Das war also der Takase[96], einer der bedeutendsten Ströme Abessiniens, welcher, wenn man annimmt, dass er mit Setit und Atbara denselben Fluss bildet, von der Quelle an bis zu seiner Einmündung oberhalb Berber ungefähr so lang ist wie der Rhein. Und dies wenige Wasser, diese geringe Breite der Thalsohle! Freilich ich bedachte im ersten Augenblick nicht, dass der Takase da, wo wir sein mit dem Meri gemeinschaftliches Thal betraten, noch ein kaum aus den Windeln genommenes Kind war. Das Takase-Thal verläuft eine grosse Stecke unterhalb und oberhalb der Meri-Mündung in gerader Südnordrichtung, ist unten etwa 300 m breit, während sich nach oben zu natürlich die Thalwände erweitern und zwar zu einer Breite von 4–5 km. Der Takase hatte überall fliessendes Wasser, welches stellenweise im sandigen Flussbett tiefe Tümpel oder in felsigen Auswaschungen tiefe Wasserbehälter bildete. Krokodile, Flusspferde u.s.w. kommen, wie es scheint, so weit nach oben nicht vor, dahingegen wimmelte es von Wasservögeln: Gänsen, Enten, Reihern, Pelikanen u.s.w.
Das Flussbett bot einen recht guten Weg, denn wenn man auch manchmal auf Geröll gehen oder durchs Wasser waten musste, so fand man doch hinlänglich Platz, um den nicht selten hausgrossen Blöcken auszuweichen, welche von den oft gewaltig daherbrausenden Wogen fortgerollt wurden. Auch hat der Takase auf dieser Stelle kein grosses Gefälle.[97] Bei der Einmündung des Meri in den Takase mass ich die Höhe von 1260 m; aufwärts, 4 km südlich, hatten wir bei unserm Lagerplatz 1310 m. Das macht also eine Steigung von 12,50 m auf 1 km, was mit Leichtigkeit von einem Bahnzug könnte überwunden werden. Wir marschirten also südwärts und lagerten im Flussbett selbst, auf der höchsten Stelle, welche wir finden konnten, um vor einer plötzlichen Ueberraschung sicher zu sein. Den höchsten Wasserstand konnte man aber deutlich an den Felswänden messen, er betrug an der Stelle, wo wir lagerten, 6 m. Welche gewaltige Wassermenge musste sich dann hindurchdrängen!
Die hier verschiedene Temperatur deuteten wir oben schon an. Nachmittags hatte das Schleuderthermometer +30°, während das zum Baden einladende Wasser des Takase +27° zeigte. Und jeder benutzte das laue Wasser, selbst mein Priester konnte nicht umhin, ein Bad zu nehmen, obschon er innerlich gewiss Gott für dieses unfromme Gebaren um Verzeihung bat. Abends wieder Gewitter und Regen, der erst mit Sonnenaufgang aufhörte, jedoch auf die Vergrösserung der Wassermenge keinen merklichen Einfluss ausübte. Aber wie frisch erwachte am andern Morgen die Natur, und wie doppelt schön leuchtete die Sonne, nachdem sie die schwarzen Wolken gleich beim Aufgange nach Norden vertrieben!
Während der Takase südöstliche Richtung einschlug, gingen wir im Mai Felfel südwestwärts und gewannen allmählich wieder höhere Gegenden, ohne dass irgendeinem von uns der Aufenthalt im Takase geschadet hätte.
Man hätte denken sollen, dass, je näher an Debra Tabor heran, desto besser die Wege sein würden; aber das war keineswegs der Fall. Nur hin und wieder bemerkte man einige Verbesserungen der Pfade, ja, man hatte sogar auf recht schwierigen Stellen Fels ausgehauen und Sprengversuche gemacht. Letztere stammten jedenfalls aus den Zeiten der Regierung Theodor’s, welcher ja im Anfange seiner Regierung wirklich bemüht war, Verbesserungen einzuführen. Einigemal z.B. im Mai Felfel bemerkte ich, wenn auch höchst primitive Versuche, höher gelegene Theile durch künstliche Kanalisation zu bewässern. Man hatte bedeutend weiter oberhalb der betreffenden Stelle das Wasser abgefangen, in einen kleinen Kanal geleitet und sogar nach verschiedenartiger Ueberbrückung des Flusses den Aeckern zugeführt. –
Endlich im schönen Thal von Agissa und damit aller Sorgen überhoben! Es war aber auch die höchste Zeit. Uebrigens befanden wir uns alle wohl, die nach und nach angesammelten 60 Diener einbegriffen, nebst deren Frauen und Kindern, denn mehrere waren bereits verheirathet. Ja, man kann wohl sagen, dass sie sich viel frischer und kräftiger befanden als beim Abgange von Massaua, denn so viel Fleisch und Brot hatten sie wol niemals im Leben gegessen. Auch Kaufleute schlossen sich uns an, um sicherer reisen zu können, besonders auch angelockt durch die reichlichen Lebensmittel, sodann viele Bettler von Profession.
Aber nicht so gut stand es mit den Thieren. Bei weniger reichlichem Gerstenfutter wären sie längst erlegen. Mühsam, mit Anstrengung aller ihrer letzten Kräfte schleppten sie das Gepäck weiter; kam nicht bald Hülfe, dann, so nahe am Ziel, hätten wir nach Debra Tabor um Hülfe schicken müssen. Denn wo solche in der Umgegend finden? Frische Esel und Maulthiere und Träger? Auch für Geld nicht. Hauptmann Mariam konnte es vielleicht, aber der war vorangeeilt.
Da, in Agissa, als wir gerade unsere Zelte aufschlagen wollten, erschien Mariam und mit ihm ein Oberst sammt 100 Mann Soldaten: eine mir vom Negus Negesti entgegengeschickte Ehrenwache! Nun hatte alle Noth ein Ende.
Wie durch Zauber, wie aus dem Boden gewachsen, kamen am folgenden Tage Träger und Maulthiere; alle unserigen konnten nun ledig gehen. Aber doch noch einige schwierige Märsche, ehe wir die Residenz erreichten: schwierige, aber voll herrlicher und grossartiger Aussichten! Ja, am vorletzten Tage konnten wir vom Kalim Mtrebbia-Berg im fernen Westen den Tsana-See erglänzen sehen, während vor uns der mächtige Guna-Berg sein Haupt in die Wolken erhob und hinter uns das Melsa-Plateau wie eine mächtige Festung sich aufbaute! Unvergleichliche und doppeltschöne Fernsichten, weil man durch mächtighohe, mit Rosen und Jasmin untermischte Heidekräuter (erica arborea) reitet.
Tags zuvor befahl ich den Dienern eine Extrareinigung und liess ihnen Seife zum Waschen ihrer Leibwäsche und Endotsamen (phytolacca habess.) zum Reinigen ihrer Schama geben. Sie behaupten nämlich, dass die grossen Tücher leichter mit dem sich verseifenden Mehl der Endotsamen gereinigt werden könnten, als mit Seife. Nach und nach fanden denn auch die mich bedienenden abessinischen Diener grösseres Wohlgefallen an Reinlichkeit. Namentlich bewirkte ich dadurch eine vollkommene Umwälzung bei ihnen, dass ich durchaus nicht, wenigstens bei denen nicht, die mich täglich bedienten, die Belegung ihres Haares mit Butter duldete.