehmen, sondern auch in der Meinung der Regierung, welche mit Verachtung auf den Reisenden oder den Gesandten herabblickt, der ihr zur Last fällt.

Das Beladen der abessinischen Rinder bereitete aber weit mehr Schwierigkeit als das der Aschuma. Ich bat daher Stecker und Karl Hubmer, mit unsern beladenen Maulthieren voranzureiten und mich beim Ras Alula anzumelden, während ich selbst mit dem Offizier und den Soldaten bei dem übrigen Gepäck zurückblieb. Erst ziemlich spät brach ich auf. Der Weg nach Tsatsega, ca. 22 km entfernt, bietet keine grosse Schwierigkeit. Die Gegend ist grossgehügelt, manchmal mehr oder weniger mit Büschen bestanden. Vereinzelt erscheint nun auch der so echt abessinische Kandelaberbaum, Euphorbia kolqual. Im ganzen aber macht die Landschaft einen Eindruck von Kahlheit und Oede, denn wenn man auch auf zahlreiche, nach Westen abdachende, die Gegend belebende Wasserfäden und nach so schrecklichen Zeiten und Kriegen mit Staunen und Freude auf die grossen und schönen Rinderheerden blickt, so erinnern einen doch immer und immer wieder die eingeäscherten Dörfer an die Schreckensscenen, welche sich vor kurzem hier abgespielt haben mögen. Man passirt nur einen bewohnten Ort, Baderho, wo der General eine Ehrenwache, eine Compagnie gut bewaffneter Soldaten, hatte aufstellen lassen, unter deren Begleitung ich weiter zog. Endlich erblickt man auf einer Anhöhe, wo sich auch die grosse Kirche von Adeköntschi befindet, das imposante Lager. Man durchreitet noch den Mai Gola und ist dann inmitten der Truppen, welchen man für gewöhnlich die Vertheidigung des Landes gegen den Erzfeind, den Aegypter, anvertraute.