Lidj-Ambe, der Gouverneur, und Schimper kamen am folgenden Tag und letzterer direct zu mir geritten, um mich zu einem Besuche beim Gouverneur einzuladen. So ritten wir denn hinüber: alle unsere Diener mit Flinten und in neuen weissen Schama hinein in die Stadt mit den engen ungepflasterten Strassen, die jedoch eines gewissen Reizes nicht entbehren, da aus dem Mauerwerk grüne Kräuter und Buschwerk hervorwuchern und über die Mauern Uonzabäume, Cordia abessinica, Arundo donax und wilde Oelbäume ragen.

Lidj[81]-Ambe, welcher Dedjatsch ist, hat, obschon Prinz und Neffe des Negus Negesti, keineswegs eine so hervorragende Stellung wie Ras Alula, der Gouverneur von Hamasen. Dies zeigt sich auch an seiner Wohnung, welche kleiner, und an seinem Gefolge, welches geringer an Zahl ist. Lidj-Ambe entfaltete allen ihm möglichen Pomp, unterstützt zumal von Adua selber mit seinen grossen Kirchen und seiner hochgestellten Priesterschaft, welche der Gouverneur von Hamasen nicht aufweisen konnte. Diese hochbeturbanten[82] Priester gaben der Gesellschaft des Lidj-Ambe und ihm selber ein gewisses Relief. Im Anfang steif und zurückhaltend, unterhielt man sich bald recht zwanglos, und reichlich wurde guter Tetsch herumgereicht. Was soll man aber eigentlich mit solchen Leuten sprechen, welche an Kenntniss und Urtheil tief unter europäischer Bildung stehen? Und je grösser die Unwissenheit der Geistlichkeit, desto grösser ihr Fanatismus. – Besonders interessirte mich eine Persönlichkeit, die ich hier kennen lernte, da sie einen gewissen geschichtlichen Hintergrund hat: Mircha, Murcha oder Mirscha, der seine Erziehung in Bombay erhielt und bei Grant und Lord Napier als Dolmetsch fungirte, damals häufig erwähnt in den officiellen englischen Berichten. Leider wollte Lidj-Ambe nicht erlauben, dass Schimper mich begleite, obschon ich mich auf die Zusicherung Ras Alula’s berief. Seine beständige Antwort war immer: Ras Alula habe ihm nichts davon geschrieben. Da ich unmöglich vorher wissen konnte, dass die persönliche Freiheit in Abessinien so sehr beschränkt und der Einfluss des Ras Alula so weitreichend sei, hatte ich versäumt, mir von ihm ein Schreiben zu erbitten. Aber auf der Stelle schrieb und expedirte ich ein solches.

Wir besuchten auch einen Markt in Adua, und erstaunen muss man über die Menge der herbeiströmenden Käufer und Verkäufer, sowie über die Verschiedenartigkeit der zu verkaufenden Gegenstände. In Adua hat man als einziges Geld nur den Maria-Theresienthaler vom Jahre 1780, da das abessinische Kleingeld, die Amole[83], erst in den amharischen Provinzen Geltung hat. Indess kann man Amole kaufen. Für einen Thaler erhielten wir 48 Stück.

Der Markt von Adua findet im Nordosten auf einem keineswegs sehr ebenen und passenden Platze statt. Alles ist nach den Gegenständen auf kleine Gassen vertheilt. Hier steht das Vieh: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, auch Hühner und getödtetes Wild. Dann eine Gasse, wo auf beiden Seiten Männer, Mädchen und Frauen hinter Säcken mit Getreide, Weizen, Gerste, Bohnen und Erbsen hocken. Grosse Haufen frischen und getrockneten rothen Pfeffers zeugen von dem starken Gebrauch dieses Gewürzes. Reihen von Honig- und Buttertöpfen; viele Töpfe mit Honigwein und Bier; auf grossen Tüchern kleine Spiegel, Perlen aus Venedig und Böhmen, Flacons mit schlechten Essenzen, Barille[84], Trinkgläser, Steingut, schlechte Messer und Scheren, Schreibpapier, schwarzer, weisser und rother Zwirn, Kattun in zwei Sorten (der bessere weiss, ziemlich gut; der schlechtere fast grau, stark gegipst), bunte Taschentücher, schlechte Seidenstoffe, schlechte Tuche in rother, gelber und hellblauer Farbe, Spiegel, hier auch eine Kiste mit elendem Cognac und noch giftigerm Absinth: das ist so ziemlich, was sie von europäischen Waaren feilbieten. Endlich abessinische Stoffe: prächtig mit bunter Seide gestickte Hemden und Hosen für Damen, Schama verschiedener Güte und Grösse[85], auch einige wunderschöne Margef[86], selbst für uns von bedeutendem Preis. Aber wenn man das sehr sorgfältig ausgeführte Baumwollgewebe betrachtet, welches ein Gemisch von Wolle und Seide zu sein scheint und ausserdem an beiden Enden einen in wunderbar schönen Farben gestickten 4 cm breiten Rand zeigt, so wird man für ein solches Tuch den Preis von 150–200 Mark nicht zu hoch finden. Auch Waffen: Spiesse, Säbel, alte Flinten, Pistolen, Büffel- und Rhinocerosschilde u.s.w. Bogen und Pfeile sucht man aber in Abessinien vergebens. Selbst naturhistorische Gegenstände: Löwen- und Pantherfelle, Häute kleinerer Raubthiere und Schlangen u.s.w. Ich kaufte die schöne Haut eines Python. In einer andern Gasse rohe, getrocknete und auch roth gegerbte Ochsen-, Schaf- und Ziegenfelle. In der That ein reichhaltiger Markt! Dazu dies Getreibe! Mindestens die eine Hälfte der Menschen gehörte zum schönern Geschlechte. Wie sie lachten und kicherten, wenn wir vorbeikamen! Aber nichts von Zudringlichkeit und Frechheit, nichts von jener sklavischen Scheu und jenem Verstecken, das man bei den Mohammedanerinnen wahrnimmt.

Der Marktrichter fehlte auch nicht. Er sass auf einer Art Plattform, und die eifrigen und lärmenden Erörterungen, welche vor ihm stattfanden, bewiesen, dass Kaufen und Verkaufen doch oft Streitigkeiten veranlassen. Ein eigentliches Kaufen nach unserer Art und Weise konnte ja auch nur stattfinden, wenn es sich um Gegenstände von Thalerwerth handelte. Bei geringwerthigen Sachen fand Tausch statt: für Gerste rother Pfeffer, für ein Zicklein etwas Baumwollenstoff u.s.w. Dabei ein Zungenlärm, als befände man sich innerhalb einer geschlossenen grossen Börse. Man hat den Grundton der menschlichen Sprache aus solchen Versammlungen mit der Stimmgabel herausfinden wollen und behauptet, dass die Sprache der Engländer und Deutschen viel tiefer sei als die der Franzosen, und die der Franzosen tiefer als die der Spanier und Italiener. Ich glaube, dass, wenn man das vereinte Sprechgeräusch von tausend und abertausend Abessiniern, männlichen und weiblichen Geschlechts, gestimmgabelt hätte, würde man einen hohen Sopran gefunden haben. Wenn man aber über die Masse der Wörter und Phrasen, welche die verschiedenen Völker im Laufe eines Tages, eines Jahres, eines Lebens hervorbringen, ein vergleichendes Urtheil fällt, dann muss man jedenfalls den Abessiniern die Palme zuerkennen. An Schwatzhaftigkeit übertreffen die Abessinier sogar die Franzosen. Im Vergleich mit erstern kann man letztere Niemsi[87] nennen.

Wie oft gerieth ich in Verzweiflung, wenn mein Hauptmann Mariam das „Ja“ oder „Nein“, welches ich von ihm auf eine an ihn gerichtete Frage erwartete, mit einer halbstündigen Rede umspann. Es war so schlimm, dass ich, ihm und denjenigen meiner Diener gegenüber, die ich am meisten zu fragen hatte, zuletzt immer im voraus ausrief: „Ich will nur ja oder nein.“ Und doch wie schwer hielt es ihnen, diese so einfachen Wörter zu sagen! Sie waren jedenfalls noch unglücklicher über die Beschränkung ihres Redeflusses, als ich über die Ausströmungen ihrer Redseligkeit.

Am Abend vor unserm Aufbruchstag erhielten wir plötzlich Befehl, nicht über Axum zu reisen, sondern östlich den Weg über Sokota einzuschlagen. Anfangs glaubte ich, Ras Alula habe ebenfalls vom Negus die Weisung erhalten, nach Debra Tabor zu kommen und zwar in meiner Gesellschaft. Später jedoch erfuhr ich, dass der Weg durch Semien und westlich davon durch Rebellen oder Räuber versperrt und dies die wahre Ursache der veränderten Wegrichtung sei.

Von Schimper eine Strecke lang begleitet, zogen wir weiter, legten aber am ersten Tage nur einen kleinen Marsch zurück. Am westlichen Fusse des so merkwürdig geformten Berges Aba-Gerima schlugen wir unser Lager auf.