Also alles davon! Nur unser Balderaba blieb zurück und zwar auf besondern Befehl des Kaisers, um diesem über unsere Abreise Bericht zu erstatten.
Und nun mussten wir uns denn ebenfalls für die Reise rüsten, was so ziemlich den ganzen Tag hinnahm. Mein Gepäck hatte sich zwar ausserordentlich vermindert, sodass ich selbst verschiedene Maulthiere zurücklassen konnte, aber andere Elemente vergrösserten meine Karavane. Da kam zuerst der Budjurun-Lauti mit einer vornehmen Dame, welche nach Adua reisen wollte, und die er nebst ihren zehn Dienern unter meinen Schutz stellte. Eine andere Dame, Frau eines Beamten in Uogera, kam selbst, um für sich und ihre acht Diener die Mitreise unter meinem Schutze zu erbitten. Natürlich schlug ich es ihr nicht ab. Auch einer jungen hübschen Dame von etwas zweifelhaftem Rufe nicht. Man fragte sich wol, wohin will sie? welche Absichten hat sie? Sie besass nur zwei Diener, aber keine weibliche Bedienung. Das etwa waren die vornehmsten Reisenden. Ausserdem aber schlossen sich wieder kaufmännische Gesellschaften an und, wie immer, eine ganze Bande von Bettlern beiderlei Geschlechts. Auch Schimper’sche Verwandte fanden sich ein und last not least: ein Oberst mit einer ganzen Militärabtheilung, es mochten ca. 100 Soldaten sein, sollte mich wegen Unsicherheit der Gegend von Uogera bis zum Takase begleiten; bis dahin auch die Districtsgouverneure der Provinzen. Und der Etschege gab mir einen Geleitsmann bis Gondar mit, da diese Stadt zum grössten Theil, dann aber die ganze Gegend am Tana-See sein Eigenthum ist, und ohne seinen speciellen Befehl wären die Lieferungen ausgeblieben. Diesmal in der That sah ich mich auf diese angewiesen. Abgesehen vom Allernothwendigsten, hatte ich unsere Vorräthe Stecker gelassen, und dann handelte es sich um eine Gesellschaft von 500 Menschen, und alle diese zu sättigen, musste selbst bei reichlichen Mitteln bedenklich machen.
Und recht schlimm ging es anfangs. Bis Dobarik herrschte stets Mangel. Dazu kam das anspruchsvolle Benehmen der vornehmen Damen, von denen die eine eine Frau Dedjadj (die meisten übersetzen das mit Herzog) war. Kam ihnen einmal Brot, Fleisch oder Bier etwas später als gewöhnlich, gleich schickten sie, um zu klagen, einen ihrer Diener zu mir oder zu Schimper, den ich ihnen, sowie allen, zum Balderaba gegeben. Allerdings musste man mir täglich 1000 Brote liefern; aber wie oft fehlte daran mehr als die Hälfte! Und um einen Abessinier satt zu machen, bedarf es mindestens dreier Brote. Noch schlimmer aber sah es mit dem Fleisch aus. Täglich sollte für mich ein Ochs und ein Schaf da sein, aber bis wir Gondar erreichten, hielten die mich begleitenden Beamten es für zweckmäßiger, sich das Geld dafür von den Ortschaften geben, als die Thiere in natura einliefern zu lassen. Zum Glück hatte sich bei meinem Aufenthalt in Debra Tabor eine ganze Heerde angesammelt, sodass wir zwar täglich Fleisch, aber keineswegs reichlich hatten. Mancher der mich begleitenden Bettler musste abends sich hungerig schlafen legen, so sehr ich auch bemüht war, für alle zu sorgen. Die reifenden Gerstenfelder, die ebenfalls reifen Schimbera zu Seiten des Weges boten zwar einigermassen einen Ersatz; aber welchen Lärm und Skandal machte es, wenn die Leute sich wie grasendes Vieh oder wie Heuschrecken über die Felder ergossen, und die jammernden Bauern herbeieilten, um die hungerigen Plünderer abzuwehren, die sich jedoch auf die sie begleitenden Soldaten verliessen und ihr Geschäft fortsetzten: sie wurden zu wirklichen Heuschrecken in Menschengestalt. –
Der Abschied von Stecker wurde mir recht schwer. Wir hatten zusammen in Kufra gelitten, geduldet und dem Tode ins Auge gesehen, und das schmiedet eine Kette, welche so leicht nicht bricht. Aber endlich mussten wir uns trennen. Von Naretti begleitet, bestieg ich um 1½ Uhr nachmittags mein Maulthier und fort ging’s nach Westen, dem blauen Süsswassersee entgegen, welcher eins der Hauptbecken des uralten und ewig jungen Nil bildet. Auch Naretti verabschiedete sich bald, und so war ich denn allein, zum ersten mal, da Schimper um Urlaub gebeten hatte, um seiner an den Oberzolleinnehmer von Abessinien verheiratheten Schwester Lebewohl zu sagen, welche im Dorfe Lisawa wohnt, das noch zum District von Debra Tabor gehört.
Es war ein wundervoller Nachmittag. Ueber der ganzen Gegend lag Ruhe und tiefer Friede ausgebreitet. Nur hin und wieder sah man noch kleine Trupps von Nachzüglern, welche dem Heere des Kaisers nacheilten. Wir kamen nach einer Viertelstunde bei Gafat vorbei, bewunderten die Schlote und leergebrannten Fabrikgebäude, welche die Missionare auf Befehl Theodor’s errichten mussten, um dort jene Kanonen und Mörser zu giessen, welche auf den ersten Blick durch ihre Grösse imponirten, beim ersten Schuss aber zerplatzten.
Mit betrübten Herzen dachten wir an die traurigen Stunden, welche hier die britischen Gefangenen verlebten, an die Erniedrigung, welche sich die Missionare und der französische Consul Lejean mussten gefallen lassen. Jetzt sind nur noch Ruinen da, und auch diese werden wol in einigen Jahren vom Erdboden verschwunden sein.
Prachtvolle mähbare Gerstenfelder, dicht daneben junge Gerste, welche saftgrün eben den Mutter-Erdboden verliess, weiterhin Bauern, beschäftigt, das Korn gerade der Erde anzuvertrauen – so entrollte sich vor uns ein lachendes Bild nach dem andern, während im Norden das Melsa-Gebirge, im Süden das Debra Tabor-Gebirge in grossartiger Weise den Blick begrenzten. Natürlich konnten wir, da wir so spät aufbrachen, am ersten Tag nur einen kurzen Marsch zurücklegen, wir campirten bald an einem kleinen tief eingeschnittenen Bache, der nach Norden abgoss und dem Reb zufliesst. Hätten wir nur gleich einen doppelt so grossen Weg machen können!
Immer mehr Reisende kamen, um sich uns anzuschliessen. Die günstige Gelegenheit, unter militärischer Bedeckung nach Tigre kommen zu können, war zu verlockend. Aber die meisten hatten keine Vorräthe. Wie sollte das schliesslich enden? Und wieder kam eine vornehme, in einen himmelblauseidenen Mantel gehüllte Dame, welche ebenfalls mit kaiserlicher Erlaubniss einen Sonnenschirm tragen durfte. Sie liess sich ohne weiteres ganz in der Nähe meines Zeltes eine Hütte aus Reisig bauen. Schimper, immer sehr ehrerbietig und galant gegen Damen, meinte, man müsse auch diese unter die zu Verpflegenden aufnehmen. Wir hatten im ganzen am Abend des ersten Marschtags fast 1000 Menschen um uns.
Die Gegend wurde immer lieblicher und schöner, die Wildheit verlor sich mehr und mehr; die aus weiter Ferne herüberwinkenden Bergriesen mahnten allerdings den Reisenden, welche Schwierigkeiten unter Umständen seiner warteten. Oft glaubte man in einem Hain von Palmen[119] zu wandeln, und die Häufigkeit dieses tropischen Baumes findet denn auch Ausdruck im Sselenoa-Fluss, d.h. Palmenfluss. Natürlich dacht sich die Gegend ab nach dem Tana[120]-See, doch muss man einige grosse Treppen oder Felsufer hinab, welche einen äusserst zerrissenen Charakter zeigen. So am folgenden Tag. Aber die Wildheit, die Unwegsamkeit dieses einige hundert Fuss hohen Absatzes verschwand unter einer wahrhaft überraschenden Pflanzen- und Blumenfülle. Ueberall grosse Büsche von Rosen und Jasmin. Man zog dahin in einem Meer von Wohlgerüchen. Alsdann lagerten wir am Fusse der Amba Tsunko[121], bekannter unter dem Namen Amara Gedell, d.h. Aasgeierfels. Der Berg ist um so auffallender, als er ganz vereinzelt, ein riesiger Block, aus der Ebene aufsteigt, nach allen Seiten fast senkrecht abfällt und unersteiglich ist. Oben aber wird er von einem herrlichen Laubdach bedeckt und dient zahlreichen Aasgeiern und Adlern, welche hier vor allen Angriffen sicher sind, zum Aufenthalt. Die Sage geht, König Theodor habe von dem mindestens 100 m hohen Block einen Adler heruntergeschossen, was denn meine Leute anfeuerte, auch ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Es stellte sich aber heraus, dass keiner es dem berühmten Kaiser nachmachen konnte, trotz der bessern Waffen, die sie besassen.