Abends besuchte uns in unserm Zelt Balata Gebro. Wahrscheinlich hatte er tagsüber schon viel Tetsch getrunken. Er lehnte den Thee ab, den wir gerade tranken, aber einige Wassergläser voll Cognac – noch dazu Hennesy Cognac – verschmähte er nicht, sodass er bald in sehr erregter Stimmung zu prahlen anfing: „Bin ich nicht der gefürchtete Balata Gebro? Reicht nicht mein blosser Anblick hin, um 2000 Türken in die Flucht zu jagen? Ich bin der Held, der jenen Diener der Ungläubigen, Mitchell, gefangen nahm! Ich tödtete mit eigener Hand 100 Aegypter. Ich entmannte mit eigener Hand 25 Ungläubige.[74] Ich bin der Starke und Unüberwindliche. Ich bin der Träger des schwarzen Leopardenfells. Es mögen 5000 Türken kommen, ich allein werde sie vernichten. Man nennt mich den magern Balata Gebro, aber der magere Balata Gebro ist ein Löwe. Man nennt mich den magern Balata Gebro, aber der Balata Gebro entmannt und tödtet alle seine Feinde!“

So ging es noch lange weiter, bis ich seine Besiegung beschleunigte durch ein viertes Wasserglas voll Cognac, den Rest der ganzen Flasche. Er goss es hinunter und stürzte dann wie angeschossen zum Zelt hinaus nach seiner gegenüberliegenden Wohnung, um dort seine Niederlage zu verschlafen.

Merkwürdigerweise schien Balata Gebro am folgenden Tage vom Katzenjammer nichts zu spüren. Als ich morgens um 5 Uhr zum Frühgottesdienst ritt, kam er mir schon entgegen, da er mit dem Ras bereits ganz früh zur Kirche gewesen war. Diese dem heiligen Michael gewidmete Kirche von Tsatsega zeichnet sich durch nichts Besonderes aus: nur die reich mit Elfenbein ausgelegte Bundeslade, angeblich 500 Jahre alt, ist sehenswerth. Als wir zur Kirche kamen, war trotz der frühen Stunde der Gottesdienst schon vorüber, welcher eigentlich von Mitternacht bis Sonnenaufgang dauert. Die Geistlichkeit, einige im Vorhof lungernde Mönche und Nonnen bekamen ihr Geldgeschenk und wir dafür den Segen.

Tsatsega liegt 2328 m über dem Meere auf dem rechten Ufer des Mai Gola, eines der Quellflüsse des Anseba. Der Ort selbst, welcher aus wenigen Hütten von Thon besteht, ist unwichtig, wichtiger das umfangreiche Lager. Indess fand ich die Grösse desselben und die Zahl der anwesenden Soldaten sehr übertrieben. Ich glaube kaum, dass in Tsatsega mehr als 2000 Soldaten standen, mit Alten, Weibern und Kindern im ganzen 10000 Seelen. Wenn aber dennoch der Ras Alula im gewollten Augenblick über vielleicht 20000, ja 50000 Mann gebieten kann, so muss man bedenken, dass die grösste Zahl der dem Bauernstande angehörenden bewaffneten Soldaten beurlaubt werden, aber verpflichtet sind, auf den ersten Ruf zu erscheinen. Das Lager war in Gruppen geordnet. Um ein grösseres Zelt, um eine grössere Hütte standen kleinere für die Soldaten, sodass der Offizier oder der Anführer immer inmitten seiner Untergebenen sich befand.

Was die Soldaten anbetrifft, so fand ich eine grosse Veränderung zwischen denen, welche ich zur Zeit des Kaisers Theodor sah, und denen des jetzigen Negus Negesti. Theodor’s Soldaten hatten nur in vereinzelten Fällen und obendrein vorsündflutliche Gewehre; meistens nur Spiesse, Säbel, Schilde u.s.w. Spiesse und Schilde sind auch heute noch da, aber dass sie aus der Mode kommen, merkt man an der unsorgfältigen Arbeit. Nur selten noch sieht man jene sonst so häufigen, mit schönem Gold- und Silberfiligran versehenen Luxusschilde.

Jetzt sind fast alle Soldaten, sobald sie im Felde stehen, stets mit Flinten bewaffnet. Und wenn man auch noch oft genug Lunten- oder Steinschlossflinten sieht oder solche mit dem schon neuern Zündhütchenschloss, so findet man doch auch viele Hinterlader. Mindestens 15000 Remingtongewehre sind mit ausreichender Munition im Besitze des Negus. Man darf aber keineswegs glauben, dass die Soldaten Abessiniens irgendeinen Vergleich mit unsern regelmässigen Armeen aushalten. Bei weitem nicht einmal mit den ägyptischen, vielleicht nicht einmal mit den marokkanischen Truppen. Der abessinische Söldling bekommt nie Sold, der Offizier nie Zahlung. Die Soldaten sind wie die Civilpersonen gekleidet. Eine Schama, meist herzlich schlecht und immer von sehr zweifelhafter Reinlichkeit, darunter Hose und Hemd aus Baumwolle, bilden die Uniform. Der Kopf barhaupt, aber das Haar mit Vorliebe in kleinen oder auch grossen Wulsten geflochten, dazu ein dicker Siegelring und um die Schultern ein Schaf- oder Ziegenfell mit 2 Fuss langen Fransen, oft auch statt dessen ein Löwen- oder Pantherfell für die besonders Tapfern – das ist der Schmuck der Soldaten. Ausserdem im Sommer stets noch der unvermeidliche tellerartige Sonnenschirm von Stroh. Endlich ein langer krummer Säbel an der rechten Seite. So ausstaffirt kommt der abessinische Soldat daher. Stolz blickt er auf jeden hernieder: ihm gehört das Land, für ihn muss der Bauer arbeiten. Er selbst arbeitet nie, auch der geringste Soldat rührt nichts an, um etwa seinen Unterhalt zu erwerben. In dieser Beziehung hat er ganz den dummen Dünkel der mittelalterlichen Barone und Lanzknechte. Ja, er ist so eitel, dass er nicht einmal selbst seine Waffen trägt, dazu hat er seinen Pagen, seinen Waffenträger, ganz wie die Cavaliere des Mittelalters. Und man merke wohl, ich rede immer vom gemeinen Soldaten. Diese jungen Waffenträger, oft nur im Alter von zehn bis zwölf Jahren, alle freiwillig sich stellend, welche zuerst als solche eintreten und für ihren Dienst nichts erhalten als einen Theil der Beute beim Plündern, bilden die Rekruten des abessinischen Heeres. Im Alter von 18 Jahren oder auch schon früher suchen sie sich einen Schild zu verschaffen, denn der Schild gilt immer noch als besonderer Kriegsschmuck, namentlich wenn etwas Silber daran ist; dazu einen Säbel, ein Gewehr, und nun überreden sie andere Knaben, ihre Aeltern zu verlassen und in den Wehrstand zu treten. Aber wenn die Generale, die Offiziere und Soldaten nie Löhnung bekommen, wovon nähren, wovon kleiden sie sich? Mit den Lilien auf dem Felde kann man sie doch wol nicht vergleichen. Ausschliesslich von Plünderung! Die Beute wird regelrecht vertheilt. So und so viel bekommt der Anführer, so und so viel die Offiziere, so und so viel der Soldat. Daher auch die ewigen Raubzüge der Abessinier. Der Negus, die Grossen, welche eine seiner Armeen commandiren, müssen fortwährend Krieg führen, um ihre Truppen ernähren zu können. Das ist recht traurig, denn eigentlich ist es ein beständiger Krieg einiger gegen alle. Solange der Kriegszustand mit Aegypten dauert, kann man in diesen Raubzügen wenigstens eine gewisse Gesetzmässigkeit erblicken: man findet es begreiflich, dass die Abessinier sich für die geraubten Provinzen zu entschädigen suchen. Und solange noch auf der Grenze Völker und Gegenden existiren, auf welche der Negus Negesti glaubt seine vermeintliche Souveränetät ausdehnen zu müssen, kann man in den Kriegszügen wenigstens einen Schein von Recht entdecken. Aber wenn nun alles das einmal aufhört, wenn es gelingt, mit Aegypten Frieden zu schliessen, wenn die angrenzenden Provinzen unterworfen sind: was dann? Das ist eine Frage, welche ich kaum wage zu beantworten. Entweder man muss das Heer bedeutend vermindern, und im Innern würde dabei für die Regierung gar keine Schwierigkeit vorliegen, weil sie im Besitze der vielen Amben, d.h. natürlichen Festungen, mit Leichtigkeit auch das widerspenstigste Volk zügeln könnte, oder aber man muss das eigene Volk ausplündern. Regelmässige Abgaben nämlich gibt es bisjetzt nicht in Abessinien. Zwar steht dieses Land durch seine Religion immerhin auf einer relativ hohen Stufe der Cultur, aber wie unendlich viel ist darin noch zu thun!

Ras Alula hatte zu meiner schleunigen Abreise ebenso viel Lust wie ich selber. Wahrscheinlich kam ihm der Befehl, mich so rasch wie möglich zu befördern. Zwar erhielt ich von Herrn Hassen Bei aus Massaua die Meldung, dass Professor Reinisch meinen Dolmetsch Johannes für die österreichischen Jagdherren, Fürst Esterházy u.s.w., angeworben habe, aber ich trauerte seinetwegen nicht lange: einestheils dolmetschte er entsetzlich schlecht, andererseits war er trotz seines wiener Aufenthaltes körperlich schmuziger als der schmuzigste Abessinier. Ausserdem erhielt ich von Ras Alula das Versprechen, dass ich Schimper von Adua mitnehmen dürfe. Johannes wollte mich überdies noch einige Märsche begleiten.

Wie ich früher schon erwähnte, waren Herr und Frau Lombard vor mir aufgebrochen und demnach auch früher beim Ras Alula angekommen. Ich konnte am ersten Tage ihre Wohnung von der meinigen aus bemerken, da ich ihre französische Flagge sah. Am Tage meiner Abreise erblickte ich die Fahne nicht mehr. Wir haben uns im Lager nicht gesehen. Für mich lag keine Veranlassung vor, ihn zu besuchen, und er wollte vielleicht nicht zu mir kommen. Herr Raffray, der französische Consul, gab mir noch einige hundert Thaler für ihn mit, die ich ihm gegen Quittung in Tsatsega zustellen liess. Ich erfuhr nun, dass dem Herrn Lombard die Reise ins Innere Ras Alula untersagte, dessen Worte mir Balata Gebro folgendermassen wiederholte: „Ich weiss nicht, was Herr Lombard eigentlich beabsichtigt. Einmal will er nach Schoa, dann wieder zum Negus Negesti. Ein andermal verlangt er sogar von mir die Abhaltung einer Revue! Dann wieder ist er mit den gelieferten Lebensmitteln unzufrieden, ohne zu bedenken, dass dieselben keinem Muss entspringen, sondern eine freiwillige Liebesgabe sind.“ Und in der That, nur eine dieser Beschuldigungen, wenn sie begründet war, musste genügen, um das Mistrauen eines auch weniger mistrauischen Generals zu erwecken. Hätte Herr Lombard meine Vermittelung bei Zeiten angerufen, so konnte ich seine Weiterreise vielleicht ermöglichen. Vor allem würde ich ihm aber gerathen haben, sein Herz nicht auf die Zunge, seine Gedanken nicht auf die Lippen zu legen. Ich erfuhr sein Misgeschick erst am Tage meiner Abreise, und da war es zu spät, irgendetwas für ihn zu thun. –

Der Tag der Reise kam. Im letzten Augenblick gelang mir noch der Ankauf einiger Maulthiere, sodass mir die Regierung nicht viele Träger zu stellen brauchte. Jetzt ritt ich hinüber zum Ras, um mich von ihm zu verabschieden. In meiner Gegenwart gab er dem Hauptmann Mariam, der mich mit seinen Soldaten begleiten sollte, die letzten Anweisungen und einen schriftlichen Generalbefehl. Nun wollte ich mein Maulthier besteigen. Wie überrascht aber war ich, als ich vor dem Thore ein vorzügliches, prächtig gesatteltes Thier vorfand: eine Ehrengabe des abessinischen Ras.