BLICK AUF DIE ALPEN SEMIENS.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

ACHTES KAPITEL.
VON ADUA NACH SOKOTA.

Der Amben-Bezirk. – Der Mönch. – Die dünne Bevölkerung. – Die Region des Baobab. – Die schauerliche Schlucht. – Anmeldung beim Kaiser. – Sokota, der grösste Salzmarkt.

Der geringe Einfluss Lidj-Ambe’s zeigte sich bald: der uns von ihm beigegebene Hauptmann, welcher dafür zu sorgen hatte, Träger aus den Ortschaften sowie abends Lieferungen herbeizuschaffen, fand nirgends Gehör. Zum Glück war ich auf letztere vorerst nicht angewiesen, da ich vorsorglicherweise die nächste Zukunft bedachte. Und nur für die beiden übermässig langen Geschenkkisten hatte ich Träger nöthig. Nicht, weil ich nicht genug Maulthiere besass: im Gegentheil, einige liefen stets ledig oder wurden von den Dienern geritten, sondern weil nach der Meinung der Abessinier diese Kisten überhaupt von Maulthieren nicht getragen werden könnten.

Abgesehen von der an malerischen Schönheiten überreichen Umgegend, hat man, sobald man die Höhe von Adua im Osten erstiegen, einen wunderbar überraschenden Fernblick auf die Alpen Semiens. Früher stritt man viel darüber, ob in Semien immer Schnee sei. Längst unzweifelhaft. Fast komisch musste es daher wirken, als Abargues de Sosten im Sommer 1881 nach Aegypten berichtete, er habe zum ersten mal ewigen Schnee auf den Gipfeln Semiens entdeckt. Bruce[88] allerdings leugnete merkwürdigerweise ebenfalls die Existenz des Schnees in Abessinien überhaupt, aber Gobat, Combes und Tamisier lieferten den Beweis vom Gegentheil. Seltsam nur, dass ihn Bruce nicht sah! Bei seiner Uebersteigung des Lamalmon musste er den Schnee sehen; auch vorher schon, denn man sieht ja die Semienberge aus grosser Ferne. Aber diese Thatsache passte nicht in seine Theorie von der Nilwasseranschwellung, obschon sie keineswegs irgendwie damit im Widerspruch steht. Im Gegentheil. Wir alle riefen wie aus Einem Munde: „Schnee!“ Prachtvoll glitzerte die Sonne darüber hin, und die von mir befragten Leute der benachbarten Ortschaften versicherten, dass sie diesen Anblick stets hätten.

Bald kamen wir nun auch in jenen Amben-Bezirk, welcher der abessinischen Gebirgsgegend einen so sonderbaren Charakter verleiht. Schon der Umstand, dass wir manchmal im Sande wateten, deutete auf Sandstein, und aus diesem bestehen in der That diese Königsteine, wie man die Amben nennen kann. Aber nicht ausschliesslich sind die Amben aus Sandstein, sondern auch und namentlich im Süden aus vulkanischem Gestein, z.B. Magdala. Ja, Talanta ist eigentlich Eine Amba von riesiger Ausdehnung. Bekanntlich dienen sie häufig als Gefängnisse oder bieten Mönchen und Nonnen eine sichere Stätte für ihre unzugänglichen Klöster, z.B. Debra Damo in Tigre. Als wir am 21. Januar am Katschamo lagerten, von riesigen Amben umgeben: Debra Antsa im Westen, Sattia Amba und Swandat Amba im Süden, wollte Stecker Sattia Amba besteigen, aber am Fusse derselben schon wiesen ihn bewaffnete Wächter zurück: es wären oben Staatsgefangene, niemand dürfe hinauf.