An Thieren war kein Mangel, und als wir Abbi Addi verliessen, stiessen wir gleich auf eine grosse Heerde Paviane, welche neben uns auf den Bergen desselben Weges zogen. Ein paar blinde Schüsse brachten Leben in die Heerde, aber erst, nachdem sie durch grosses Geschrei und wüthende Grimassen ihren Unwillen zu erkennen gegeben, räumten sie das Feld.

Perlhühner und Tauben lieferten uns immer eine angenehme Beigabe zu unserer Küche. Wir nahmen eigentlich nur Eine Mahlzeit und zwar abends, wenn die Zelte aufgeschlagen waren. Morgens gleich nach dem Aufstehen Thee mit Milch und Zwieback dazu. Alsdann die Verpackung des Frühstücks. Stecker und ich ritten in der Regel voran, machten gewöhnlich an einer Stelle, wo klares Wasser floss, halt, und liessen, auf der Erde hockend, die Fasten brechen. Kalter Braten, Brot, Käse, Butter, Wasser mit Cognac war, was ein Diener, der eigens zu dem Zweck mit uns ritt, aufsetzte. Abends aber speisten wir warm und sehr gut. Ein Abessinier, Tassama, kochte unter der Aufsicht Karl Hubmer’s. Stets gab es eine vorzügliche Suppe, dann Braten, Gemüse, manchmal auch Wild, und als Getränk Wasser mit Cognac oder Thee, häufig auch Tetsch. Täglich wurde ein Rind und sehr häufig noch ein Schaf geschlachtet. Vorräthe also, wie auf andern Reisen, braucht man nach Abessinien nicht mitzunehmen. Wer z.B. Kaffee dem Thee vorzieht, findet ihn überall und zwar billig und gut. Das einzige für die Mitnahme Empfehlenswerte sind junge Gemüse in Büchsen, Zucker und Butter, sowie gutes Weizenmehl, denn das abessinische ist grau und schmuzig.

Wir erreichten nun den nicht durch seine Einwohnerzahl, wol aber wegen seines bedeutenden Marktes wichtigen Ort Fenaroa. Südlich davon, nach Durchwatung des Tsellari, kamen wir in die Region des Baobab. Zwar erblickt man einzelne Exemplare dieses Baumes schon nördlich, z.B. ein prächtiges in der Nähe von Fenaroa, hier aber, erst südlich vom Samre-Fluss, treten sie massenhaft auf. Den Berg Amba Saka, welchen wir südlich vom Samre überschritten, fanden wir bei ca. 1400 m Passhöhe dermassen mit der Adansonia digitata bedeckt, dass man von einem Baobabwald sprechen konnte. Und was für Exemplare! Als ob man in eine vorsündflutliche Periode gekommen wäre. Schade, dass sich nicht im Tsellari, den wir hierauf passirten, einige grosse Saurier zeigten und von den Pachydermen die Flusspferde und Nashörner. Dann hätte man ein completes Bild vorsündflutlicher Schöpfung bewundern können.

Nach Ueberschreitung des unbedeutenden Tsellari-Flusses, dessen Thal und Wasserbecken von Wild und Fischen wimmelt, für unsere Mahlzeiten eine willkommene Zugabe, betritt man südlich eine wunderbare Spalte, deren unterste, von senkrechten Felswänden beseitete Weite oft nur einige Meter breit ist. Ungefähr sieben Kilometer geht es durch diese, überdies noch von seitwärts hervorschiessendem Buschwerk derart überschattete Schlucht, dass man zuweilen den Himmel nicht sieht. Grosse, in diesen Abgrund geschwemmte Sykomorenstämme versperren häufig den Weg und, eingeklemmt, müssen sie liegen bleiben, bis Vermoderung sie weiter bergab schiebt oder gänzlich auflöst oder kubikmetergrosse, von der Flut getriebene Felsmassen sie zermalmen.

Indem wir so rasch wie möglich diese gefährliche Gegend durchzogen, fiel mir die lebendige Schilderung Munzinger’s ein: „Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit; von langer Fahrt müde, bettet sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er sich in süsse Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es dumpf im Hochgebirg; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche den ganzen Himmel durchrasende Donner. Doch fürchtet er noch nicht, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen, wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister anführen – nun naht es, mauergleich, schäumend und sich überstürzend – es ist der Waldstrom. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk, stürzt wild und feurig er das Thal hinab; die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann, wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein Knecht, die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind u.s.w.“

In dieser Schegalo-Schlucht – das Wort Schegalo bedeutet Drachenschlucht – erinnerte ich mich des Abzuges der britischen Armee aus Abessinien, wo, trotzdem man die nahende Gefahr durch den elektrischen Telegraphen signalisirte, beim Durchziehen derartiger Felsspalten einigemal Truppen oder Vieh fortgeschwemmt und natürlich vernichtet wurden. Unmöglich sich zu retten! Ich erinnerte mich der Drachenschlucht bei Eisenach; aber wenn ich im Geiste einen Vergleich anstellte, erschien mir letztere gegen die an manchen Stellen Hunderte von Metern hohe Schegalo-Spalte wie ein Puppenwerk, wie ein Spielwerk.

Endlich erweitert sich das Thal, es wird wieder hell, und die gedrückte Stimmung, mit der Menschen und Thiere diesen grausen Schlund durchzogen, weicht einer heitern Stimmung. Die vielen Perlhühner laden zu Jagdstreifzügen ein; den Pavianheerden sendet man einen Schuss zu, um sie zu ihrer so ergötzlichen Eile anzutreiben. Und haben wir nun wieder die Höhe glücklich erklommen, alle Siebensachen mit den keuchenden und dampfenden Maulthieren, welche ausserordentliche Proben von Kraft und Geschicklichkeit ablegen, nach oben gebracht, dann ruht das Auge mit Wohlgefallen auf der grossartigen Gegend von Tsamara. In der Ferne erblickt man nach Osten zu die vor Jahren von der tapfern britischen Armee überstiegenen Grate und kann es im Geiste kaum fassen, wie solche Berge, solche Thäler von den Truppen, die man aus dem nordischen Europa und dem heissen Indien herbeiholte, konnten überwunden werden. Wir werfen noch einen Blick auf das Schegalo-Thal und bemerken mit Staunen, dass es breit, in fast gerader Nordrichtung in den Tsellari hineinmündet. Aber am nördlichsten Ende des Schegalo befindet sich auf der Sohle des Thales ein schwarzes Band, so wenigstens erscheint es aus der Entfernung von oben gesehen: das ist die Drachenschlucht, welche wir durchzogen. Dann, beim Wenden, erfreuen wir uns am Anblick des hoch in die Wolken hineinragenden Biala, eines alten Bekannten, den ich vor 15 Jahren besuchte. Majestätisch winkt er von Süden herüber, und wir wissen nun, dass wir nahe bei Sokota sind, und meinen sogar die Gegend des Aschangi-Sees zu erkennen.

Der letzte Weg bis Sokota war insofern interessant, als wir rechts und links am Wege viele Haufen von Steinen bemerkten, die man wegen ähnlicher Form und Gestalt offenbar den Dolmen, Kromlechs u.s.w. zuzählen muss. Es wird jetzt überhaupt wol niemand mehr Afrikas vorgeschichtliche Steinzeit bezweifeln. Wenn auch manche im Nilthal gefundene, wie mit Steinkunstgebilden überdeckte Stellen nichts anderes sein mögen als die Producte vieljähriger Verwitterung, so hat man andererseits so viele Beweise vom Vorhandensein der Steinzeit, dass man gar nicht mehr die Sache ableugnen kann. Vor allem wichtig wäre es, wenn man die Höhlen, welche in Afrika überhaupt und besonders auch in Abessinien zum Theil künstlich, zum Theil natürlich in grosser Zahl vorkommen, durch Aus- und Nachgrabungen auf vorhistorische Gegenstände genau untersuchte. Das Land der Troglodyten hiess man es ja im Alterthum.

Immer bergauf und bergab geht es in Abessinien. So hatten wir denn auch, ehe wir Sokota erreichten, noch manche Höhe, jede über 2000 m hoch, zu überwinden. Einzige Belohnung war der Blick auf die stets wechselnde Scenerie, welcher aber leider sehr häufig die Hauptsache fehlte: das Allbelebende des Menschen. Denn mag eine Natur noch so schön sein, mag der Gebirgscharakter sich noch so grossartig entfalten, mögen zahlreiche Waldströme und Wasserfälle dem Auge ihre mächtigen Spiegel bieten, – wenn der Mensch fehlt, entsteht eine Lücke, eine Oede, welche selbst durch die Anwesenheit einer regsamen Thierwelt nicht ausgefüllt wird, wenigstens meiner Meinung nach.

Während aber bei weitem Vordringen nach dem Süden die Thierwelt sich wenig ändert – unter den Vögeln bemerkt man jetzt öfters Papagaien – zeigt sich unter den Pflanzen stets etwas Neues. Im allgemeinen sind auch hier noch auf den Gehängen die verschiedenartigen Mimosen und der Kolqual die Charakterbäume, und in den tiefeingeschnittenen Thälern vermisst man nie die oft in riesigen Exemplaren vorkommende Calotropis procera. Aber beim Lomin-Fluss finden wir jetzt Spargelgewächse, Ricinus, Aloë, welche letztere übrigens auch in Nordabessinien vorkommt, und Zizyphus, der mit kleinen rundlichen Blättern den wohlduftenden, sich durch die Aeste emporrankenden Jasmin stützt. Dann die jetzt immer zahlreichern, höchst sonderbar geformten, meist auf Mimosen festgewachsenen Schmarotzer; Lauranthusbüsche, oft roth, oft braun gefärbt; Carissa edulis mit ihren betäubenden, wohlduftenden Blumen; ein weissblätteriger Strauch mit stachelichten Blumen und stachelichten Blättern, Octostegia integrifolia genannt, beide nicht leicht zu brechen, denn heimtückisch verwunden sie die sich nach ihnen ausstreckende Hand; grossartig entfaltete Hypericumbüsche; Stechäpfel, welche ganze Felder dicht überwuchern, sodass man meint, sie wären künstlich angepflanzt. Man behauptet, die abessinischen Priester benutzten die Dämpfe dieser im getrockneten Zustande von ihnen verbrannten giftigen Pflanze, um Leute damit zu betäuben und dadurch allerlei aus ihnen herauszubringen. Oben auf den höchsten Gipfeln vor Sokota erblickten wir auch zum ersten mal jene sonderbaren, nur in Abessinien vorkommenden Kugeldiesteln (Echinops giganteus) mit 1 bis 1,50 m hohen Stämmen und kindskopfgrossen Kugeln. Vereinzelt sehen wir auch schon jene riesige Erica, welche wir bald in noch viel grössern Exemplaren vor Debra Tabor bewundern sollten.