NEUNTES KAPITEL.
REISE NACH DEBRA TABOR UND BESCHREIBUNG DIESER LANDSCHAFT.
Der hohe Geistliche. – Die Vorberge des Biala. – Die schauderhaften Wege. – Der hohe Geistliche und die drei Maria-Theresienthaler. – Der Takase. – Im Thal von Agissa. – Negus Johannes schickt hundert Mann Ehrenwache. – Eine Extrareinigung. – Schimper nach Debra Tabor voran. – Die Furt des Reb-Armes. – Ankunft in Debra Tabor. – Die Gebrüder Naretti. – Debra Tabor nicht Ort, sondern District. – Näheres darüber.
Am 2. Februar 1881 verliess ich Sokota in der Begleitung eines hohen geistlichen Würdenträgers in gelber Tracht. Wie unsere Geistlichkeit vorzugsweise für ihre Gewänder Schwarz liebt, so die abessinische Gelb, das aber mit der Zeit eine schmuzigbraune Farbe annimmt, die jedoch weiter nicht genirt, da die abessinische Geistlichkeit es für sehr gottgefällig hält, vom Wasser zum Zwecke der Reinigung so wenig Gebrauch wie möglich zu machen. Mit gelbem Sonnenschirm, auf schönem Maulthier sass er da, begleitet von verschiedenen Geistlichen niedrigern Ranges, von denen die einen grosse, die andern kleine Kreuze oder schön aus Messing gearbeitete Räuchergefässe trugen. Da ich durchaus keinen Zweifel erhob gegen die besondere göttliche Begnadung dieser heiligen Schar, so war ich bald ihr lieber Begleiter geworden, und ich bin fest überzeugt, sie würden mir jede Sünde vergeben haben. Glücklich ein Volk, welches von einer so zahlreichen Klasse von Menschen gehütet und überwacht wird, die alle Gewalt zu binden und zu lösen haben. Auf 12000 Geistliche schätzt Heuglin die Zahl der „Drohnen“, wie er sich ausdrückt, aber ich glaube, er hat viel zu tief gegriffen. Man bedenke nur, dass eigentlich bei jeder Kirche 20 Geistliche oder doch mit der Geistlichkeit zusammengehörige Bedienstete angestellt sein sollen! Am meisten machte es mir immer Spass, wenn die abessinischen Geistlichen davon überzeugt zu sein schienen, ich glaube ebenso fest wie sie selbst an die Heiligkeit ihrer Person.
Dem guten Einvernehmen mit unserm frommen Priester verdankte ich es auch, dass ein Landmann, der uns bald darauf begegnete, mir unaufgefordert ein schönes Perlhuhn schenkte, welches er jedoch zuerst dem Diener Gottes anbot, der aber, da Wild den Abessiniern aus religiösen Gründen zu essen untersagt[95] ist, die Gabe zurückwies. Ueberdies wusste er ja auch, dass er abends Brondo bei mir erhielt.
Man steigt immer noch. Bei Ab Johannes zeigt sich, da im allgemeinen vulkanische Formation vorherrscht, noch einmal Sandstein, und gerade hier im Mai Saida entwickelt sich, wie nie zuvor, die üppigste Vegetation von Kolqual, Aloë und den sie umwickelnden Stapelien. Aber ein beschwerlicher Marsch, weil wir über die Ausläufer des Biala mussten. Wie verlockend lag der Riese da! Und dahinter, gar nicht in zu grosser Ferne, Lalibala mit seinen wunderbaren Kirchen aus einem Stein gemeisselt, wie nirgends in der ganzen Christenheit. Diese westlichen Ausläufer oder Vorgebirge des Biala findet man auf der Karte unter dem allgemeinen Namen Maskalo und Kausawa. Uebrigens fliessen die von Maskalo kommenden Gewässer nicht in den Takazze, sondern in den Tsellari. Aber auch hier in dieser nicht nur scenisch wundervollen, sondern auch überall mit bestem Boden gesegneten Gegend leider nur eine äusserst spärliche Bevölkerung! Wohin man blickt, leere oder verlassene Stätten. An andern Stellen wol Spuren früherer Ortschaften, aber so verwittert und überwuchert, dass man meint, sie müssten vor Hunderten von Jahren zerstört sein. Und doch gingen vielleicht nicht so viele Jahrzehnte darüber hin. Unter den Tropen verschwindet alles schneller als bei uns, und namentlich viel schneller als im trockenen Nordafrika.
Aber welche entsetzlichen Wege jetzt, sodass es mir schier unbegreiflich erscheint, wie man sie überwinden konnte. Verschiedene Thiere fielen bereits, man überliess sie, nachdem man sie getödtet, den Hyänen. Kein Maulthier vollkommen heil mehr, auch das meinige und selbst das vorzügliche Stecker’s nicht und nicht das fast ebenso gute, welches ich Hubmer schenkte. Und wenn man die eigentlichen Lastthiere ohne Sattel sah – welch ein Jammer! Die Rückenfläche bildete eine einzige grosse Wunde. Stühle und Tische längst zerschlagen. Die Bettstellen, als nicht mehr ausbesserungsfähig, mussten wir wegwerfen. Von unserer ganzen Ausstattung: wir hatten zwei Tische, sechs Stühle, Betten u.s.w., nichts mehr übrig als mein Lehnstuhl. Alles andere zertrümmert! – –
So erreichten wir die 2550 m hoch gelegenen Dörfer von Amde Uork: man glaubt mitten zwischen den Wolken zu sein. Amde Uork heisst auf deutsch Goldsäule. Eine in grossem Ansehen stehende Kirche, reizend versteckt zwischen hohem Wachholder und wilden Oelbäumen, enthält einige aus Einem Stück gefertigte und mit den Knochen ehemaliger Priester angefüllte Holzsärge. Als ich sie besuchte, traf ich dort meinen Privatpriester in inbrünstigem Gebet. Auf meine Frage, warum er so andächtig und laut bete, erwiderte er wörtlich: „Ich fand soeben drei Maria-Theresienthaler. Der Satan flüsterte mir zu, sie zu behalten, aber ein Blick auf die Kirche führte mich auf den richtigen Weg. Und da rief mich der Engel Gabriel herein. Wie dankte ich Gott, dass er mir Kraft gab, der teuflischen Versuchung zu widerstehen! Hier sind die drei Thaler, denn Sie können sie doch wol nur verloren haben.“ – Ich war ganz sprachlos. Das also war einer der Priester, so ein dummer Fanatiker, noch dümmer als die Abessinier selbst, wie es in den meisten Reisebeschreibungen heisst; ausgestattet mit allen möglichen Lastern, fähig zu jedem Verbrechen. Und wie einfach gut handelte dieser Mann! Es ist wahr, bei uns fällt es durchaus nicht auf, wenn einer gefundenes Gut wieder abgibt. Aber hier so ein Mitglied der so viel geschmähten abessinischen Geistlichkeit, wer hätte das gedacht! Unter allen Reisebeschreibungen gibt es von zehn kaum eine, welche den abessinischen Geistlichen das mindeste Gute nachsagt. Man übertreibe doch nicht! – „Behalten Sie nur das Geld“, erwiderte ich, „ich habe es nicht verloren, und wenn sich niemand meldet, gehört es Ihnen.“ Kaum aber wieder im Lager, kam uns der jetzt Gebr Maskal getaufte Edris mit verstörter Miene entgegen. „Mein Geld, meine drei Thaler sind mir gestohlen!“ rief er. Dass gerade ein Priester der Religion, zu der er eben übergetreten, ihm das gefundene Geld wieder einhändigte, freute mich doppelt und nicht minder ihn. Er wollte auch gleich meinem Priester einen Thaler geben, aber standhaft verweigerte dieser die Annahme irgendeines Geschenkes: „Ich habe einfach meine Pflicht gethan“, war seine Antwort. Und ich bestärkte ihn darin. Dass ich ihn aber desto reichlicher beschenkte, als er mich in Debra Tabor verliess, um seine Reise nach dem berühmten Kloster Tekla Haimanot fortzusetzen, bedarf wol kaum der Erwähnung. Möge auch mir dieser Priester, wenn er in seiner einfachen Mönchswohnung wieder sitzt, ein gutes Andenken bewahren, wie ich es ihm hier thue.
Ich hielt die Einschaltung dieser kleinen Episode nicht für überflüssig, weil bisjetzt die abessinische Geistlichkeit nur mit Gift und Hass überschüttet ward, und zwar besonders von ihren europäischen Collegen, protestantischen sowol wie katholischen. Ich bin auch der Meinung, dass man die Eigenschaften eines fremden Volkes, statt sie herabzuwürdigen, soviel wie möglich der Wahrheit gemäss hervorheben soll.
Nach unsäglichen Mühen und Leiden, zu welchen sich abends noch Regen und Gewitter gesellten, stiegen wir hinab zum Meri, und von da, nach einem Marsch im Meri selbst, der etwas länger als 1 km war, zum Bett des Takase oder Takasiëh. Eben noch in freier Bergluft, 2500 m hoch, mit einer Temperatur von höchstens einigen Graden über dem Gefrierpunkt am Morgen, befanden wir uns jetzt, 1300 m hoch, in einer tropischen Dampfbadhitze.