Der Negus drehte den Brief hin und her, triumphirende Blicke auf seine abessinische Umgebung werfend, als wollte er sagen: Seht ihr dies Schreiben, welches der mächtigste Monarch Europas dem mächtigsten König von Aethiopien[111] sendet? Habt ihr nun alle begriffen, dass ich wirklich der von Gott Auserwählte bin? Gibt es überhaupt noch jemand, welcher an meiner Allmacht Zweifel erheben könnte? Das mochten sicher die Gedanken des abessinischen Monarchen sein: man konnte sie fast von seinem Antlitz ablesen.

Der Negus drehte den Brief noch einmal hin und her, jede Einzelheit daran schien ihn zu interessiren, dann übergab er ihn dem Etschege, damit auch dieser die kostbare Umhüllung bewundern könne. Endlich wagte ich die Frage, da das Bewundern gar kein Ende nahm: „Wollen Majestät nicht den Brief öffnen, damit ich ihn lese und Herr Ngdaschit ihn übersetze?“

Der Kaiser sah mich an, drehte noch einmal den Brief um, ja, er schien eine gewisse Angst zu empfinden. Fürchtete er irgendeinen Zauber? Dann schnell zu Ngdaschit sich wendend, sagte er: „Bitte Herrn Rohlfs, das Siegel zu erbrechen und dann mir Satz für Satz den Brief vorzulesen.“ Ich nahm also das kaiserliche Schreiben wieder aus seinen Händen entgegen, zerbrach mit grosser Langsamkeit, mit einer gewissen Feierlichkeit das Siegel und entfaltete den auf grossen Quartseiten kalligraphirten Brief, welcher die eigenhändige Unterschrift unsers Deutschen Kaisers enthielt.

Eben wollte ich mit dem Lesen desselben beginnen, als der Negus rief: „Verzeih, lass mich vorher den Brief sehen!“ Ich beeilte mich, das Schreiben dem Negus wieder zuzustellen. Jede Seite wurde nun genau untersucht, besonders aber das unten sich befindende grosse Staatssiegel gemustert. „Frankreich hat auch einen Adler im Wappen“, hob der Kaiser wieder an. – „Ja“, sagte ich, „es hatte vorübergehend dieses Wappenzeichen unter der Herrschaft der Napoleoniden.“

„Warum sind gewisse Worte im Briefe besondere schön und grösser geschrieben?“ fragte dann der Negus, und dabei zeigte er auf die Worte „Wilhelm“ und auf seinen eigenen Namen „Johannes“. Ich erklärte ihm, dass der Künstler die Namen des Deutschen Kaisers und des Königs der Könige von Aethiopien stets durch besondere kalligraphische Schönheiten hervorgehoben hätte.

„Das ist eine grosse Aufmerksamkeit, welche früher auch in Habesch (Abessinien) Sitte war“, bemerkte er. – „Ihr Kaiser ist ein wirklicher Kaiser“, hob der Negus wieder an, „er ist Negus Negesti von Deutschland, wie ich es jetzt von Abessinien bin, denn man hat mir gesagt, dass viele Könige unter dem Kaiser von Deutschland regieren.“ – „Das ist vollkommen richtig, Majestät; früher hatten sich zwar manche Fürsten mit Hülfe des Kaisers Napoleon unabhängig gemacht, auch war die Kaiserwürde schon einmal erloschen, aber seit Jahren hat Deutschland einen Kaiser, und alle Fürsten Deutschlands erkennen im Kaiser ihren obersten Kriegsherrn.“ – „Das ist gerade wie bei uns in Abessinien“, erwiderte der Negus. „Aber seitdem ich den Thron[112] meiner Väter bestieg, den auswärtigen Feind, die gottlosen Mohammedaner, besiegte und endlich im Innern Herr der Rebellen wurde, habe ich das alte äthiopische Reich geeint und wiederhergestellt, so wie es bestand, als mein Urahn, Menelek, der Sohn Salomonis, es von seiner Mutter, der Königin von Saba, ererbte.“ Nach einer kleinen Pause – denn Schimper musste mir das alles verdolmetschen, und ich wusste nicht, was ich auf diese sonderbare Abstammungsrede erwidern sollte – fuhr der Negus fort: „Frankreich hat jetzt keine Regierung, und die Königin von England keine Könige unter sich, wie kommt das?“ – Er hatte sich inzwischen beim Reden so belebt, dass ihm der Margef, den er auch diesmal trug, ganz vom Gesichte glitt. Ich erwiderte durch meinen Dolmetsch: „Frankreich hat allerdings eine Regierung, und Englands Königin hat mehrere Könige, sogar mohammedanische Fürsten unter sich. Das englische Reich ist überhaupt das grösste der Welt, grösser als alle übrigen europäischen Länder.“ – „Wie ist das möglich? Man sagte mir doch jüngst noch, Griechenland sei das mächtigste Reich, mächtiger sogar als Russland, welches wir Abessinier bislang für das mächtigste Reich hielten.“ – Ich musste mich wirklich anstrengen, um mein Lachen über diese sonderbaren geographischen und politischen Ansichten zu unterdrücken. Aber wenn selbst sonst für vollkommen vernünftig geltende Leute[113] sich nicht scheuen, bei Audienzen diesen dergestalt unkundigen Beherrschern, welche nebst ihren Fürsten und Völkern doch nur auf solche Berichte angewiesen sind, die sonderbarsten Dinge zu erzählen, wie ist es da zu verwundern, wenn sich in ihren Köpfen über die Machtverhältnisse europäischer Staaten die seltsamsten Ansichten bilden. „Ist es also nicht wahr, dass Griechenland die Türken gezwungen hat, mit Russland Frieden zu schliessen und ganze Königreiche abzutreten?“ – Ich bat Schimper, mit wenigen Worten dem Negus den letzten Krieg zwischen Russland und der Türkei auseinanderzusetzen. „Aber Griechenland ist doch mächtiger als Deutschland?“ hob von neuem der Negus an. Auch hier überliess ich die Antwort meinem Dolmetsch, welcher ja in Karlsruhe eine vorzügliche Ausbildung, mithin auch geographischen Unterricht erhielt.

„Warum zwingt die Königin von England ihre mohammedanischen Könige und deren Unterthanen nicht, den christlichen Glauben anzunehmen?“ fragte der Negus; „aus verschiedenen Religionen in Einem Lande entspringen dem Herrscher stets Schwierigkeiten. Ich habe alle meine mohammedanischen Unterthanen gezwungen, sich taufen zu lassen. Früher hatten sie stets gemeinsame Interessen mit unsern Erbfeinden, mit den Aegyptern. Sie pilgerten nach Massaua und Mekka und verriethen dann ihr Vaterland an die Türken. Jetzt habe ich nur noch Christen und einige Falascha in Abessinien.“

Ich verbeugte mich blos, denn was sollte ich darauf erwidern, da selbst bei den gebildetsten Abessiniern der Gedankengang ein so himmelweit von dem unserigen verschiedener ist, dass es äusserst gefährlich gewesen wäre, demselben zu folgen, geschweige denn zu widersprechen. Hatte doch erst vor kurzem der Kaiser mit dem bald darauf aus Abessinien ausgewiesenen Bischof Massaya[114] und andern Geistlichen aus Schoa einen grossen Disput gehabt, der damit endete, dass man den eingeborenen Geistlichen, welche katholisch geworden und die Einheit in der Natur Christi anders auffassten, die Zunge abschnitt! Was gingen mich auch jene unfruchtbaren religiösen Streitfragen an? Ist selbst in Europa je etwas dabei herausgekommen? Als aber der Negus sah, dass ich keineswegs gewillt sei, mich mit ihm auf dem Gebiete religiöser Erörterungen zu tummeln, gab er mir den Brief, um ihn vorzulesen. Das that ich denn auch laut und mit Betonung, während Schimper Satz für Satz übersetzte und später den Brief Amharisch zu Papier brachte.

Hierauf reichte ich den kaiserlichen Brief zurück. Der Negus Negesti dankte und fragte dann: „Die deutsche Sprache ist sehr wohltönend, verstehen die Deutschen auch die französische, englische und italienische Sprache?“ (Mich wunderte, dass er nicht fragte, ob wir nicht auch „Griechisch“ verständen, denn ich glaube, innerlich war er doch noch immer überzeugt, dass Griechenland das mächtigste Reich Europas sei, „grösser als alle übrigen Staaten zusammen“.) – Ich erwiderte: „Nein, die Engländer, als unsere Vettern, können wir allerdings leichter verstehen, aber das Französische und Italienische muss gelernt werden, wie z.B. der Amhariner das Tigrische oder der Abessinier das Arabische lernen muss.“