SIEBENTES KAPITEL.
EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.
Ras Alula’s Wohnung. – Balata Gebro. – Geschenke. – Ras Alula’s Aeusserungen. – Gebro’s Besuch. – Das Lager. – Bewaffnung und Ernährung der Soldaten. – Herr Lombard. – Abschied vom Ras Alula und Gebro. – Ehrlichkeit der abessinischen Diener. – Hauptmann Mariam. – Der Mareb. – Vegetation. – Das Profitmachen abessinischer Beamten. – Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks. – Heuglin’s Irrthum. – Der Ort Godofelassi. – Der Abstieg zum Mareb. – Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. – Der Mareb. – Die Stadt Adua. – Der Waffenschmied Mr. Baraglion. – Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. – Der Markt in Adua. – Schwatzhaftigkeit der Abessinier.
Es ist Sitte in Abessinien, dass Fremde, sobald sie einen Gouverneur, einen Ras, einen Negus oder auch den Negus Negesti besuchen, sofort nach ihrer Ankunft, ehe sie ihre Wohnung beziehen, sich zu demselben begeben. So denn auch ich. Aber ein solcher Besuch dauert nur einige Minuten, man sagt Guten Tag, das ist alles.
Beim Betreten des sehr umfangreichen Lagers empfingen mich von allen Seiten Soldaten, Frauen und Kinder, sodass meine Ehrenwache nur mit grosser Mühe die Andrängenden von mir abzuhalten vermochte. Die auf einem beherrschenden Punkte mitten in Tsatsega errichtete Reisigwohnung des Generals bestand aus einer grossen Veranda von Holz und Laub, die in eine sehr geräumige runde, mit spitzem Dache versehene Hütte führte. Vorhof und Hütte waren gedrängt voll von verschiedenen Würdenträgern, welche dem Ras zur Erhöhung seines eigenen Glanzes dienen sollten. Denn schliesslich sind ja auch dem Menschen die Menschen selbst ein höherer Schmuck als grosse Säle mit Prunkstücken.
Ras Alula sass auf dem Angareb, d.h. auf der mit Lederstreifen überspannten Bank, welche, abgesehen von der uns nicht angenehmen Höhe von 80 cm, recht bequem ist. Auf den Lederstreifen liegen zur Bereicherung des Sitzes Teppiche und Kissen. Neben seinem Angareb befand sich ein ähnlicher für mich, und auf der andern Seite ein grosser, auf der Erde ausgebreiteter Teppich, auf welchem die Anwesenden, welche das Recht oder die Erlaubniss hatten, in seiner Gegenwart zu sitzen, nach Art der Türken Platz nahmen. Hinter dem Angareb des Ras stand ein junger Mann, trotz seiner Jugend schon Oberst und überdies Verwalter eines wichtigen Amtes: er war Oberstfliegenwedler.
Nach kurzer Begrüssung ging ich auf den Ras zu und gab ihm die Hand; er fragte nach meinem Befinden und erzählte, was mir besonders auffiel, unmittelbar darauf, dass er soeben von den abessinischen Provinzen Bogos und Mensa Steuern eingetrieben, d.h. sie ausgeplündert habe, denn das ist in diesem Falle darunter zu verstehen. Mein Dolmetsch, Johannes, war nicht zur Stelle, und die Unterhaltung ging nur schwierig von statten, weshalb ich mich bald verabschiedete. Die Ehrenwache begleitete mich zum Wohnplatz des Generals Balata Gebro, jenes bekannten Freibeuters, welcher 1876 den ägyptisch-amerikanischen Geologen Mitchell gefangen nahm.
Die sehr geräumige Wohnung Balata Gebro’s bestand aus verschiedenen grossen umzäunten Hütten, Zelten u.s.w., die er fast ganz zu unserer Verfügung stellte. Stecker jedoch, der meinen Widerwillen gegen abessinische Wohnungen kannte, gerieth mit ihm in grossen Wortwechsel, da er unsere Zelte ausserhalb der Umzäunung wollte aufschlagen lassen, was Balata Gebro entschieden verweigerte, indem er sich auf Befehle berief und meinte, nur innerhalb seines Gehöftes uns vor Neugierigen schützen zu können.
Und so mussten wir denn die Zelte innerhalb der Umzäunung aufschlagen lassen. Bald darauf schickte der Ras einen Ochsen, ein Schaf, 100 Brote, einen Topf mit Butter, einen Topf mit Honig und einen Sack mit Gerste, mit der Erklärung, dass von jetzt an alle Tage in jeder Ortschaft diese Lieferung an mich zu geschehen habe. Natürlich übergab ich dem Ueberbringer das entsprechende Gegengeschenk in Geld.
Am folgenden Tage, am 1. Januar 1881, überreichte ich dem Ras meine Gaben: einen Winchesterkarabiner (Repetirgewehr zu neun Schuss, von Lefaucheux in Paris), eine schön vernickelte Weckuhr, einen grossen wurzener Teppich und seidenen Sonnenschirm, beide Stücke für Frau Ras Alula. Alles fand den Beifall des Generals. Sodann wurde Tetsch gereicht. Als ich, wie tags vorher, mein Glas auf einen Zug leerte – in Massaua hatten mir die Europäer gesagt, es sei das so Sitte bei den Abessiniern – fragte mich der General verwundert lachend, warum ich den Inhalt so schnell leere? Auf meine Antwort erwiderte er: „Was wissen die verfluchten Türken von unsern Sitten? Im Gegentheil, wir trinken langsam und nie viel auf einmal.“ Aus der jetzt zwanglosen Unterhaltung will ich nur die Worte Ras Alula’s anmerken: „Wenn Aegypten uns nicht die uns geraubten Provinzen zurückgibt, werden wir Massaua und Chartum zerstören.“