Sodann wurde mir ein Goldbrocatkleid angezogen, eine silberne, mit Goldfiligran umsponnene Armspange angenestelt, ein blausammtner Schild mit Silberplatten nebst zwei ausserordentlich schönen Spiessen dargeboten. Der Abschied vom Negus war kurz und herzlich. Als man mir die Geschenke nachführte, schickte ich den einen Hengst zurück. Das Thier war zu edel, zu schön, um eine so beschwerliche Reise bis zum Rothen Meere ertragen zu können. Die Abessinier beschlagen ihre Pferde und Maulthiere nicht, und wenn letztere auch abgehärteter sind und das Reisen ohne Hufeisen ertragen, so gehen Pferde fast immer zu Grunde. Der Budjurun-Lauti machte anfangs Schwierigkeiten, das Pferd zurückzunehmen, aber endlich nahm er es doch.

Grössere Mühe machte das Ablehnen eines Geschenkes von 1000 Thaler (4000 Mark), welches der Negus mir mittels Anweisung auf den Gouverneur von Schire wollte auszahlen lassen. Immer und immer kam unser Balderaba darauf zurück, ich dürfe das Geld nicht ausschlagen, und ebenso beharrlich erwiderte ich, dass ich kein Geld nöthig habe. Es beweist das aber auch, wie geldarm der Negus ist, denn im Besitze einer so grossen Summe würde er sie geschickt und nicht angewiesen haben. Gordon, dem er eine gleiche Summe „zuschickte“, wies ebenfalls das Geld zurück, während, wie Herr Naretti sagte, die übrigen Herren meistens das Geld ohne weiteres nahmen. Die Unterhandlung mit dem Balderaba wegen des Geldes dauerte über eine Stunde, bis ich endlich erklärte, ich bliebe bei meinem Nein und würde nun nicht mehr antworten. Bei dieser Gelegenheit sei mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, dass die Berichte von dem hohen Tribut, den der König von Schoa zu zahlen hätte, meiner unmassgeblichen Meinung nach bedeutend übertrieben sein müssen. Matteucci[118] spricht von 150000 Lire (fast 50000 Thaler), die, abgesehen von vielen andern Dingen, welche hier zu nennen kein Interesse vorliegt, alljährlich vom König von Schoa an den Negus Negesti entrichtet werden müssten. Es kann dies schon deshalb nicht wahr sein, weil der Negus nicht einmal das Geld zum „Kaufen“ eines Abuna zusammen hatte. Und diese Summe betrug doch nur 7000 Thaler. In dieser Beziehung sind übrigens die Abessinier wie die Marokkaner, d.h. sie haben von Zahlen gar keinen Begriff. Als die Marokkaner unter Mulei-el-Abbes mit Spanien Frieden schlossen, erklärten sie sich ohne grosse Schwierigkeit bereit, die Millionen zu zahlen, als es aber zum Abzählen des Geldes kam, fand es sich, dass alle ihre Schätze bei weitem nicht ausreichten; sie wussten gar nicht, was eine Million ist, sie kannten den Namen, hatten aber keinen Begriff davon. Und so geht es mit den Abessiniern auch. Wenn das Volk sagt oder das Gerücht geht, Menelek zahle an Johannes 50000 Thaler, so glaube ich schon sehr hoch zu greifen, wenn ich 5000 darunter verstehe.

Den letzten Tag speisten wir noch bei Narettis, welche uns immer mit gleich liebenswürdiger Freundschaft empfingen und mit Rath und That unterstützten. Zugleich sagte uns Naretti, er begleite den Negus nicht, sondern bleibe in Samara, um die Kirche zu vollenden, welche der Negus ihm zu bauen aufgetragen habe. Da Stecker in den letzten Tagen fieberkrank geworden war, luden sie denselben ein, bei ihnen zu wohnen. Die Erlaubniss, eine Reise nach dem Tana machen zu dürfen, hatte der Negus ohne Schwierigkeit auf meine Bitte bewilligt. Mir that es leid, bis zum Tana-See nicht mit Stecker zusammen reisen zu können, aber sein Zustand erforderte einige Ruhe, um sich für spätere Unternehmungen kräftigen zu können. Und da es nun einmal geschrieben stand, dass wir uns in Samara trennen sollten, so wurde mir der Abschied dadurch weniger schwer, dass ich ihn in Gesellschaft guter Leute und noch dazu bei Europäern einquartiert wusste.

ELFTES KAPITEL.
AM TANA-SEE.

Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. – Der Negus erscheint. – Die Lagerordnung. – Reisegesellschaft, darunter drei vornehme Damen. – Hundert Soldaten zur Bedeckung. – Eintretender Mangel, da die Karavane sich bis zu 1000 Menschen verstärkt. – Lieblichkeit der Gegend. – Der Aasgeierberg. – Die erste steinerne Brücke in Abessinien. – Ein Waldbrand. – Lagerplatz dicht am Wasser des Tana-Sees. – Beschreibung des Tana. – Die Kirche auf der Insel im See. – Die Soldaten plündern in den Hütten der Bewohner. – Aufbruch. – Der Zolldirector. – Dembea die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. – Der zu klein befundene Ochs und abermals Plünderung der Soldaten. – Ankunft in Gondar.

Mein Reisegefährte zog schon tags zuvor von mir fort und nahm in einer recht geräumigen, von Herrn Naretti ihm zur Verfügung gestellten Hütte Wohnung. Am 17. früh morgens brauchte auch der Festschlafendste sich nicht wecken zu lassen, denn schon lange vor Sonnenaufgang tönte ein eigenthümliches Brausen und Lärmen durch die Lüfte: es kam von dem Packen, Satteln, Aufladen der Tausende von Maulthieren, Eseln und Pferden; von dem Gebrüll und Stampfen der Thiere; von dem Rufen, Sprechen, Rennen und Gehen der Menschen; es war, von fern gehört, wie ein Börsengesumme im grossen. Dazwischen knatterten Gewehrschüsse. Ich trete heraus und erblicke etwas Unbeschreibliches. Das ganze grosse Lager um Samara herum ist in Aufruhr. Ueberall Gruppen, Familien, Einzelne. Man schleppt aus den Hütten die Sachen, welche man mitnehmen will; sie werden verladen, von halsstarrigen Thieren abgeworfen, wieder aufgeladen, umgepackt. Wie ein umgerührter, wimmelnder Ameisenhaufen. Einzelne Züge ordnen sich. Hier hundert, dort weniger Leute mit ihren Thieren. Bei vielen Haufen besteht nur die Hälfte, bei den meisten nur ein Viertel aus Soldaten; die übrigen sind Greise, Weiber, Kinder. Alle ziehen ab nach einer bestimmten Richtung, nach Südost, als ob sie irgendein Punkt mit unwiderstehlicher Gewalt anziehe. Die Hütten, die Gehöfte bleiben verwaist stehen. Kein Mensch kümmert sich um sie. Dann verschwinden die lebendigen Säulen um eine Bergecke herum. Da – es war 8 Uhr morgens – ertönt plötzlich ein Kanonenschuss, noch einer und mehrere: der Negus! Ich trat hervor. Zuerst ein Zug Musikanten, Leute mit riesigen Trommeln, mit Pauken und Trompeten, mit erbeuteten ägyptischen Blasinstrumenten, denen sie entsetzliche Töne entlockten. Dann ein langer und breiter Zug mit Gepäck; eine von Cavaleristen umschwärmte Abtheilung Fusssoldaten; Grosswürdenträger; der Negus auf reichgeschirrtem Maulthier. Ueber ihm ausgespannt der prachtvolle deutsche Sonnenschirm, dessen Gold in dem strahlenden Sonnenschein sich zu verdoppeln schien. Dicht hinter dem Negus mit fast ebenso grosser Pracht der Etschege. Hierauf wieder eine Abtheilung Soldaten und andere Züge bis um 10 Uhr, wo alles hinterm Gebirg verschwand. Das Lager war leer. Samara erschien wie ausgestorben.

Wenn man bedenkt, dass vielleicht 40000 Menschen – so hoch muss man wol die Zahl aller Anwesenden in Samara veranschlagen – innerhalb sechs Stunden mit verhältnissmässiger Ordnung abzogen, so muss man zugestehen, dass hier von vornherein ein System waltete. Man hörte keine Befehle. Es war, als ob ein unsichtbarer Geist alles leitete. Auch Stockungen und wüste Durcheinanderschiebungen schienen nicht vorzukommen. Man muss eben wissen, dass in Abessinien für Kaiser und Heer seit 1000 Jahren eine gewisse Lager- und Marschordnung besteht. Jeder Offizier, jeder Beamte weiss, wann und wo er mit seiner Truppe zu marschiren und zu lagern hat. Voran der Fitorari, welcher gegenüber dem Zelte des Negus nach vorn lagert; zuletzt der Balata Geta mit der Lagerung rückwärts vom Zelte des Negus; der Budjurun unmittelbar vor dem Negus mit der Lagerung rechts vom Zelte desselben. Der Agafari oder wirklich geheime Oberhofmeister marschirt vor dem Budjurun und lagert auf dem äussersten rechten Flügel u.s.w.

Der Bibelkundige ersieht hieraus, dass eine solche auf uraltem Herkommen beruhende Anordnung auf biblische Vorbilder hinweist. Ja, die Vermuthung ist nicht ausgeschlossen, dass diese mosaische Marsch- und Lagerordnung selber ihren Ursprung afrikanischen Völkern verdankt. –