Nach unsern Beobachtungen wird die Landschaft Debra Tabor vom 38.° mit einigen Minuten östl. L. von Greenwich und vom 11.° 50′ nördl. Br. geschnitten und liegt ca. 2500 m über dem Meere. Am Fusse des Hügels Samara, auf welchem sich die königliche Residenz befindet, hatten wir die Höhe von 2496 m. Unter dem Einflusse des mächtigen Guna, der fast die Höhe des Montblanc erreicht und dessen Gipfel beinahe immer Wolken umhüllen, stürzen sich zahlreiche Bäche nach der Ebene hinab, welche auch zur trockensten Jahreszeit nicht des Wassers ermangelt. Auf dieser bedeutenden Höhe über dem Meere, zumal auf den höchsten Punkten der Gebirge, beginnt der Unterschied zwischen trockener und nasser Jahreszeit zu schwinden. In Semien z.B. und in andern ebenso hohen Gegenden Abessiniens regnet es in der sogenannten trockenen Jahreszeit fast täglich. So auch auf den Guna-Bergen, was denn bewirkte, dass seit Jahrtausenden die ewig rieselnden Wasserfäden sich tief in die fette Dammerde einschnitten, bis sie den basaltischen Grund erreichten, auf welchem sie nun weiter auswaschen und zerstören.
Diese prachtvolle Hochebene hat klimatisch ungefähr dieselben Verhältnisse wie Talanta und Uadela. Hier ist es im Winter nicht zu kalt und wegen der immerhin bedeutenden Höhe im Sommer nicht zu heiss. Hier könnte in der That der Boden alles hervorbringen, was auf der Erde wächst. Traurig aber, dass gerade in Abessinien gar kein Sinn für Obstcultur vorhanden ist, dass man Getreide und Gemüse nur insoweit anbaut, als man für den Jahresbedarf nothwendig zu haben glaubt. Zwar die jeweiligen Herrscher versuchen manchmal zusammengeraubte Einzelvorräthe in Magazinen zu vereinigen, aber jedesmal haben sie sich in ihren Vorausberechnungen geirrt, jedesmal kamen sie zu kurz, und Hungersnoth war die Folge. Man wird sich erinnern, wie traurig der Verproviantirungsversuch Theodor’s in Magdala ausfiel, obwol er, wie man sagte, seit Jahren dort Korn und Vieh zusammenschleppte. Theodor hätte, falls er nicht ohnehin schon, nachdem man bei Aroge seine Armee aufs Haupt geschlagen, vernichtet gewesen wäre, bereits nach kürzester Zeit keine andere Wahl gehabt, als entweder kämpfend zu sterben oder sich zu ergeben. Trotz seines Geschenkes von zwölf Ochsen an Lord Napier, welche dieser bekanntlich zurückwies, stand er an der Schwelle der Hungersnoth.
Die Landschaft Debra Tabor hat andererseits den unschätzbaren Vortheil der centralen Lage und ist in dieser Beziehung weit besser gelegen als die Stadt der Atse[105], Gondar, welche zwar leicht zu befestigen wäre, aber während eines grossen Theils des Jahres ganz ausser Verbindung mit vielen Provinzen bleibt. Wenn der Takase seine Wassermengen durch die engen Thäler drängt, dann ist Gondar von Nordabessinien abgeschnitten oder kann doch nur auf grossen Umwegen erreicht werden. Dem ist die Landschaft von Debra Tabor, in der die königliche Residenz Samara liegt, nicht ausgesetzt. Maassgebend war auch wol für Ras Ali bei der Uebersiedelung nach Debra Tabor seine Unlust, denselben Aufenthaltsort mit dem Atse zu theilen. Denn wenn auch zu seiner Zeit schon die abessinischen Kaiser zu einer blossen Null herabgesunken waren, so hing ihnen doch noch immer ein gewisser historischer Nimbus an, und das schon musste für den Emporkömmling zu viel sein. Seit Ras Ali haben, ob mit Ueberlegung oder nicht, die folgenden Herrscher Debra Tabor immer bevorzugt. Und wenn sie sich auch nicht immer dort aufhielten, denn bei der Verfassung des Landes kann jetzt der Kaiser gar nicht an einem und demselben Ort weilen, so war doch sowol bei Theodor wie bei Johannes Debra Tabor der bevorzugte Lagerplatz der kaiserlichen Heere.
ZEHNTES KAPITEL.
MEINE AUDIENZEN BEIM NEGUS NEGESTI.
Erste kurze Audienz beim Negus. – Seine Wohnung. – Der Balderaba oder Geschäftsvermittler. – Die Wohnung des Grossschatzmeisters. – Das Riesenzelt. – Gastgeschenke des Negus. – Feierliche Audienz beim Negus. – Der Etschege. – Ueberreichung des Briefes vom Deutschen Kaiser. – Seltsame Ansichten des Negus. – Vorlesung des Briefes. – Ueberreichung der Geschenke. – Die Wichtigkeit eines seidenen Schirmes in Abessinien. – Die Bettler. – Ein Markttag. – Tägliche Audienzen. – Der Negus will den Reisenden zum Friedensvermittler zwischen Abessinien und Aegypten. – Günstiges Urtheil über den Negus. – Die Wohnung und Stellung Naretti’s. – Abschiedsaudienz. – Geschenke des Negus, darunter eine Anweisung auf 4000 Mark, die der Reisende ablehnt. – Herr Stecker bleibt bei den Narettis zurück.
Inzwischen kam vom Negus ein Bote: wir sollten ohne Verzug zu ihm kommen. So ritten wir denn durch eine kurze Hecke gaffenden Volkes. Grosse und kleine Gehöfte, in deren Mitte sich Hütten befinden, welche je nach dem Range des Besitzers aus drei, zwei oder auch nur einer bestehen, säumen den schmalen Pfad, an dessen Seiten Gras, Buschwerk und Unkraut lustig emporwuchern. Auch hier, in der unmittelbarsten Nähe der Residenz, sind die Wege derart holperig und krumm, dass man die Bewohner im Vergleich mit westeuropäischen Verhältnissen für vollkommene Barbaren halten möchte. Freilich, wenn man an die abscheulichen Wege des heutigen Russland, Ungarn denkt, wo die Bewohner doch halbwegs civilisirt sein wollen, so findet man in diesem abessinischen Zurückgebliebensein nichts Auffälliges mehr.
Wir erreichten jetzt eine Plattform, wo eine Batterie mit Kanonen neuester Construction, die man den Aegyptern abnahm, aufgestellt war. Hier empfing und begrüsste uns der Balata-Geta[106] und überliess uns einem zweiten höhern Hofbeamten, der uns in das mit konischem Strohdach versehene Thorgebäude führte. Hier mussten wir unsere Maulthiere verlassen. Das runde Thorgebäude war angefüllt mit Beamten, Offizieren, Landleuten, welche Geschenke oder Steuern brachten oder vielleicht appelliren oder Berufung gegen ein Urtheil einlegen wollten. Man musste sich fast durchdrängen.
Alsdann ging es in einen ca. 100 m langen, 20 m breiten Vorraum, in welchem Soldaten vierreihig in möglichst gerader Linie aufgestellt waren, alle ohne Ausnahme mit Remingtongewehren, die man ebenfalls früher den Aegyptern abnahm. Dennoch aber, trotz des kriegerischen Aussehens – mag man über die den Aegyptern abgewonnenen Schlachten denken wie man will –, die Leute, wie überhaupt die abessinischen Soldaten, machten doch den Eindruck, dass sie vor gutgeschulten europäischen und selbst vor gutgeführten ägyptischen Truppen nicht würden standhalten. Malerisch allerdings war der Anblick: die Offiziere mit schwarzen oder bunten Pardelfellen umhangen, andere mit kostbaren blau- oder rothsammtnen Schilden, beschlagen mit Silberplatten, auf welchen Goldfiligransterne sassen, dazu die Haltung der ohnedies so graziösen Abessinier – alles das machte einen überraschend schönen Eindruck. Man glaubte irgendeinen Aufzug vor sich zu haben, und ein Aufzug, eine Parade war es ja auch. Langsam schritten wir durch die lebende Gasse buntgekleideter Soldaten, und eine zweite, grössere runde Halle empfing uns, in welcher der Kaiser bei regnerischem Wetter Recht zu sprechen pflegt. Wir mussten hier kurze Zeit halt machen, da man abermals dem Negus unsere Ankunft anmeldete. Auch dieses Gebäude war voller Offiziere, Gouverneure, hoher Beamter sowie niederer Diener. Aber man bekümmerte sich fast gar nicht um uns, sei es, dass man sich bereits an das Erscheinen fremder Gesandter gewöhnte, oder auch wegen der Nähe des Negus eine grössere Zurückhaltung beobachten zu müssen glaubte. Blos einige Diener boten uns niedrige Schemel zum Sitzen.
Nun aber erschien der Afa Negusti[107], welcher ein hohes richterliches Amt am Hofe von Abessinien bekleidet, um uns zum Negus zu geleiten. Nach abermaliger Durchschreitung eines Hofraumes erstiegen wir auf einer sehr steilen, unangenehm glatten Treppe aus Basaltsteinen das grosse Gemach, in welchem der Kaiser fremde Gesandte zu empfangen pflegt. Dieser Raum, die vordere Abtheilung eines von Herrn Naretti erbauten und speciell zur Wohnung des Negus bestimmten Gebäudes ist keineswegs eines Kaisers würdig, selbst nicht in Abessinien. Wie ganz anders wohnten da die Kaiser in den noch ziemlich gut erhaltenen monumentalen Schlössern Gondars! Die dunkle und finstere Wohnung des Negus in Samara glich ganz einer Casa di campagna, wie man sie in ihrer dunkeln Färbung auf den Bergen Umbriens und der Emilia sieht. Die unbehauenen, durch Mörtel verbundenen Basaltsteine haben mit dem niedrigen Dache à cheval nichts Imponirendes. Die Wohnung besteht aus zwei Abtheilungen, einem vordern und einem hintern Zimmer; aus letzterm kann der Negus gleich in seine grossen runden Wohnhütten gelangen.