EUPHORBIA KOLQUAL ODER KANDELABERBAUM.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Der Abschied von Balata Gebro war ein recht langer, obschon ich ihm gar keine besondern Geschenke dargereicht: einen ziemlich gewöhnlichen Revolver und einige hundert Mark in Maria-Theresienthalern, welche Stecker ihm heimlich zustecken musste. Er überwachte die Bepackung unserer noch durch sieben vermehrten Maulthiere und die schnelle Herstellung der Packsättel. Endlich um 10¾ Uhr setzten wir uns in Bewegung, die jedoch nur langsam erfolgte. Und dazu noch: ich hatte die Ehrenwache noch nicht abgelohnt! Jetzt die Abladung eines Maulthieres, die Oeffnung der Kiste, die Herausnahme des Geldes, und das alles unter den Augen der umstehenden Abessinier! Aber nicht genug kann ich die Ehrlichkeit der abessinischen Diener, ihr anständiges Benehmen hervorheben: auf der ganzen Hin- und Rückreise ist mir nie etwas abhanden gekommen. Auch murrten die Leute niemals, als ob sie zu wenig bekommen hätten. Und so ging es denn auch mit dieser Angelegenheit glatt ab, und die Ehrenwache zog sich ganz zufrieden zurück, während wir mit unserer kleinen Bedeckung, unter dem Commando des Hauptmanns Mariam, der uns bis zum Negus Negesti begleiten und namentlich für die täglichen Lieferungen sorgen sollte, Tsatsega verliessen.

Im allgemeinen ging es nun südlich, zuweilen westlicher und dann wieder mit östlicher Abweichung. Je mehr ins eigentliche Abessinien hinein, desto schöner und fruchtbarer wurde die Gegend. Wir passirten noch am selben Tage den Mareb, der etwas weiter östlich von der Stelle unsers Ueberganges tief eingebettete, steile, aber äusserst malerische Ufer hat. Ein kleiner Wasserfall belebt noch die wundervolle Scenerie. Trachyt, Basalt herrscht hier noch vor; der Kandelaberbaum drückt der Pflanzenwelt den Stempel auf; der Grund ist dick bestanden mit einem binsenartigen Gras, tara ualia, d.h. Mädchenhaar, das vielleicht auch einmal für die Industrie dienstbar gemacht werden kann, wie die Stipa tenacissima. Bei 2000 m Höhe lagerten wir nachts in der Nähe eines kleinen Dorfes Namens Addi Saul. Hier bemerkten wir zum ersten mal jene saftgrünen schönen Palmen, wahrscheinlich eine wilde Phönix, mit sehr feinen Wedeln, die Früchte reifen jedoch nicht, sind daher nicht geniessbar. Statt des Ochsen brachte uns der Schum (Ortsvorsteher) drei Schafe; der mich begleitende Hauptmann wollte nun zwar noch Geld drauf haben, aber ich verbot das ein für allemal.

Es ist eine in Abessinien ganz gewöhnliche Sitte – und man sagte mir, was ich kaum glauben mag, dass selbst europäische Reisende, sogar officielle Abgesandte dieselbe mitzumachen sich nicht scheuten! – dass die einheimischen Beamten, wenn sie für den Negus oder sonst in officiellen Diensten reisen, sich nicht unerhebliche Summen dadurch zusammenbringen, dass sie sich täglich die ihnen zukommenden Rationen in Geld auszahlen lassen. Gesetzt den Fall, sie haben, wie ich damals, das Anrecht auf täglich ein Rind, ein Schaf, einen Topf Honig, einen Topf Butter und einen Sack mit Gerste, so repräsentirt dieses unter Brüdern ca. acht Maria-Theresienthaler. Sie überlassen nun alles dem Schum, um ihm auch einen Vortheil zu gönnen, für vielleicht fünf Thaler baar, stecken das Geld ein und profitiren somit bei einer Reise von 30 bis 40 Tagen 150–200 Thaler, für Abessinien eine enorme Summe, eine Summe, welche nach unsern Verhältnissen mindestens 1000–1500 Thaler beträgt. Und der echte abessinische Beamte treibt das Handwerk noch besser, indem er sich von den auf seiner Marschroute immer vorgeschriebenen Ortschaften, auf welche seine Verpflegung lautet, diese in Geld zahlen lässt, dafür aber andere benachtheiligt, die ihm Nahrungsmittel in natura liefern müssen.

Es sollen, wie gesagt, europäische Reisende auch geldlich von diesem System profitirt haben, und unmöglich ist es nicht, denn selbst mir bot man einmal drei Thaler, wenn ich auf ein zu lieferndes Rind verzichten wollte. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich Herrn Schimper, meinen damaligen Dolmetsch, beauftragte, auf das Rind sowol wie auf das Geld zu verzichten. Ein für allemal hatte ich beschlossen, die Lieferungen durch Geld auszugleichen, und bei den billigen Preisen konnte dies ja auch leicht geschehen. Gordon war in dieser Beziehung mit gutem Beispiel vorangegangen, oft vielleicht zu grossartig aufgetreten; aber ich wollte nicht, dass der Vertreter Deutschlands hinter ihm zurückstände. Vollkommen unbegreiflich finde ich es denn auch, wenn verschiedene Reisende, welche doch wissen und fühlen müssen, dass derartige Lieferungen wenigstens für Europäer „Gastgeschenke“ sind, auftrumpfen, wenn sie nicht einlaufen und dann wol noch gar ohne entsprechende Geldgeschenke abziehen!

Die erste bedeutende Stadt, Namens Godofelassi, wenn ein Ort von ca. 1200 Einwohnern Stadt genannt zu werden verdient, erreichten wir, nach vielen Mühen und Weitläufigkeiten mit unserm Gepäck, am 7. Januar. Da ich noch nicht alle nothwendigen Maulthiere besass, so war ich immer noch für einen Theil des Gepäcks auf Träger angewiesen. Träger bekommt man stets nur mit Widerstreben, und dann gehen sie blos von Ort zu Ort. So musste manchmal ein Gepäckstück oder zwei liegen bleiben in einem Ort, da man so schnell keine Träger auftreiben konnte. Dann ging der uns begleitende Offizier zurück, und spätestens am andern Tage hatte ich alle meine Sachen wieder. Damals ärgerte ich mich über diese kurze Verzögerung. Bei ruhigem Nachdenken jedoch staune ich jetzt über die Schnelligkeit, mit der man alles Gepäck fortschaffte. Der arme Abargues de Sosten, welcher zum Fortschaffen des seinigen gar keine eigenen Maulthiere besass, musste wochenlang auf dasselbe warten. Eine Kiste lag am Wege, eine andere in einem Dorfe, eine dritte irgendwo. Und wunderbar! bei dieser Transportweise hat sich kein Reisender beklagt, dass ihm irgendetwas abhanden kam.

Die Gegend, welche wir durchzogen, war prachtvoll. Wie ein grosser mit herrlichen Bäumen bestandener Park; schöngrüne, blühende, oft durch reiche Culturen unterbrochene Büsche; Felder mit Schimbera (Lathyrus), einer Hülsenfrucht, welche fast wie Erbsen aussieht und schmeckt; Kolqual und Mimosen; am Wasser stets riesige Sykomoren!