AMARA GEDELL.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Als ich abends längs des kleinen Baches, der sich in weitem Bogen um die Amba Tsunko hinzieht, einen Spaziergang machte, stiess ich zum ersten mal auf die Musa Ensete, welche an den Ufern wild wächst und hier ihre prächtigen saftgrünen Blätter entfaltet.

Immer anmuthiger wird die Gegend, und der aus verwitterten vulkanischen Massen bestehende Boden immer reicher. Weizen- und Gerstenfelder wechseln ab mit der wickenartigen Schimbera, aus deren reifen Erbsen unsere abessinischen Diener eine „Purée“ zu machen verstehen, welche wirklich gut schmecken würde, wenn nur nicht die brennende Schärfe des rothen Pfeffers den Geschmack so sehr beeinträchtigte. Wir lassen nun etwas nördlich die bedeutende Handelsstadt Deritta liegen, welche bis vor kurzem fast nur aus Mohammedanern bestand, die aber sich ebenfalls sämmtlich mussten taufen lassen. Einer meiner Diener, ein junger Mann von 25 Jahren, erhielt dort bei seiner Taufe den Namen Desta.

Man passirt hierauf den Reb, den man erst in unmittelbarer Nähe bemerkt, denn er frass sich tief in den schwarzen Humusboden ein und rollt nur langsam seine trübe Flut zwischen senkrechten Ufern dem Tana zu. Eine steinerne Brücke überrascht mit ihren fast gothischen Bogen, deren ich vier zählte. Die erste Brücke in Abessinien! Aber schon vorher machte sich die ehemalige Anwesenheit der Portugiesen, denn diese erbauten die Brücke, durch eine recht breite, stellenweise sogar gepflasterte Strasse bemerklich. Nachdem man die grossen Kieselsteine weggeräumt, beseitigte man durch kleinere die Unebenheiten. Also in dem Bezirk der ehemaligen Portugiesenherrschaft sind wir jetzt. Auffallend ist es nur, dass angesichts der in diesem Theile Abessiniens doch gut erhaltenen Brücken spätere Herrscher nie daran dachten, anderwärts ähnliche nützliche Werke zu errichten. Ein tüchtiger Kaiser, Theodor, beherrschte doch unlängst, und ein zweiter tüchtiger, Johannes, beherrscht jetzt Abessinien. In seiner Noth liess Theodor einen Weg von Debra Tabor nach Magdala bauen, aber die dabei notwendigen Brücken bestanden aus Holzstämmen, waren also ganz vergänglicher Natur. Trotz seiner Scheusslichkeiten, die er beging, indem er Dutzende von Priestern verbrennen und ermorden liess, baute er – Kirchen, z.B. die prächtige Kirche Medani Allem in Debra Tabor. Auch der jetzige Kaiser Johannes, ein sehr frommer Mann, lässt Dutzende von grossen Kirchen aufführen, aber keine einzige Brücke. Was in aller Welt nützen die vielen Kirchen in Abessinien?

Ehe wir nach dem District Eifag kamen, wo wir in der Nähe einiger Dörfer nächtigten, überraschte uns einer jener gewaltigen Waldbrände, wie man sie nicht nur in Abessinien, sondern überall in Centralafrika, ja selbst in den nördlichen Berberstaaten so häufig erlebt. Meist entstehen dieselben durch Unvorsichtigkeit. Irgendeine Karavane lässt lebendige Kohlen oder gar noch loderndes Feuer zurück. Bald darauf jagt der Wind die Flamme in die nahen trockenen Gräser, und der Waldbrand ist da, welcher häufig riesige Dimensionen annimmt von oft quadratkilometergrossen brennenden Räumen, auf unglaublich weite Entfernungen seine Dämpfe entsendet, ähnlich dem Moorrauch, den man bis zu den Alpen hin verspürt. Es entsteht dadurch jener eigentümliche trockene Nebel, den wir Moorrauch, die Engländer Hamattan nennen.

Diese Waldbrände hemmen denn auch die Entwickelung der Bäume. Es wird wol jedem Reisenden aufgefallen sein, dass, abgesehen von jenen undurchdringlichen tropischen Urwäldern, z.B. in Yoruba, die wegen ihrer Dichtigkeit und daraus resultirenden Feuchtigkeit nicht abgebrannt werden können, alle sogenannten lichten Wälder aus nicht sehr grossen Bäumen bestehen und man erst an den Ufern der Flüsse und Bäche wieder grosse und dicke Bäume vorfindet, zu welchen die Flamme nicht gelangen kann, weil das sie umwachsende Gras und Buschwerk sammt Unterholz während des ganzen Jahres, auch in der trockensten Zeit, grün und feucht bleibt. Aber auf Flächen und Bergen trocknet in der trockenen Jahreszeit alles. Die grossen Bäume behalten zwar ihre Säfte, die nicht, wie bei unsern blattlosen Bäumen, im Winter zurücktreten, aber wenn sie alljährlich die Flammen des Grases umfluten, so wird doch ihr Wachsthum dadurch gehemmt. Nur die Adansonien scheinen nicht daran zu leiden, vielleicht wegen ihrer dicken rhinocerontischen Haut oder Schale.

Eifag[122], ein District mit einigen Oertern, liegt recht hübsch an den Ausläufern der nördlichen Gebirgskette, welche in Amba-Tschara, Michael Debr u.s.w. gipfelt. Man kann nun schon den herrlichen See und im Osten davon die so überaus fruchtbare Ebene überblicken, welche nahe am See aus Marschboden mit hohem Grase besteht, aus welchem, wie bei uns im Norden von Deutschland, die Heerden kaum hervorragen. Scharen von Wasservögeln, welche morgens seewärts, abends landwärts fliegen, kündigen ebenfalls die Nähe des grossen Wasserbeckens an, und breitgetretene Wege durchs Gebüsch zeigen uns die Richtung der Flusspferde und Nashörner, wenn sie zum Wasser wollen. Prachtvolle Juniperus und Wontsabäume (cordia) beschatten den grossen Marktplatz von Eifag, der ausserdem durch zahlreiche steinerne Herde für Schmiede und Garköche, durch Löcher aller Art, durch Holzgestelle zum Aufhängen von Gegenständen und leerstehende Hütten sich bemerkbar macht. In der Nähe desselben lagerten wir, während der Oberst mit seiner Truppe weiter nach oben hinzog. Aber trotzdem die Bewohner Eifags reichlich Lebensmittel verkauften, denn geliefert wurde nicht, da die Beamten das Geld dafür einsteckten, konnten die Soldaten von Plünderungen nicht ablassen.

Wir durchzogen bis zum Tana, diesem grössten See Abessiniens, eine überaus liebliche Gegend. Ich schlug mein grosses Zelt gegenüber der malerischen Insel Matraha auf, welche nur durch einen schmalen Sund vom Festlande getrennt ist. Unser Lagerplatz war der denkbar schönste. Das Zelt lag unmittelbar am Wasser, von diesem nur durch einen etwa 3 m breiten Rasenstreifen getrennt, der ca. 1 m höher lag als der Spiegel des Sees. Rechts also, nach Norden zu, schloss die Scenerie ein kleines über und über mit Candelaberbäumen bestandenes Vorgebirge. Nach Süden zu sah man in weitester Ferne die Berge von Korata und den hohen Guguwieberg; vor uns lag wie eine Silberplatte der ruhige See, und im Hintergrunde hatten wir eine herrliche Baumwand aus Akazien, Worka und Wontsa und andern Laubbäumen, welche mit prächtig farbigen Schmarotzergewächsen, mit tausendfach sie umschlingenden Rankgewächsen umsponnen war. Dazu die Bäume wie übersäet mit jenen kleinen birnförmigen Nestern des Webervogels. Kann man sich ein reizenderes Bild denken? Ich liess mein Lager deshalb so unmittelbar am Rande des Tana-Sees aufschlagen, weil den Tag über der von dem Wasserspiegel herwehende Wind angenehme Kühlung brachte, nachts aber der entgegengesetzte Landwind die Feuchtigkeit desselben abhielt.