Das vordere, etwa 10 m lange und 8 m breite Gemach, in das man uns führte, war durchweg mit schönen weichen persischen Teppichen belegt. An den Wänden ringsum hingen äusserst wirkungsvoll blendendweisse, rothgeränderte Schama, von welchen auch genügend Licht durch die einzige Oeffnung, die Thür, zurückstrahlte. Im Hintergrunde, gerade dem Eingang gegenüber, sah man eine Erhöhung, belegt mit blauem Sammt, an welchem massiv silberne Fransen hingen; ausserdem einen Angareb, d.h. ein abessinisches, hier mit schönen Teppichen, Fellen und seidenen Kissen belegtes Sofa. Der Negus sass nach türkischer Manier zwischen zwei Kissen. Neben ihm standen für uns zwei hübsche, weisslackirte und vergoldete Rococostühle, mit Polstern von geblümter rother Seide. Einige nicht mit jenen vorhin erwähnten weissen Tüchern behangene Nischen enthielten prachtvolle Krüge, Vasen, Becher u.s.w. aus getriebenem Gold oder Silber, alles abessinische Arbeit. Sie würden jeden Sammler und Kunstkenner entzückt haben.

Der Negus war in abessinischer Tracht: vollkommen in seinen Margef gehüllt, jenes prachtvolle Umschlagetuch, welches, weicher als Seide, aus feinster Baumwolle gewebt und an beiden Enden mit 40 cm breiten Seidenborden in wundervollen Farben durchflochten ist. Kopf und Gesicht steckten ebenfalls, Augen und Stirn ausgenommen, in der Umhüllung. Aber durch das feine Gewebe des Margef bemerkte man sein nach kriegerischer Art geflochtenes Haar, aus welchem eine reizende Goldfiligrannadel hervorlugte.

Wir verbeugten uns tief, worauf der Negus uns näher zu sich heranwinkte, seine Hand aus der Umhüllung hervorlangte und, die meine schüttelnd, uns ein herzliches Willkommen entbot. Bei dieser Audienz waren nur zugegen der Budjurun[108]-Lauti, Dr. Stecker und Ngdaschit Schimper als Dolmetsch. Der Negus erkundigte sich nach der Gesundheit des Kaisers, des kaiserlichen Hauses, des Fürsten Bismarck und des deutschen Heeres. Als ich darauf zufriedenstellend antwortete und auf meine Frage nach der Gesundheit des Negus und seines Heeres ebenfalls gute Antwort erhielt, meinte der Negus, dass wir, von der langen Reise ermüdet, es wol vorzögen, uns zurückzuziehen; unser Balderaba sei der Budjurun-Lauti. Von diesem geführt, verliessen wir die Wohnung des Negus. Während der Audienz donnerten der Gesandtschaft zu Ehren die Kanonen.

Zum nähern Verständniss füge ich hinzu, dass nicht nur jeder Ausländer, sondern auch die Abessinier zu ihrer Vermittelung mit einem Höherstehenden oder auch einem fremden unbekannten Gleichstehenden eines „Balderaba“ bedürfen, welcher gewöhnlich ein Vertrauter dessen ist, mit dem man in Verbindung zu sein pflegt. Der Budjurun, sonst schon eine der einflussreichsten Personen am Hofe der Kaiser von Abessinien – denn auch dort ist Geld und Gut wie bei uns gleichbedeutend mit Macht –, hat unter dem gegenwärtigen Kaiser den ersten Rang. Eigentlich soll ja der Fitorari, d.h. der Vorkämpfer der kaiserlichen Heere, über allen andern stehen, aber auch in Abessinien weiss sich manchmal durch eigene Geschicklichkeit oder sonstwie ein Beamter oder auch ein Offizier einen höhern Einfluss zu erringen, als ihm seiner Stellung nach zukommt. Wir hatten also nicht nur einen sehr einflussreichen Gastgeber, sondern auch einen allmächtigen Balderaba bekommen. Und ohne einen solchen geht es nun einmal nicht in Abessinien. Namentlich zwischen fremden Personen ist anfangs ein directer Verkehr undenkbar. Mir ist es z.B. häufig vorgekommen, dass ein von irgendjemand an mich abgeschickter Bote, wenn er auch nur einen Tag in meinem Lager blieb, sofort einen Balderaba verlangte, d.h. einen meiner Diener, welcher einen etwaigen Verkehr zwischen ihm und mir zu vermitteln hätte.

Wir ritten also, sobald wir die Wohnung des Negus verlassen hatten, vom Oberstschatzmeister begleitet, zu dessen Wohnung, die am Fusse des Hügels lag und aus einer grossen Umzäunung bestand, welche verschiedene grössere und kleinere Tokul enthielt. An der einen Seite fand ich ein weissleinenes Zelt aufgeschlagen, ein unwohnliches, weil von ungewöhnlicher Grösse: mein eigenes Prachtzelt, das doch auch 5 m im Geviert hielt, hätte viermal darin stehen können. Es war das grosse Zelt, welches die italienische Geographische Gesellschaft dem König Menelek von Schoa schenkte und dieser dann seinem Herrn, dem Negus Negesti, zu Füssen legte. Da ich es für mich in der That zu ungemüthlich fand, bat ich Budjurun-Lauti, mir zu gestatten, mein eigenes Zelt, das ausserdem ein doppeltes Dach und doppelte Wände besass, aufschlagen zu dürfen. Leider ging das nicht an; das wäre, meinte er, eine Beleidigung des Kaisers, der eigens befohlen habe, für mich sein grosses Paradezelt aufzurichten. Man hätte einen Ball darin geben können, so geräumig war es. Als Geräth enthielt es aber weiter nichts als zwei Angareb, jene hohen und breiten, mit Streifen ungegerbter Rindshaut überzogenen Bänke der Abessinier, die man jedoch hier mit hübschen Teppichen überdeckte. Auch vor denselben lagen solche. In einer Ecke befand sich eine ca. 0,5 m tief in den Boden gegrabene Röhre[109], um darin etwaige Bedürfnisse zu verrichten, brauche aber wol kaum zu sagen, dass ich diese Bedürfnissanstalt gleich zuschütten liess, welche an jene ominösen Spalten erinnert, wie man sie auf den französischen Bahnhöfen, in den Hotels der kleinen Städte Frankreichs und in fast allen französischen Privathäusern findet.

Mittlerweile war es Abend geworden, der Tag ging auch schnell genug dahin mit Empfang von Beamten und andern, welche uns besuchten. Für meinen Reisegefährten, Dr. Stecker, liess man ebenfalls ein Zelt aufschlagen, ebenso fanden die Diener ein gutes Unterkommen, und unsere müden und wunden Maulthiere trieb man auf die Weide, welche in vollster Pracht grünte und blühte. Natürlich erhielten wir gleich, nachdem wir uns kaum eingerichtet, die Gastgeschenke des Negus: 3 Ochsen, 5 Schafe, 300 Brote, Mehl, Gerste, Honig, Butter und Wachsdrähte, deren man sich in Abessinien anstatt der Kerzen bedient; grosse Krüge mit Tetsch; Krüge mit Bier, und ein besonderes Geschenk vom Negus für mich: eine Flasche mit in Gondar gebranntem Schnaps. Diese Gaben wiederholten sich von nun an regelmässig in derselben Weise, solange wir in Samara verweilten. Aber auch andere machten Willkommsgeschenke, vor allen natürlich unser Wirth, der Budjurun, ausserdem viele, die es für ihre Pflicht hielten, den Gast des Negus ebenfalls zu beschenken. Mancher freilich hatte es auch wol nur auf das Gegengeschenk abgesehen.

Am folgenden Tage sollte die eigentliche feierliche Audienz, die Ueberreichung des kaiserlichen Schreibens sowie die Uebergabe meiner Geschenke vor sich gehen. Früh zogen wir daher unsere besten Kleider an, liessen unsere Maulthiere besonders schön satteln, und um 8 Uhr morgens, von unserm Balderaba, dem Budjurun-Lauti abgeholt, ritten wir, begleitet von einer Zahl unserer Diener, welche bewaffnet waren, während andere die Geschenke trugen, nach der kaiserlichen Residenz hinauf.

Der Negus empfing mich mit demselben Ceremoniell wie tags zuvor, nur diesmal in Gegenwart des Etschege, zu der Zeit der oberste Geistliche Abessiniens, da das Land Anfang 1881 keinen Abuna besass. Von allen Abessiniern darf der Etschege allein sich in Gegenwart des Kaisers setzen, ohne specielle Erlaubniss dazu erhalten zu haben. Wie alle Geistliche des Landes, trug er einen weissen Turban, der, um seine hohe geistliche Würde auch äusserlich in die Augen fallen zu lassen, von enormem Umfang und pyramidaler Höhe war. Sein übriger Anzug bestand in einem schwarztuchenen Burnus; hochschnabelige Schuhe standen ihm zur Seite. Er sass auf dem Teppich, der den Fussboden bedeckte. In der Hand hielt er ein grosses Kreuz aus massivem Golde.

Freudiges Entzücken malte sich auf dem Antlitz des Negus, als ich ihm den in einer rothsammtnen, geschmackvoll decorirten Mappe ruhenden Brief des Kaisers von Deutschland überreichte. Der Herrscher Aethiopiens löste die schwarzweissrothseidene Schnur, welche die Umhüllung zusammenhielt, und jetzt, auf weissem Atlas liegend, zeigte sich seinen erstaunten Augen der auch äusserlich prachtvoll ausgestattete kaiserliche Brief. Der Umschlag von blauem Papier, wie alle die, welche von unserm erhabenen Monarchen ausgehen, enthielt in goldenen und buntgemalten Buchstaben die Adresse: „An Johannes, König der Könige von Aethiopien, Majestät.“

„Das ist ein kaiserliches Schreiben!“ rief der Negus entzückt aus, indem er den Brief hervorzog und das rothe Siegel betrachtete, welches jedoch durch die fürchterliche Hitze in Massaua ganz den Wappeneindruck verloren hatte. Der Negus, dies bemerkend, stellte dann sofort die Frage: – Schimper dolmetschte wieder, Naretti war bei keiner der Audienzen zugegen – „aber hat Deutschland denn kein Wappen wie England und Frankreich?“ „Ja“, erwiderte ich, „aber die Hitze hat das Siegellack geschmolzen; indess werden Djanhoi[110] in dem Briefe selbst das grosse Staatssiegel Deutschlands, welches das meines gnädigen Herrn ist, finden.“