Von Sattia Amba bis nach Abbi Addi ist einer der schönsten Märsche. Der Weg läuft am Fusse der hohen Debra Amba hin durch eine äusserst liebliche Gegend, und hier entdeckten wir eine kleine Euphorbie von der Art, wie sie im Vorland bei Massaua wächst, aber nicht mit viereckigen, sondern fünfeckigen Zweigen. Man sieht hier auch häufig Steinhaufen, ähnlich den in Nordafrika unter dem Namen Bu Sfor bekannten, die wahrscheinlich aus gleichen Gründen von der früher hier befindlichen mohammedanischen Bevölkerung errichtet wurden. – Die Abessinier erzeigen den Steinen eine gewisse Verehrung. Das hübsch gelegene Dorf Takarakiro oder, wie Rüppel schreibt, Tackeraggiro, hatte zu seiner Zeit nur mohammedanische Bevölkerung. Rüppel, I, 366, sagt: „Tackeraggiro, welches aus etwa hundert meist steinernen Wohnungen besteht, dürfte etwas über fünfhundert Einwohner zählen. Diese sind insgesammt Mohammedaner und beschäftigen sich grösstentheils mit Handel u.s.w.“ Im Jahre 1881 fand ich den ganzen Ort zum Christenthum übergetreten. Südlich von Hamasen gibt es keine Mohammedaner mehr.

So hart in unsern Augen nun auch der Befehl des Negus Negesti erscheinen mag, wonach alle Mohammedaner in einer vorgeschriebenen kurzen Zeit sich mussten taufen lassen, so lässt sich andererseits nicht leugnen, dass man bei dem Hange zum Intriguiren und Spioniren durch ihren Religionswechsel diesem Unwesen einen dauerhaften Riegel vorschob. Die mohammedanischen Abessinier waren immer bereit, sich mit den mohammedanischen Feinden gegen ihr eigenes Vaterland zu verbinden. Ganz natürlich! Ihrer Religion folgend, gehorchten sie einem christlichen Herrscher nur mit Widerstreben. Die getauften Aelteren werden zwar noch immer feindselige Gesinnungen gegen die Christen, d.h. die Abessinier hegen, aber die heranwachsende Jugend nicht. Die abessinische Geistlichkeit sorgt dafür. Die Mohammedaner müssen die christlichen Fasten halten, nach christlicher Weise schlachten, eine blauseidene Schnur[89] tragen und die Mädchen sich die Excision[90] gefallen lassen: alles Gebräuche, welche, so verabscheuenswerth sie den Mohammedanern erscheinen mögen, sie zu echten Christen stempeln. Und ist der Widerwille gegen diese äusserlichen Gebräuche einmal erst geschwunden, dann kommt alles andere von selbst.

Bei Takarakiro vorbei gelangten wir nach dem reizenden Abbi Addi, wo ich auf einer wundervollen, am Mai Tankua gelegenen Wiese lagern liess, um der Hälfte meiner Diener einen Ruhetag zu vergönnen. Jeder kam nämlich einmal im Monat, um eine Kusso[91]-Cur durchzumachen. Da erlaubte ich denn, um nicht jeden Tag arbeitsunfähige Diener um mich zu haben, den Leuten alle vierzehn Tage jene Cur, der sich ein jeder mit Freuden unterzog. Ob wirklich der Genuss des Brondo[92] die Entwickelung des Bandwurms begünstigte, wage ich nicht zu behaupten, aber thatsächlich litten alle meine Diener daran. An solchen Tagen schien mein Lager ein Hospital zu sein. Schon früh morgens nahm jeder seine Portion Kusso, es wurde dazu gefastet, und wenn man die Patienten ganz und voll behandeln wollte, so gehörten dazu, wie sie behaupteten, für einen jeden schliesslich ein paar Gläser Tetsch. Da bei mir jeden Tag ein Rind geschlachtet und somit das rohe Fleisch täglich genossen wurde, ist es sehr gut möglich, dass der Genuss desselben dazu beitrug, diese lästigen Cestosen zu entwickeln. Herr Baraglion z.B., welcher sich auch an den Genuss des Brondo gewöhnt hatte, litt ebenfalls am Bandwurm. Wir, welche wir diesen widerlichen Brauch nicht mitmachten, sind indess nicht davon belästigt worden.

Unser Lagerplatz grenzte nach der Amba Gelah hin an ein prachtvolles jagdreiches Gebiet. Ich bedauerte, dass kein Jäger unter uns war. Indess erlegten wir doch einige Perlhühner und Tauben. Von hier an versuchte ich nun auch, die langen Kisten mit den Maulthieren fortzuschaffen, und es ging.

Aber welch eine entsetzliche Plage mit den Ameisen! Glücklicherweise ziehen sich diese nachts meist zurück, während die Termiten nur nachts bauen und zerstören. Wenn man ganz früh vor Sonnenaufgang die grossen Termitenhaufen betrachtet, dann wird man stets eine oder zwei frische und feuchte Stellen finden. Bricht man sie mit einem Stock auf, so trifft man die Termiten an der Arbeit des Bauens. Ebenso sieht man die Termiten, welche keine Häuser bauen, aber die gefährlichsten sind, vor Sonnenaufgang bei der Arbeit, d.h. beim Werke der Zerstörung. Hebt man dann eine Holzkiste auf oder einen andern Gegenstand, welcher unmittelbar den Boden bedeckt, so kann man sie auf der That ertappen. Etwas später haben sie sich zurückgezogen, und man sieht dann nur die Wirkungen. Bei Tage bemerkt man nie die Termiten.

An unserm Lager kam ein Zug Gefangener vorbei, mit schweren eisernen Ketten an Armen und Beinen, sodass ein Entlaufen unmöglich schien. Und doch brachte uns bald darauf der sie begleitende Offizier die Nachricht: es habe sich ein und dazu noch mit einem Soldaten zusammengeketteter Gefangener geflüchtet. Auf unsere Frage, wie denn das möglich sei, erwiderte er: „Beide nahmen reissaus.“ Allzu viel ist ungesund, dachte ich. Meistens schliessen sie nämlich den freien, sie begleitenden Wachtsoldaten mit dem Missethäter zusammen, um somit, ihrer Meinung nach, ein Entweichen ganz unmöglich zu machen. Der suchende Offizier musste unverrichteter Sache abziehen, der Gefangene blieb sammt dem Soldaten verschwunden.

Ein empfindlicher Verlust traf mich in Abbi Addi, da mein guter wachsamer Hund Halebi starb. Ich liess den Cadaver gleich aus dem Lager hinausschaffen, der andere Hund aber, welcher Bull hiess, folgte demselben und hielt Wache. Aber noch vor Sonnenuntergang kam eine Hyäne, vertrieb Bull und lief mit dem Cadaver davon. Bald darauf zeigten sich noch andere Hyänen und Schakale, selbst ein Leopard, wie die Diener behaupteten.

Am 26. Januar zogen wir weiter, meist stets in südlicher Richtung. Nachträglich nahm ich auch noch einen Mönch in Dienst, welcher dem Kloster Tekla-Haimanot zugehörte und von einer Wallfahrt nach Axum zurückkehrte. Durch diesen Zuwachs erhielt meine Gesellschaft einen neuen Glanz, denn die Grossen in Abessinien pflegen nie ohne einen oder mehrere Priester zu reisen. Er war übrigens ein guter Mensch. Eigenthümlich unterwegs berührte uns die Abwesenheit der Bevölkerung, die vielen zerstörten Dörfer und der schwache Verkehr. Wir befanden uns doch jetzt auf einer der gangbarsten Strassen nach dem Süden, jedenfalls auf der geradesten von Adua nach Debra Tabor. Und wie wenige Menschen erblickte man! Denn wenn uns auch anfangs viele Soldaten begegneten, so geben diese doch keineswegs den Maassstab für die Bevölkerung ab. Wenn ich mich später im Geiste nach Abessinien versetzte und bedachte, wie wir Tag für Tag und auf grosse Sehweite keine Ortschaften und Menschen erblickten, dann kam ich zur Ueberzeugung, dass Abessinien keine so grosse Bevölkerung besitzt, wie man anzugeben pflegt. Ich glaube schon hoch gegriffen zu haben, wenn ich sie auf 1,500000 Seelen veranschlage. Es ist ja möglich, dass es früher eine zahlreichere Bevölkerung gehabt hat und wahrscheinlich dereinst auch haben wird, die Abessinier scheinen ein fruchtbares Volk zu sein: Ehen mit fünf bis sechs Kindern und mehr sind häufig genug. Auch beschränkt man sie nicht im mindesten. Jeder, den die Neigung dazu treibt, kann heirathen, und aus solchen Ehen entspringen ja meistens viele Kinder. Selbstmorde gehören zu den grössten Seltenheiten, und das Klima ist durchaus gesund, denn die ungesunden, tief eingeschnittenen Thäler sind fast gar nicht bewohnt. Der Reichthum des Landes kann eine grosse Anzahl von Bewohnern ernähren.

Aber verschiedene Umstände erklären die so dünne Bevölkerung Abessiniens. Der stete Krieg im Lande rafft eine Menge Männer in der besten Blüte ihres Lebens dahin. Zwar die Soldaten sind fast alle beweibt, aber vielleicht ein Drittel der Kinder stirbt keines natürlichen Todes. Und wie viel Opfer kostet im Lande das beständige Kriegführen, wohin man auch das häufige Revoltiren und Raubmorden rechnen muss. Oft auch verheeren Krankheiten ganze Ortschaften und Provinzen, so nach dem ägyptisch-abessinischen Kriege eine in Tigre ausgebrochene Pest oder ähnliche Krankheit, vielleicht die Cholera. Möglicherweise hatte sie hier ihren Entstehungsherd, von wo sie sich später nach Aegypten verbreitete, durch eigene Schuld der Abessinier. Unzählige Hyänen, Schakale und Aasgeier, die von weitem herbeiströmten, reichten nicht aus, um alle die Leichen auf den Schlachtfeldern von Gudda Guddi und Gura zu verzehren. Daher die Fäulniss und daher die menschenmordenden Seuchen. Das früher zu 6000 Einwohnern geschätzte Adua hat, wie ich glaube, gegenwärtig kaum 3000. Matteucci (S. 83 seines Werks „In Abissinia“) sagt: „Die über Abessinien berichtenden Schriftsteller sagen von der tigrischen Hauptstadt, sie sei wichtig wegen der dort blühenden Industrie, und geben ihr eine Bevölkerung von 8000 Seelen: als wir ankamen, waren daselbst nicht einmal 1000 Bewohner, einbegriffen selbst die in der Umgegend Wohnenden.“ Der italienische Reisende nahm 1878 also nur 1000 Seelen, und noch dazu die umliegende Gegend mitgerechnet, für Adua an. Man wird deshalb vielleicht meine 3000 Einwohner schon für übertrieben halten, aber Nachforschungen liessen mich zu diesem Ergebniss kommen. Auch die trotz des guten Bodens durch Heuschreckenplage oder andere Umstände verursachten Hungersnöthe muss man bei Festsetzung der Bevölkerung in Anschlag bringen.[93]