Bei einer der folgenden Audienzen, zu welchen man mich täglich abholte, hielt mir der Negus eine fast zweistündige Rede über die Vortrefflichkeit der abessinischen Religion, über die Einheit der Natur Jesu Christi u.s.w. Ich hütete mich wohl, ihm je zu widersprechen oder auch nur den Anschein zu erwecken, als ob ich nicht auch überzeugt wäre. Soll es schliesslich darauf ankommen, dass derjenige der christlichste sei, welcher am meisten und festesten glaubt, dann können sich die alten Aethiopier trösten: sie glauben alles, was in der Bibel Alten und Neuen Testaments steht. Daher die Mordlust, die Unduldsamkeit, der Fanatismus der abessinischen Kaiser. Was würde der Kaiser antworten, wenn ihn jemand aufmerksam machte auf das „Unchristliche“ solcher Raubzüge, welche Tod und Verderben über ganze Völkerschaften verbreiten? Er würde einen jene Verbrechen, und Sünden glorificirenden Spruch aus den Büchern Moses’ citiren. Was soll man da machen? Ein Missionar wagte den Einwand: „Aber das steht ja im Alten Testament!“ Da antwortete der Negus: „Der Heiland sagte: ‚Ich bin nicht gekommen, den Alten Bund aufzulösen, sondern zu erfüllen.‘“ Er wollte dadurch beweisen, dass das Alte Testament ebenso bindend für die Abessinier sei wie das Neue. Kann man überhaupt mit einem Priester streiten? Und der jetzige Kaiser von Abessinien ist ja so ein Priester, der summus episcopus, er kennt die Bibel wie kein anderer.
Wenn es nun unter diesen Umständen für mich unmöglich war, auf seine religiösen Meinungen näher einzugehen, konnte ich mich doch weniger den politischen Gesprächen entziehen. Nicht nur erzählte mir der Negus ausführlich die in den ersten Kapiteln dieses Buches erwähnten Siege über die Aegypter, sondern auch seine Unterredungen mit Gordon bezüglich des Friedens.
Leider vermochte ich ihn nicht zu überzeugen, dass Gordon, als er in ägyptischen Diensten stand, gar keine andern Friedensvorschläge machen konnte als die, welche ihm von der ägyptischen Regierung zu machen befohlen waren. Dass Gordon gleich darauf den ägyptischen Dienst verliess und zwar wol hauptsächlich aus dem Grunde, weil er die Forderungen des Negus, zum Theil wenigstens, für gerecht hielt, das konnte er allerdings nicht leugnen, aber er wollte durchaus nicht glauben, dass Gordon seine Ansprüche, d.h. die des Negus, jetzt unterstütze. „Warum trat er nicht in meine Dienste? Warum verliess er nicht die Dienste des ungläubigen mohammedanischen Fürsten?“ fragte er beständig.
Dabei legte er denn auch mir die Frage vor, ob ich als sein Bevollmächtigter für ihn Frieden schliessen wolle. Ich erwiderte, falls meine Regierung dies gestatte, würde ich es als eine grosse Ehre und für eine meiner schönsten Aufgaben betrachten, Frieden zwischen zwei Völkern zu stiften. „Aber“, fügte ich hinzu, „ein vollkommen bindendes Versprechen kann ich, da ich augenblicklich im Dienste des Deutschen Kaisers stehe, nicht geben.“ – „Versprechen Sie mir nur in feierlichster Weise, dass Sie, wenn Ihnen Ihre Regierung keine Schwierigkeit bereitet, als mein Stellvertreter mit dem Chedive Frieden schliessen wollen.“ Dies that ich, nachdem ich gefragt hatte, welche Forderungen er an Aegypten stelle. Als ich ihm bemerkte, dass ich vielleicht einige, nicht aber alle Forderungen durchsetzen könne, sagte er: „Ich überlasse das Ihnen, führen Sie meine Sache als mein Anwalt nach bestem Können und Wissen.“ Das konnte ich abermals versprechen. Was in der That gab es Schöneres und Edleres, als zwischen zwei grossen Ländern Frieden zu schliessen, dazu beizutragen, dass man endlich jenen Raubzügen, jenen Plünderungen, jenem Abfangen von Menschen ein Ziel setze! Ist nicht Friedenvermitteln eine der erhabensten Thaten? Der Krieg erzeugt das Böse, der Friede das Gute. Jeder Krieg ist verabscheuungswürdig, wenn auch zuweilen unvermeidlich. Ausserdem war der Antrag und Auftrag des abessinischen Kaisers so ehrenvoll für mich, dass ich nicht umhin konnte, Schimper zu fragen, weshalb die Wahl des Negus auf mich gefallen sei. Hatten ihm meine Geschenke, welche ja persönlich von mir kamen, so imponirt? Glaubte er, ich würde ihm mit Deutschland einen guten Hinterhalt verschaffen? Meinte er, dass, weil ich an dem Feldzuge der britischen Armee theilnahm, also auch früher schon die Verhältnisse Abessiniens kennen lernte, für die mir zugedachte Rolle ich ihm besonders geeignet erscheine? Ich vermuthe, alles dies zusammen bestimmte den Negus zu seinem so ehrenvollen Vorschlage, vornehmlich aber doch meine Theilnahme am britischen Feldzuge. Denn nicht nur fragte er wiederholt, ob ich auch Lord Napier persönlich kenne, sondern er gab mir auch den vor Jahresfrist an ihn gerichteten Brief der Königin Victoria zu lesen. In der That wusste Johannes den Einfluss und die Macht Englands nicht hoch genug anzuschlagen und besonders über Lord Napier war er des Lobes voll. Und auch mit Recht, denn ohne Lord Napier wäre Kassai nicht Johannes geworden. So theilte er mir auch mit, Lord Napier habe an ihn einen Brief gerichtet, Gordon nicht als Gefangenen zurückzubehalten, was er selbstverständlich auch nie würde gethan haben, denn Gordon, obwol ägyptischer Pascha, sei doch Engländer. –
Auch dem Etschege, damals dem höchsten Geistlichen des Landes, machte ich einen Besuch. Ich war einigermassen in Verlegenheit, was ich diesem vornehmen Mann als Geschenk geben sollte, fand aber dann noch einen rothtuchenen, mit Gold gestickten Burnus, Brocatstoff, Sammt und andere Gegenstände, womit er auch zufrieden zu sein schien. Hätte ich seine Anwesenheit beim Negus vorher gewusst, würde ich natürlich passendere Geschenke für ihn bereit gehalten haben. Ich fand in ihm einen höchst aufgeklärten Mann, aufgeklärter, als man es von einem so hohen abessinischen Geistlichen erwarten sollte.
Auch meine vorgefasste Meinung über den Charakter des Negus Negesti musste ich zu seinen Gunsten corrigiren. Ein Wütherich, ein perfider Mensch sollte er sein, und zwar fällte man schon während der englischen Expedition dieses Urtheil über ihn. Und doch erwies er sich dort als ein treuer Bundesgenosse, als ein Mann von Wort. Mit Zagen ging ich zu ihm hin, die Berichte der Missionare lauteten über ihn äusserst ungünstig. Ich fand aber in ihm einen ganz vernünftigen Menschen. Dass er keine Missionare in Abessinien dulden will? Auch wir haben die Jesuiten ausgewiesen; er ist Herr in seinem Lande, sein Wille ist Gesetz, dem Gesetz muss man gehorchen. Dass er das Rauchen verbot? Auch bei uns war es einst verboten, wer wollte ihm das vorwerfen? Dass er bei vielen Gelegenheiten grausame Strafen verhängt? Er beruft sich dabei auf das Alte Testament!
Indess theilte er mir mit – ob diese Worte aber aufrichtig gemeint sind, wage ich nicht zu unterschreiben – dass er, im Fall es ihm gelänge, mit Aegypten Frieden zu schliessen, sein Land den Europäern öffnen wolle. Nicht nur wünsche er alsdann Handwerker und Künstler, sondern auch Gelehrte herbeizuziehen. Am liebsten wäre es ihm, wenn Eisenbahnen und Strassen sein Land durchzögen, um durch directe Verbindung mit europäischen Ländern seine Waaren dorthin zu schaffen und andere von dort zu beziehen. Aber erst müsse Friede geschlossen sein.
Bei den jetzigen militärischen Verhältnissen des Landes ist aber, auch nach geschlossenem Frieden, an eine eigentliche Civilisation des Volkes nicht zu denken. Die Soldaten leben eben nur durch Raub und Plünderung. Das Nothwendigste für Abessinien wäre, Regelmässigkeit in die Abgaben zu bringen und sonach auch eine Bezahlung der Soldaten möglich zu machen.
Von den beiden Brüdern Naretti empfingen wir viel Freundschaft, obgleich sie uns natürlich nicht das sein konnten, was sie den italienischen Reisenden gewesen waren, da wir ja Schimper zum Dolmetsch hatten. Der ältere Naretti, schon seit Jahren in Abessinien, mit einer Tochter Zander’s, aus Anhalt, verheirathet, welcher beim Kaiser Theodor Kriegsminister gewesen war, nahm beim Negus die Stelle eines wirklichen geheimen Oberzimmermeisters ein und nicht, wie man wol angab, die eines Ministro della casa del Rè. Er leitete die Arbeiten zur casa del Rè, wie er denn auch das Holzwerk zu vielen Kirchen behauen, bearbeiten und hübsch schnitzen liess. Aber mit eigentlichen Regierungsangelegenheiten befasste sich Naretti wol schwerlich. Beide Brüder, in jeder Beziehung Ehrenmänner, besuchten wir nicht selten in ihrer dicht neben der Residenz des Negus befindlichen gemeinschaftlichen Wohnung und freuten uns jedesmal, dies thun zu dürfen. Sie waren, was Stühle, Tische, Betten, Anzüge u.s.w. anbelangt, ganz europäisch eingerichtet, gingen meist auch europäisch gekleidet, auch Frau Naretti, welche, in der schwedischen Mission erzogen, Amharisch und Italienisch sprechen und schreiben und, wie es scheint, auch vorzüglich kochen gelernt hat. Jedesmal, wenn wir das Vergnügen hatten, bei Narettis zu speisen, erfreuten wir uns eines vorzüglichen Tisches, wobei auch die Kartoffeln nicht fehlten, welche, ursprünglich vom alten Schimper eingeführt, in einigen Gegenden Debra Tabors gezogen werden und sicherlich durch die vormals zahlreich in Gafat lebenden europäischen Arbeiter Verbreitung fanden.
Am Tage vor meiner Abreise berief man mich zur Abschiedsaudienz, und unser Balderaba, der Budjurun-Lauti, hatte zugleich den Auftrag, mich zu beschenken. Denn wenn es auch nothwendige Sitte ist, dem Kaiser Geschenke mitzubringen, so entlässt er doch keinen ohne Gegengeschenke. Da wurden zuerst zwei prächtige Hengste und zwei schöne Maulthiere vorgeführt. Das eine Pferd hatte silbernes Geschirr, aber auch Sattelzeug und Geschirr der andern Thiere war überaus prächtig.