Erwähnen muss ich, dass der sonst so zuverlässige Heuglin in seinen Angaben auf dem Wege nach Godofelassi eines Vulkans erwähnt. Er sagt darüber[75]: „3–5 Meilen westlich von unserm Weg zieht sich ein niedriges tafelförmiges Hügelland hin, Daba Meda (Meda heisst Ebene) genannt, an dessen Ostrand sich ein Krater mit Caldera und pyramidalem Eruptionskegel im Centrum erhebt; der Berg oder die Gegend heissen Az-Schemer. Die relative Höhe des Vulkans schätze ich auf 3–400 Fuss, die Kraterwände scheinen nach innen sehr steil abzufallen und sein Rand ausserordentlich scharf zu sein.“ Man könnte fast versucht sein, aus dem Worte „caldera“ zu schliessen, es handle sich um einen noch thätigen Vulkan. Aber trotz der überall vulkanischen Gesteinsmasse der Gegend gibt es keine thätigen feuerspeienden Berge oder Geiser in Abessinien. Der Berg und Name Az-Schemer[76] existirt gar nicht. Wahrscheinlich meinte Heuglin den bei Addi Baro liegenden Berg Addi- oder Az-Schikel, welcher jedoch nie ein Vulkan war. Ferner ist Daba Matta (nicht Meda, hat also auch nichts mit Ebene zu thun) ein mächtiger Gebirgsstock, welchen man schon von Adua im Süden, von Asmara im Norden sehen kann, ein Wegweiser und Wahrzeichen, von dem es nur auffällt, dass ihn Heuglin übersah.

Prachtvolle Pferde wurden in Godofelassi zum Verkauf angeboten, zu 6–12 Thaler das Stück, gute Maulthiere nur spärlich, aber meiner Heerde konnte ich doch einige hinzufügen. Wir erstaunten über die vielen Hyänen und Schakale, welche unser Lager umschwärmten, letztere zeigten sich sogar am Tage. Neun Diener zur Vervollständigung unserer Karavane wurden angeworben; einen, welcher aus Eitelkeit sich weigerte, Holz zu holen, weil das, wie er behauptete, Frauenarbeit sei, entliess ich.

Godofelassi, früher halb christlich, halb mohammedanisch, hat jetzt nur noch einige mohammedanische Familien und dürfte überhaupt wol einer der wenigen Plätze sein, welchen Mohammedaner bewohnen. Denn im Jahre 1880 erliess der Negus Negesti einen Befehl, demzufolge alle Mohammedaner zur christlichen Kirche übertreten oder auswandern mussten. Fast alle zogen es vor, sich taufen zu lassen, wodurch ein ganz neues frisches Element unter die christlichen Abessinier kam, nicht etwa, weil ein volksthümlicher Unterschied zwischen Mohammedanern und Christen bestanden hätte, sondern weil erstere vor letztern sich durch Arbeitsamkeit und Kunstfertigkeit auszeichneten.

Je näher dem wahren Ufer des Mareb, desto mehr bedeckt sich die Gegend mit basaltischen Steinmassen, welche das Gehen – eigentliche Wege gibt es ja in Abessinien nicht – sehr erschweren. In Adi[77]-Dochale nächtigt man gewöhnlich und beginnt dann am folgenden Morgen, je früher desto besser, den Abstieg, der, obgleich nicht sehr hoch, ca. 500 m, doch ganz fürchterlich ist und das Reiten stellenweise fast zu einer Unmöglichkeit macht. Manchmal windet sich der Weg wendeltreppenartig hinab durch senkrecht stehende schwarzpolirte Basaltsäulen, welche an Schönheit mit denen der Fingalsgrotte wetteifern können. Wie es den Aegyptern möglich gewesen ist, hier Artillerie herabzuschaffen, erscheint unbegreiflich. Endlich sind wir bei den Granitblöcken von Gudda-Guddi, zwischen welchen Herr von Arendrup und Arakel Bei ihren letzten Verzweiflungskampf fochten. Wir zogen so schnell wie möglich durch die bleichenden Gebeine hindurch, obschon die Abessinier nicht müde wurden, uns wieder und wieder aufmerksam zu machen auf die Gruppen und Schädel der Erschlagenen, an denen man oft noch die Schuss- und Hiebwunden erkannte. Ein schreckliches, schauderhaftes Bild! Und dabei die schönste, reichste Natur, denn bei Gudda Guddi hat man nun schon eine solche Tiefe erreicht, dass die Pflanzenwelt mit einem mal wieder tropischen Charakter zeigt. Wir lagerten südlich von Gudda Guddi bei Mai Gome, im Schatten einer riesigen Akazie, welche durch ihre kleinen gelben Röschen die Luft mit balsamischen Düften erfüllte. Mai Gome ist kein Ort, sondern eine Quelle im Thal, dessen östliche Wandung den District Gundet bildet, aus mehrern Weilern bestehend, welche dem Balamberrassobe[78] unterthan sind, der hier zugleich eine Zollstation besitzt. Der stattliche Mann machte uns einen Besuch und brachte vorzügliches Weizenbrot zum Geschenk. Aber trinken konnte er! Ein grosses Quantum Absinth stürzte er ohne Zumischung von Wasser hinunter. Sein Ansehen bewies die Pünktlichkeit, womit sich die Träger und zwar in solcher Zahl einstellten, dass ich durch sie alle meine Sachen hätte fortschaffen können. Ja, am andern Tage war das von ihnen getragene Gepäck schon vor uns an Ort und Stelle.

Der Mareb, dieser bedeutende Fluss Nordabessiniens, der später den Namen Sobat, Chor el Gasch und endlich Atbara annimmt, war schon einmal als schmalster Wasserfaden von uns überschritten worden, der sich jetzt aber breitbettig, jedoch wasserlos ausweitete. Nur hin und wieder hatten sich Tümpel erhalten, welche von grössern und kleinen Fischen wimmelten. Das Wasser floss unterirdisch. Die herrlichen Bäume mit riesigen Schatten gewährten uns einen willkommenen Platz für unsere Mahlzeit. Gigantische Feigenbäume und Tamarinden, die uns ihre fast reifen Früchte boten, um durch Zerquetschen Limonade daraus zu bereiten! Die Mareb-Ebene, besonders das eigentliche Mareb-Thal hält man mit Recht für ungesund. Aber weshalb sich die südlich ansteigende Gegend, speciell Hamedo-Gegend genannt, eines so schlechten Rufes erfreut, ist mir unbegreiflich.

Schon von der Hamasenschen Hochebene aus haftet der Blick an den bei Adua liegenden Bergen, von so wechselnder und seltsam wunderlicher Gestalt, dass man nicht weiss, ob die Aduenser Berge oder die von Semien malerischer sind. Immer deutlicher zeichneten sie sich jetzt ab, und wenn man bei Daro Tachele die Mareb- oder, wie sie auch genannt wird, Daro Tachele-Ebene verlässt, hat man sie dicht vor sich.

In der Nähe der Hauptstadt von Tigre schickte ich einen meiner Diener voraus, um Schimper meine Ankunft wissen zu lassen. Auch sollte er ihm den Brief des Grossherzogs von Baden einhändigen, worin dieser ihm anempfahl, in meine Dienste zu treten. Adua’s Nähe äusserte sich nicht nur durch die grössere Dichtigkeit der Ortschaften, sondern auch dadurch, dass man von Daro Tachele an ganz vereinzelt und einsam liegende Gehöfte erblickt, was in Hamasen bei so unsichern Zuständen nie vorkommt.

Den mächtigen Scholoda-Berg umgehend, hatten wir einen Vollblick auf Adua. Sofort erkannte ich die Stadt wieder, welche ich im Jahre 1868 schon einmal mit Herrn Stumm besuchte. Wie damals, liess ich auch jetzt ausserhalb der Stadt Lager schlagen und zwar auf dem rechten Ufer des Mai Gogo, welcher sich dicht unterhalb Aduas mit dem bei dieser Stadt vorbeifliessenden Assam verbindet. Adua mit seinen grossen Kirchen und einigen nicht nach der allgemeinen Schablone gebauten Häusern, welche mehr europäisch aussehen, nimmt sich, zumal mit seinem prachtvollen Berghintergrunde, äusserst malerisch aus. Es ist, namentlich in den letzten Jahren, so oft beschrieben worden[79], dass ich dabei nicht zu verweilen brauche. Verändert hat sich nichts seit meinem letzten Besuche, nur ein grosses Gehöft: die Wohnung des Negus Negesti am Fusse des Scholoda, dann eine grosse neue Kirche, welche der Negus aus Dankbarkeit für die über die Aegypter erfochtenen Siege errichten lässt und an deren innerer Ausschmückung man noch immer arbeitet, sind Neubauten.

Gleich nach meiner Ankunft suchte ich Schimper auf, fand ihn aber nicht zu Hause, da er mit dem Gouverneur von Tigre, Lidj-Ambe, einem Neffen des Negus Negesti, verreist war. Indess konnte ich doch einen Einblick thun in die Wohnung Schimper’s, welcher in Abessinien den Namen Ngdaschit führt, und freute mich, dass er, der kein geborener Deutscher ist, sondern nur etwa während zehn Jahre in Deutschland Erziehung genoss, aus unserm Vaterlande den Sinn für Reinlichkeit mitnahm. Ein sogleich abgeschickter Bote sollte Schimper von meiner Ankunft in Kenntniss setzen. Inzwischen schlugen wir Lager auf; einige Tage wollten wir hier bleiben.

Nun bekam ich auch Besuch von einem Europäer und zwar dem einzigen, der sich hier befand, einem Franzosen, Mr. Baraglion, einem echten Provençalen, welcher seit Jahren in Abessinien als Waffenschmied sich einiges Geld erwarb. Aber in Abessinien war leichter hinein- als wieder herauszukommen. Man verweigerte ihm stets die Erlaubniss, man brauchte ihn eben; er war der einzige wirkliche Waffenschmied im ganzen Lande, der sich auf die Ausbesserung von Flinten neuester Construction verstand. Zwar gelang es ihm, einen Theil seiner Gelder nach Massaua in Sicherheit zu bringen, aber er hatte noch eine namhafte Summe bei sich. Endlich erlaubte ihm der Negus Negesti Abessinien zu verlassen.[80] Aber mit wem die Reise machen? Mit Bianchi etwa, welcher kurz vorher durch Adua kam? Aber der schien ihm zu wenig Sicherheit zu bieten. Mit einer abessinischen Karavane? Die Abessinier würden mir das Geld geraubt haben, meinte er. Ganz allein? Nimmermehr! Da dachte er denn mit mir zu reisen, ich schien ihm zu seiner Befreiung aus diesem „Affenlande“, wie er Abessinien nannte, die meiste Gewährschaft zu bieten. Er wolle geduldig meine Rückkehr abwarten. Ich sagte ihm, sein eigener Consul, Herr Raffray, würde bald eintreffen. Aber er wollte nichts davon wissen. Und so versprach ich ihm denn, seinen Wunsch nach meiner Zurückkunft zu erfüllen.