Waldmeier[100] gibt wol Abbildungen von Debra Tabor, aber eine auch nur einigermassen belehrende Beschreibung fehlt, er theilt nur seine Erlebnisse und die der übrigen Gefangenen mit. Und so alle. Erst Heuglin[101] belehrt uns, dass Gafat dreiviertel Stunde von Debra Tabor auf einem ziemlich isolirten Hügel, dessen Fuss ein lustiges Bächlein umfliesse, gelegen sei. Aber auch er scheint nicht gewusst zu haben, dass Debra Tabor Name der ganzen Gegend zwischen Reb und dem Gebirgszug ist, auf welchem die berühmte Kirche Medani Allem steht. Aber er berichtet doch über den von Qafat oder Gafat eine Stunde entfernten Reb-Wasserfall, der ca. 70 Fuss tief sich hinabstürzt, und von der daneben befindlichen Höhle aus phonolitischem Gestein.
Auch Beke[102] gibt uns die werthvolle Notiz: „Da Gafat auf den gewöhnlichen Karten von Abessinien nicht verzeichnet, und im Süden der Halbinsel von Godjam ein von mir im October 1842 besuchter District ist, welcher früher diesen Namen trug oder von einem Volke gleichen Namens bewohnt war, und von dem man sagte, er sei der Aufenthaltsort der europäischen Arbeiter, so möge es mir gestattet sein, darauf aufmerksam zu machen, dass die in Frage kommende Oertlichkeit ein in unmittelbarer Nähe von Debra Tabor gelegener Ort ist, wo Consul Plowden zu lagern pflegte, wenn er Ras Ali oder den jetzigen Kaiser besuchte, und welcher nun der ständige Aufenthaltsort der kleinen europäischen Colonie von Schmieden und andern Arbeitern geworden ist, eine Art von abessinischem Woolwich-Arsenal.“
Auch die letzten Reisenden scheinen von der Thatsache nichts zu wissen, dass Debra Tabor der Name der Landschaft ist. Raffray[103] beschreibt es als „Stadt“.
„Wir betraten die Stadt“, sagt er S. 240 seines Werkes, „nichts: man würde sagen eine Todtenstadt. Der Negus ist abgereist, seine Armee mit ihm und Debra Tabor, mehr Lager als Stadt, ist jetzt wie ausgestorben.“
Matteucci sagt in dem Kapitel seines Werkes, welches die Ueberschrift Debra Tabor trägt, S. 212:
„Gian (?) Gafat (so heisst der Hügel, auf welchem König Johannes lagert) liegt ungefähr anderthalb Stunden südlich von Debra Tabor. Es ist umgeben von Hochebenen und lachenden Hügeln, bekleidet mit der schönsten afrikanischen Vegetation, um so schöner, wenn man bedenkt, dass Gafat 2740 m über dem Meere liegt. Auf den Karten findet man Gafat nicht, weil man Debra Tabor auch den Hügel zu nennen pflegt, wo das Hoflager des Königs aufgeschlagen ist, und zwar weil Theodor hier wohnte und die Europäer zu empfangen die Gewohnheit hatte. Damals hatte Debra Tabor grössere Wichtigkeit. Aber der Ort Gafat existirt erst seit kurzem, und sein wahrer Taufname ist kaum bekannt, denn auch die Abessinier sprechen nur von Debra Tabor.“
Matteucci irrt sich. Gafat war bereits funfzig Jahre vor seiner Reise nach Abessinien bekannt. Und lange vorher schon hätte er es auf den Karten finden können, z.B. in den Petermann’schen Mittheilungen von 1867 auf der abessinischen Karte und ebenso auf der Heuglin’schen.
Wir müssen bedauern, dass Vigoni, dessen Reisebeschreibung sich vor der seines Collegen durch grössere Gewissenhaftigkeit auszeichnet, so kurz ist bei der Beschreibung von Debra Tabor, wie er denn ebenfalls irrthümlicherweise Debra Tabor ein Dorf und den Hügel, auf welchem die königliche Residenz liegt, Gafat nennt. Gafat ist der Hügel, wo Theodor seine europäischen Fabriken und Schmiedewerkstätten hatte; die königliche Residenz dagegen heisst Samara. Aber Vigoni sowol wie Matteucci stützten sich in ihren Erkundigungen auf Naretti, welcher, übrigens ein sehr guter Mensch, ihnen wahrscheinlich die Oertlichkeiten so angab, wie er es selber nicht besser wusste. Vigoni sagt auf S. 185 seines Werkes nämlich:
„Das Dorf Debra Tabor liegt unweit vom königlichen Lager und hat seinen Namen vom nächsten Orte, aber der wirkliche Name des Hügels, auf dem das königliche Lager steht, und welcher 2700 m über dem Meere liegt, heisst Gafat.“[104]