So gelangten wir nach Sokota, zogen gleich über die Stadt hinaus und begannen auf einer schönen Wiese zu lagern, welche vom Ort der Mai Bellis trennt, hier nur mehr ein schmaler Wasserfaden, der etwas weiter im Südwesten seinen Ursprung nimmt. Aber wir hatten nicht mit der Bewohnerschaft gerechnet. Kaum war ein Zelt aufgeschlagen, als Soldaten aus der Stadt kamen mit der Erklärung, dass wir da nicht lagern durften, das Gras würde zerstampft, es gehöre dem Wagschum Ras Buru. Dieser befand sich am Hof in Debra Tabor. Der mich begleitende Hauptmann wollte zwar von Wegziehen nichts wissen: ich sei Gast des Negus Negesti und als solcher habe ich das Recht, mein Zelt aufzuschlagen, wo ich wolle, auch kamen bald andere Soldaten mit der Weisung, mich dort zu belassen. Aber ich, ängstlich besorgt, irgendetwas den Bewohnern Unliebes zu thun, gab Befehl, weiter weg vom Ort auf einem Platze zu lagern, von welchem ich erfuhr, dass er kein Privateigenthum sei.

Wir waren nun in der Gegend der Agau, eines freilich in Sokota noch schwach vertretenen merkwürdigen Volksstammes, welcher als ein von den übrigen Abessiniern verschiedener gilt. Er soll mit den Bogos verwandt sein, und neuerdings brachte über ihn Professor Reinisch zu Wien, welcher Keren bereiste, viel Interessantes. Die Agau unterscheiden sich übrigens nicht im mindesten von den übrigen Abessiniern, weder durch die Hautfarbe, die ja ohnedies bei allen Abessiniern so sehr wechselt, noch durch das Haar, welches, obgleich gewöhnlich gekräuselt, doch auch schlicht ist. Nur ihre Sprache weicht von der amharischen und tigrischen ab, auch ihr Charakter, welcher mehr als bei der übrigen Bevölkerung Ungeschliffenheit und Wildheit zeigt. Nirgends mehr als hier hatten wir kleine Unannehmlichkeiten. Auf ihre Kleidung legen sie noch weniger Werth als die übrigen Abessinier. Freilich, wie Bruce vor allerdings nunmehr fast hundert Jahren sie schildert, sind sie nicht mehr. Auch in nichtcivilisirten Gegenden wird alles besser und vollkommener, wenn auch bedeutend langsamer als in unsern schnelldenkenden, schnellarbeitenden Ländern. Still stehen bleiben kann heute kein Volk mehr auf der Erde; gänzlicher Stillstand ist überhaupt wol nie bei den Völkern gewesen, auch nicht bei den afrikanischen. Aber wenn man die Berichte frühester Schriftsteller, eines Alvarez, Lobo u.s.w., über die Einwohner und Zustände Abessiniens liest, dann die spätern von Salt, Bruce, endlich die noch spätern von Rüppel, Heuglin, Beke, Combes und Tamisier u.s.w., welch ein gewaltiger Unterschied dann zwischen heute und damals! Ja, die zwanzig Jahre zwischen dem von Lejean, Cameron, Rassam, Flatt, Waldmeier und andern geschilderten Hofleben Theodor’s und dem des jetzigen Negus Johann zeigen bezüglich der Hofhaltung eines regierenden abessinischen Fürsten einen Unterschied, welcher grösser ist als der zwischen dem Anfang und der Jetztzeit dieses Jahrhunderts.

Treten afrikanische Völker, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, europäischen näher, so können sie sich dem Einflusse der Civilisation nicht lange entziehen. Kommt es vollends auf Handelsbeziehungen an, dann hilft keine Religion und nichts mehr, alles europäisirt sich. Man sehe nur einmal auf die direct von Europa beeinflussten Städte Alexandria, Port Said, Sansibar, ja selbst Massaua, Djedda – alle europäisiren sich. Wenn auch allmählich, lernt die Bevölkerung arbeiten, denken wie die Europäer; allmählich schwindet der stets durch die Religion hervorgerufene Hass, und endlich arbeiten die verschiedenartigst veranlagten Völker an den gemeinsamen Aufgaben der Cultur.

Sokota liegt ca. 2250 m über dem Meere. Ich hatte früher die Einwohnerzahl zu 5–6000 Seelen veranschlagt; aber auch hier ist ein ganz bedeutender Rückgang zu verzeichnen; auch hier wüthete jene Seuche, deren ich schon bei Adua erwähnte; auch hier vielleicht forderte der stete Krieg seine Opfer. Kurz, über 1500 Seelen däucht mir 1881 für Sokota kaum zu hoch.[94] Ganze Quartiere standen leer, und die verfallenen Gebäude zeugten nur zu deutlich von einer hier vormals dichten Bevölkerung. Ehe ich dem Gouverneur einen Besuch machte, begab ich mich nach der etwas ausserhalb der Stadt gelegenen neuen Kirche Medani Allem, die nach dem Kriege ein Franzose oder Schweizer, Mr. Dubois, erbaute. Die Kirche zeichnet sich aber durch nichts Besonderes aus, war zudem nicht einmal vollendet, da man aus Geldmangel vom Weiterbau absehen musste.

Der Gouverneur, Dedjadj Tassama, der Stellvertreter des abwesenden Ras Buru, war mittlerweile mit Geschenken – Lebensmitteln – zu unserm Lager gekommen, und ich beeilte mich, ihm den Besuch zu erwidern. Ich fand ihn in einer Wohnung, zu welcher man nur mittels halsbrecherischer Stiege gelangen konnte, und auf schmuzigen Teppichen sitzend, ohne Angareb, konnte ich es nicht vermeiden, verschiedene Parasiten mitzunehmen, welche man sonst nur bei den schmuzigsten Arabern und Berbern mit besonderer Zärtlichkeit und Vorliebe auf dem eigenen Körper gepflegt findet. Tassama, dem ich natürlich entsprechende Geschenke mitgebracht hatte: einen Revolver, Baumwolle, Sammt und Seidenstoff, nebst verschiedenen deutschen Schmucksachen für seine Frau, fand es höchst unlogisch, dass mein Rock das seidene Unterfutter auf der Innenseite zeige. Er meinte, die Seide als das Kostbarere müsse doch nach aussen getragen werden, ich möge daher meinen Rock umkehren.

Eine unerwartete Freude hatte ich am zweiten Tage meines Aufenthalts in Sokota. Als ich nachmittags von einem Spaziergange bis fast zur Quelle des Bellis, an welchem Sokota liegt, zurückkehrte, kam mir schon von weitem Hubmer entgegengelaufen mit dem Rufe, ein Europäer käme und das könne nur Schimper sein. Die Vermuthung bestätigte sich bald: eine nicht unbeträchtliche Karavane näherte sich, und ich erkannte Schimper, der sich hoch zu Maulthier aus den übrigen Begleitern deutlich hervorhob.

Man wird sich erinnern, dass ihm Lidj-Ambe die Erlaubniss, mich zu begleiten, ohne einen schriftlichen Befehl von Ras Alula verweigerte. Einige Tage nach meiner Abreise von Adua kam aber der berühmte General, und so hatte sich denn schnell die Schimper’sche Angelegenheit geordnet. Ras Alula gestattete nicht nur die Abreise desselben, sondern gab ihm noch ein Schreiben für mich mit, das ihm gewissermassen als Pass und Legitimation diente und ihn namentlich von lästigen Plackereien, Zollabgaben, Geschenkerpressungen befreite, womit die Districtsbehörden und selbst die Schum grösserer Städte gleich bei der Hand sind. Ich hatte vor meiner Abreise eine hinlänglich grosse Summe für Schimper zurückgelassen, damit er während seiner Abwesenheit die Kosten seines Haushaltes und die Anschaffung von Maulthieren und Eseln zum Transport seines Gepäckes bestreiten könne.

Zugleich beschloss ich, da ich ja jetzt an Schimper einen Dolmetsch besass, wie ich ihn nicht besser wünschen konnte, Hauptmann Mariam voranzusenden, mit einem Brief an den Kaiser, um ihn von meiner baldigen Ankunft in Kenntniss zu setzen. Die Gerüchte von der Abreise desselben nach dem Süden nahmen eine immer bestimmtere Fassung an. Jede uns von Debra Tabor oder überhaupt vom Süden entgegenkommende Karavane meldete, der Negus rüste zur Reise, ja, die letzten behaupteten sogar, er sei schon abgereist. Und da die meisten als sein Ziel Kaffa angaben, so hätte ich, um zu ihm zu gelangen, eine noch einmal so lange Reise machen müssen als von hier bis Debra Tabor. Hauptmann Mariam brach denn auch auf, schweren Herzens, denn ein prachtvolles Rind sollte noch am selben Tage geschlachtet werden, aber erst abends, während er bereits am Morgen seine Reise antreten musste. Ein tüchtiges, in Aussicht gestelltes Geschenk machte ihn aber willfährig. Seine Flinte, seine besten Sachen, kurz alles einigermassen Werthvolle liess er bei mir zurück, denn allein durch solche Gegenden zu reisen ist immer ein Wagniss.

Sokota hat Mittwochs einen wirklich grossen und bedeutenden Markt, und da die Leute aus der ganzen Umgegend schon Dienstag nachmittags eintreffen, Donnerstag nachmittags aber erst Sokota wieder verlassen, so dauert er eigentlich drei Tage. Namentlich der Salzhandel, d.h. der Amole-Handel ist hier der bedeutendste von allen in Abessinien. Auch an kleinen Markttagen sieht man grosse Züge von Pferden, Maulthieren und Eseln anlangen und bald darauf schon bepackt wieder abziehen. Man beladet sie, indem man die Amole über ihren Rücken wölbt, zwei bis drei Gewölbe übereinander. Regnet es, dann pflegt man eine oder zwei getrocknete Häute oder sonstige das Wasser nicht leicht durchlassende Stoffe darüberzulegen. Aber wehe, wenn ein Lastthier während eines Flussdurchganges zu Falle kommt und die Ladung nass wird oder gar auseinandergeht. Dann ist wenig mehr zu retten, jedenfalls tritt durch das Schmelzen eine Gewichtsverminderung ein. Sonst ist der Salzhandel trotz der vielen Zollstellen ein sicherer und einträglicher. Je weiter von der Ursprungsstelle Taltal, desto mehr vertheuert sich das Salz. Während man z.B. an der Stelle, wo die Amole oder Galeb, wie sie auf Tigrisch heissen, für einen Thaler 80–100 Stück bekommt, erhält man in Sokota, dem ersten und grössten Salzwerk Abessiniens, 60–80 Stück, in Gondar 20–30, in Debra Tabor aber nur noch 15–20, und je weiter nach Süden, desto seltener wird das Salz, bis es ganz im Süden nur noch 4 Stück auf einen Thaler gibt. Matteucci (S. 238 seines Werkes) sagt, dass man in Fadasi und Baso vier Stücke Salz für einen Thaler bekäme.

Am Tage vor meiner Abreise kam mein Postbote, Namens Edris, vor Zeiten im Dienste des französischen Consuls und jetzt von mir angestellt. Als merkwürdiges Beispiel, mit welcher Leichtigkeit mohammedanische Abessinier, aber erst nach der letzten Massentaufe, ihren Glauben verlassen, führe ich an, dass dieser Edris als Mohammedaner nicht direct in meinen Dienst treten konnte. Um ihn aber doch zu entschädigen, hatte ich ihn bei mir als Postboten angestellt und pecuniär stand er sich auch so besser. Als ich nun aber ganz obenhin äusserte, eigentlich in der Meinung, er würde dies gar nicht für Ernst nehmen, dass er als Christ mit mir nach Debra Tabor hätte gehen können, meinte er, er habe nichts dagegen, sich taufen zu lassen. Ich beachtete seine Erwiderung gar nicht. Aber abends sah ich ihn angethan mit der blauseidenen Schnur, auch setzte er sich mit meinen übrigen Dienern zum gemeinschaftlichen Fleischgenuss, zum Brondo nieder. Das musste auch den Ungläubigsten überzeugen, dass er Christ geworden sei, und zwar aus innerstem Herzen. In der That fand sich in Sokota ein Priester, welcher ihn gegen Erleg von 20 Amolen taufte, ohne dass er das Glaubensbekenntniss abzulegen brauchte. Eine neue blauseidene Schnur war ebenfalls schnell gekauft und damit der Christ fertig. Als ich fragte, was werden aber in Massaua die Mohammedaner dazu sagen, wenn sie hören, du bist übergetreten? erwiderte er: „Ich bin Abessinier, und solange du dort bist, bleibe ich bei dir; wenn du fort gehst, trete ich in die Dienste eines andern Frengi, und was können mir dann die Türken thun!“ Er war ein ganz guter Kerl, der Edris, welcher nun den Namen Gebr Maskal erhielt, und noch ehe ich Massaua verliess, trat er in die Dienste eines schweizer Kaufmanns, eines Herrn Müller; seine Stellung als Christ blieb also unangefochten.