Darauf fragte ich den Negus, ob er gestatte, dass ich ihm einige Gaben überreiche. Nach erhaltener Erlaubniss hiess ich Schimper die vor dem Gemach mit den Geschenken wartenden Diener hereinrufen.
Zuerst brachte man das prachtvolle solinger Schwert[115], welches, ursprünglich für den Sultan von Uadaï bestimmt, sich eine Zeit lang in den Händen der räuberischen Suya von Kufra befand, später aber zurückgegeben wurde. „Hat Ihnen“, fragte der Negus, „der Kaiser von Deutschland diese Geschenke für mich mitgegeben?“ – „Nein, Majestät, diese Gegenstände sind alle von mir und sollten ein geringes Zeichen meiner Hochachtung sein für den Herrscher der Könige von Aethiopien.“
Sodann erschien der bei Gerson in Berlin gefertigte Schirm, eigentlich ein kleines Sonnenzelt, und erregte durch seine gediegene Pracht fast noch eine grössere Wirkung als das Schwert. Von echtem grünen Sammt, reich mit Stickereien echter Goldarabesken bedeckt und langen echten Goldfransen ringsum behangen, war er inwendig mit dickem gelben Atlas gefüttert und hatte aufgespannt ca. 2 m Durchmesser. Die Stange und oben der Knauf waren echt vergoldet. Der Schirm ist in ganz Abessinien das Symbol der Fürsten, etwa wie bei uns das Scepter. In Abessinien ist heute noch der Besitz eines Schirmes sowie Zeltes aus rothem[116] Stoff Privilegium allein des Negus. Und wenn mein grüner Schirm solch einen überraschenden Erfolg erzielte, so war das nur der Goldstickerei und überhaupt der in jeder Beziehung reichen und meisterhaften Anordnung zuzuschreiben. Wie bei uns in unsern militärisch organisirten Ländern nur die grössten kriegerischen Thaten jemand die Auszeichnung des Sceptertragens (Marschallstabes) verschaffen können, so hängt bei den Abessiniern die Tragung eines seidenen Schirms immer von einer besondern Gunst des Negus ab. In letzterer Zeit erlaubte er allerdings vielen vornehmen Herren und Damen, sich eines europäischen Schirmes zu bedienen, und er wird jetzt wol bald jedem gestatten, in dieser Beziehung zu thun und zu lassen, was ihm beliebt; aber 1881 war diese Erlaubniss als für jedermann geltend noch nicht erfolgt. Nur des abessinischen Strohsonnenschirmes darf sich gegenwärtig jeder bedienen. Man hält in der Nähe der Residenz und innerhalb derselben so sehr auf die Schirmordnung, dass, als ich tags nach der Hauptaudienz wieder zum Negus gerufen wurde, ein im Hofe anwesender General mir durch Schimper zuflüstern liess, „ich möge meinen Schirm niederspannen lassen“ – ich liess mir nämlich nach abessinischer Weise von einem Diener den Schirm tragen – „in der Residenz dürfe niemand, ausgenommen der Kaiser, einen Schirm aufspannen.“ Ich that es indess nicht, sondern liess erwidern, ich würde mich eines Schirmes bedienen, solange der Negus mir es nicht verböte.
Der Burnus aus violettem Sammt, auch reich mit echtem Gold bestickt, 40 m deutsches Tuch feinster Art, war ebenfalls sehr willkommen, sowie einige Kleinigkeiten, die in Spielsachen[117] bestanden. Natürlich bedachte ich auch in entsprechender Weise die ersten Hofbeamten, ich hatte für sie Taschenuhren, Goldbrocatgewänder, Doppelferngläser, Revolver u.s.w. mitgebracht. Keiner von ihnen bettelte mich an, alle waren vollkommen mit ihren Geschenken zufrieden, und es macht mir besonderes Vergnügen, dies ausdrücklich bemerken zu können, weil fast sämmtliche Reisende über die Bettelhaftigkeit der Abessinier, namentlich auch der Grossen, zu klagen pflegten.
Freilich im allgemeinen ist in Abessinien Bettelei starker Brauch. Hungersnoth, Raub, Plünderung, Kriegführung tragen das Ihrige dazu bei. Schon früher erwähnte ich, dass in Abessinien eine ganze Menschenklasse davon lebt, Reisende zu begleiten und von deren Ueberfluss zu leben. Man sieht und hört sie, merkt aber keineswegs in unangenehmer Weise ihre Anwesenheit. Ist für sie etwas zu essen, so sind sie da; ist nichts übriggeblieben, dann sind sie auch zufrieden. Sie sind nie unzufrieden, zudringlich, nie klagen sie. Ja, im Laufe der Zeit bildet sich eine Art freundlichen Verhältnisses zwischen den eigentlichen Reisenden und diesen Bettlern: sie reisen eben mit. Auch leisten sie gern kleine Dienste, tragen Gepäck, bringen trockenes Holz zum Kochen und Brennen, holen Wasser, richten Botschaften aus und werden so, ohne je Geld oder Kleidungsstücke zu verlangen, Diener der eigentlichen Diener.
So fehlten denn auch in Debra Tabor die professionellen Bettler nicht. Schon frühmorgens sammelten sie sich ausserhalb der Umzäunung unserer Wohnung. Den näselnden einförmigen Gesang der Geistlichkeit um Mitternacht in der nahen Kirche verstärkten um 3 Uhr morgens Scharen von Mönchen durch Hymnen auf das Mitleid des deutschen Gesandten. Jung und alt, Männer und Weiber, alles sang, heulte, rief. Trat ich morgens um 6 Uhr oder später aus dem Zelt, sah ich wol Hunderte um mich her. Aber sie baten auch nie vergebens, alle bekamen ihr Theil, und das geht in Südabessinien um so leichter, als man ja Kleingeld zur Verfügung hat: die Amole. Wenn ich ausging, gab ihnen einer der mich begleitenden Diener eine Hand voll Thaler, gewöhnlich 10 Stück. Dass dabei unter viel Lärm und Geschrei die köstlichsten Scenen vorkamen – prügeln durften sie sich nicht – versteht sich von selbst, aber schliesslich vertheilten sie sämmtliche Gaben mit mehr Gewissenhaftigkeit und Verständniss, als wir es selbst hätten thun können.
Ich will noch erwähnen, dass ich dem Negus bezüglich der Herkunft der Geschenke einige Erklärungen gab, wobei er sich besonders dafür interessirte, zu wissen, ob alles in Deutschland verfertigt sei.
In Debra Tabor erlebten wir auch einen grossen Markttag, welcher jeden Montag stattfindet, kleinere dagegen alle Tage, aber an verschiedenen Orten des Districts. Die in Südabessinien vorkommenden Gegenstände sind hier schon sehr billig. Für einen Thaler kauft man z.B. 30, manchmal 40 Pfd. Kaffeebohnen; das in Südabessinien gebräuchliche Pfund ist freilich bedeutend kleiner als bei uns, etwa 350 Gramm. Ferner rothe, gegerbte Ochsenhäute, drei bis vier Stück für einen Thaler. Billig sind auch die in Abessinien gefertigten Waffen: für einen Thaler zwei Spiesse; für einen Thaler einen aus Büffel- oder Rhinoceroshaut gut gearbeiteten Schild. Bei mit Silberplatten belegten Schilden kommt der Silberwerth, kaum aber die Arbeit in Betracht.
In Debra Tabor hatte ich keinen Augenblick frei, da ich jede Minute gewärtig sein konnte, zum Negus gerufen zu werden. Dazu das lästige Gefolge einer grossen Ehrencompagnie, selbst bei einem Spaziergange. Es war mir daher keineswegs unangenehm, vom Negus selbst zu hören, dass er eine Inspectionsreise (d.h. einen Raubzug) nach dem Süden hin nur meiner Ankunft wegen verschoben habe. Nun aber würde er am 17. Februar Debra Tabor verlassen, niemand bliebe zurück, und so brauche auch ich nur bis zum 17. Februar zu bleiben.
Dieses „niemand bliebe zurück“ ist nicht genau wörtlich zu nehmen. Wie Asmara, wo der Ras Alula mit der Grenzarmee zu lagern pflegt, ist Debra Tabor, vollends Gafat und Samara, ein fast nur von Soldaten und Hofbeamten bewohnter District. Es gibt allerdings einige kleine Hüttenansammlungen, z.B. um die Kirche von Medani Allem, wo auch Bürger und Bauern wohnen, aber alle diese stehen doch als Käufer und Verkäufer in irgendeinem Verhältniss zur Armee.