SAMARA, RESIDENZ DES NEGUS NEGESTI IN DEBRA TABOR.
Und als sie dann am andern Tage, unserm letzten Marschtage, alle in schneeweissen Schama erschienen, konnte ich in der That mit einem glänzenden, schmucken Gefolge auftreten, wie man es so einheitlich vorher wol selten in Abessinien sah. Wir freuten uns, nun bald am Ziel zu sein. Aber trotz der Versicherung des Obersten war der letzte Tag noch einer der schlimmsten. Schimper hatte ich tags vorher vorangeschickt, um die Ceremonien des Empfanges zu regeln. Am 12. Februar passirten wir noch einige nicht unbedeutende Zuflüsse des Reb. Und nun glaubte ich, meinen von Felsvorsprüngen, Dornen, Regen und Staub arg zugerichteten Anzug für den Einzug in die kaiserliche Residenz mit einem bessern vertauschen zu müssen. Dies geschah, nachdem wir eine kurze Zeit halt gemacht. Auch Stecker kleidete sich um. Aber als wir nun weiter zogen, standen wir plötzlich vor einem angeschwollenen, undurchwatbaren Reb-Arm. Das war schlimm. Ich wusste, dass der Negus meine Ankunft um Mittag desselben Tages erwarte. Hier durfte nicht lange gezögert werden. Also hinein zuerst mit den Maulthieren. Sie kamen gut durch, aber die kleinern mussten schwimmen, was uns einen Beweis gab von der Tiefe des Wassers. Wir suchten und fanden eine bessere Furt, besser auch dadurch, weil aus dem Wasser grosse Felsblöcke hervorragten, an denen man nöthigenfalls hätte Sicherheit finden können. Da erbot sich der Oberst, ein wahrer Hühne an Gestalt, mich auf seine Schulter zu nehmen, und ich sass auch auf, meine Beine über seine Brust kreuzend, während Leute eine Kette bildeten, von welcher er das mittlere Glied bildete, denn sonst wäre er wol nicht ungefährdet hindurchgekommen. Nass wurden meine Füsse aber doch, so sehr ich sie auch heraufzog. Indess ging doch alles gut ab. Und damit hatten denn die Wegbeschwerlichkeiten ihr Ende erreicht: wir befanden uns jetzt auf der grossen Ebene, wo der Negus Negesti lagerte. Welch ein Gewimmel und Getümmel! Indess mussten wir doch noch eine ziemliche Strecke reiten, ehe wir den Hügel Samara erblickten, auf dessen höchstem Gipfel das Gebäude errichtet ist, in welchem der Kaiser wohnt, wenn er in Debra Tabor weilt.
Unsere grosse Karavane erregte natürlich das grösste Aufsehen. Männer, Frauen, Knaben, Mädchen, alles eilte herbei, um den Abgesandten des Kaisers[98] von Preussen zu sehen. Aber Aufdringlichkeit, Bettelei kommt nirgends vor. Hier beiläufig, aber keineswegs unangemessen sei bemerkt, dass der uns entgegengeschickte und uns begleitende Oberst ein sehr anständiger Mann war, der sich besonders noch dadurch auszeichnete, dass er alle Spirituosen mied.
Nun kamen auch Schimper und die beiden Gebrüder Naretti herangeritten. Der ältere[99] der beiden Brüder hatte sein seidenes goldbrokatenes Gewand, ein Geschenk des Negus Negesti, angelegt und war geschmückt mit dem abessinischen Salomonisorden. Herr Naretti theilte mir mit, der Negus wünsche mich gleich zu empfangen, ich möge nur eine Weile verziehen, bis alles geordnet sei.
Wir waren also in Debra Tabor: ein Name, welcher eine so grosse, zum Theil traurige Berühmtheit durch die Gefangenschaft der Europäer unter Theodor erlangte; ein Name, der nicht sowol einen Ort, als einen ganzen District bezeichnet, welchen im Süden eine Gebirgskette, im Norden der Reb begrenzt. Nach Osten zu umfassen die Ausläufer des Gunastockes die prachtvolle, wellige, von metermächtigem Humusboden gebildete Ebene, während sie sich nach dem Tsana-See ohne weitere bestimmt ausgeprägte Formation absenkt. Die verschiedenartigsten Beschreibungen existiren von diesem Ort, denn bisjetzt ist Debra Tabor meist als Stadt, als Lagerplatz beschrieben worden und Verwechselungen mit Gafat und Samara sind nicht selten gewesen. Einen so wichtigen Platz verlohnt es sich aber wol genauer kennen zu lernen, denn ein gut Theil der letzten abessinischen Geschichte hat sich hier abgespielt.
Debra Tabor tritt zuerst in den Vordergrund zur Zeit des Ras Ali, welcher hier unter der Aufsicht seiner Mutter Menenen heranwuchs und zuweilen auch im benachbarten Madera-Mariam sich aufhielt. Combes und Tamisier geben (Bd. II, S. 83) von Debra Tabor nachstehende Beschreibung:
„Wir hatten hinlänglich Musse, Debra Tabor kennen zu lernen. Diese Stadt ist auf einer unebenen Hochebene gebaut; sie nimmt einen grossen Raum ein, denn die Häuser liegen zerstreut. Je nach den Kriegen und der Jahreszeit wechselt der Stand der Bevölkerung, sodass es nicht möglich ist, eine Schätzung zu machen. Die Temperatur ist während der Regenzeit, welche dort den Winter bedeutet, angenehm, während der trockenen Jahreszeit wird man deshalb auf grosse Hitze schliessen dürfen u.s.w.“ Combes und Tamisier sprechen sich sodann noch bewundernd über die Kirchen aus, fügen hinzu, dass Debra Tabor den Soldaten gehöre, dass syphilitische Krankheiten dort stark grassirten, dass Montags ein Markt in der Nähe abgehalten werde, und dass man für einen Thaler 16 Amole bekäme. Voilà tout. Bei dieser Wenigkeit doch noch eine der besten Beschreibungen. Alles, was uns die englischen Missionare, die Gefangenen darüber berichten, ist noch dürftiger.