AM TANA-SEE.
Der Tana-See mit seiner birnförmigen Gestalt wurde zuerst von Bruce am eingehendsten geschildert. Seine wirkliche Gestalt ist jetzt von Stecker, welcher nach mir dahin kam und den See fast in seiner ganzen Ausdehnung umging, festgestellt. Die Mitte des Sees wird fast genau vom 12.° nördl. Br. und dem 37.° 15′ östl. L. v. G. geschnitten. Der Flächeninhalt desselben beträgt etwa 3000 □km,[123] also ungefähr so viel wie der des Cantons Tessin in der Schweiz oder wie der der Insel Socotra, die Höhe dagegen über dem Meere ca. 1750 m, welche von Rochet, von mir und zuletzt von Stecker, ganz unabhängig voneinander, gefunden ward. Was die Tiefe des Sees anbetrifft, so liegen darüber noch keine abschliessenden Untersuchungen vor, welche erst dann wirklich richtige Resultate ergeben können, wenn Europäer in ordentlichen Schiffen mit guten Messwerkzeugen Tiefseemessungen anstellen. Wenn man den Tana als einen ehemaligen Krater betrachtet, dürfte seine Tiefe eine beträchtliche sein, während andererseits zu bedenken ist, dass seit undenklichen Zeiten aus den 50 Flüssen und Flüsschen, welche in den See sich hinein ergiessen, grosse Mengen Geröll, Erde u.s.w. abgelagert wurden. Stecker, der, wie wir erwähnten, 2980 □km Flächeninhalt angibt, rechnet davon auf die zwei Inseln Dek und Dega, auf erstere 40 □km, auf letzere 44 □km. Die grösste Tiefe fand Stecker[124] zwischen der Insel Dega und Zegi mit 72 m, zwischen Korata und Zegi mit 67 m. Aber auch nach ihm dürfte die grösste Tiefe, weit über 100 m, nördlich von Dek zu suchen sein. Wie wenig zuverlässlich aber derartige Angaben von Messungen oft sind, geht daraus hervor, dass Rochet d’Héricourt bei der Insel Matraha bei 197 m noch keinen Boden zu finden vorgab, Stecker dagegen die Tiefe daselbst auf 5 m angibt, und ich, der ich in einer Tankua[125] überfuhr, fand, dass die mich nach der Insel übersetzenden Fährleute mit ihren 4 m langen Stangen schon bei 2 m auf Grund stiessen. Keineswegs ist aber vielleicht an diesen so voneinander abweichenden Angaben der verschiedenartige Wasserstand des Tana-Sees schuld, welcher sehr wenig wechselt, wie man an den Wassermarken sehen kann. Trotz der zahlreichen Zuflüsse dürfte derselbe während und nach der Regenzeit kaum mehr betragen als 1,25 cm, welche Höhe durch Sturmfluten nach der einen oder andern Seite sich noch um 50 cm erhöhen mag. Die regelmäßige Regenzeitswassermarke war, wie man an den Felsen ersah, in der That nur 25 cm über dem Spiegel des Meeres.
Der Tana ist äusserst fischreich, hat aber keine Krokodile. Flusspferde sahen wir, aber wegen zu grosser Entfernung konnten wir nicht Jagd auf sie machen. In bewunderungswürdiger Ruhe sassen aber in nächster Nähe von unserem Zelte buntfarbige Enten, schöne wilde Gänse, Riesenreiher, Schwäne und Strandläufer. Pelikane stopften sich Fische in ihre Kropfbeutel, und in der Baumwandung zwitscherten und sangen die Vögelchen, dass es eine Lust war. Man glaubt gewöhnlich, in Afrika gebe es wenig Singvögel, das ist aber irrthümlich; namentlich in Abessinien sind sehr viele, von denen die meisten sich im farbenprächtigsten Federschmuck zeigen.
Das Erste, was ich that, war, dass ich ein Bad im See nahm. Die Wasserwärme betrug bei 24° Luftwärme 25°. Die wundervolle Süsse des Wassers erinnert an den Geschmack des Nilwassers. Die Einwohnerschaft der am Ufer zerstreuten, dem Etschege untergebenen Hütten waren zwar recht freundlich, aber mit Lieferungen sah es schlimm aus, und verkaufen wollten sie auch nichts, offenbar aus Furcht, kein Geld zu bekommen. Erst als ich für ganz kleine Dienstleistungen reichlich mit Amolen bezahlte, fassten sie Zutrauen, und bald schwammen wir im Ueberfluss. Direct unterstellt sind sie der Geistlichkeit von Matraha, jener kleinen Insel, welche unserm Lagerplatz gegenüberlag. Sobald der mich begleitende Bote des Etschege dort erschienen war, kam eine Deputation der Geistlichkeit und bat um Erlass der Lieferungen[126] (1 Ochs, 1 Schaf, 1000 Brote, Butter, Honig u.s.w.), was ich mit Freuden bewilligte, aber nur bat, mir durch ihre Unterstützung den reichlichen Einkauf von Lebensmitteln zu erleichtern. Zugleich ersuchte ich, mir eine Tankua zu stellen, da ich gern am andern Tage ihrer berühmten Kirche einen Besuch abstatten wolle. Matraha, dessen Kirche die Gebeine des Kaisers Jesus oder Jasus I. birgt, ist nämlich Asyl und steht bei den Abessiniern in grosser Verehrung.
Am andern Tage kamen denn auch zwei kräftige Inselbewohner mit ihrer Tankua, und Schimper, ich und einer meiner Diener schifften hinüber. Die Einrichtung der Tankua bringt es mit sich, dass den untern Theil immer Wasser überschwemmt, während man auf dem obern Rohrbündel sitzt. Wenn man aber die Füsse nicht angezogen hielt, wurden diese vom Wasser überflutet. Das hat ja nun für die Abessinier, welche alle mit Ausnahme der Geistlichkeit barfuss gehen, keinen Uebelstand, vollends nicht für die Matrahenser, welche wahre Amphibien sind, aber für Europäer kann man es gerade nicht „angenehm“ finden. Wir kamen schnell an, denn nur ca. 500 m liegt die reizende Insel vom Ufer. So wie beim Einsteigen wurden wir beim Landen von den Leuten getragen, da die tiefgehende Tankua kein unmittelbares Landen gestattet.
Natürlich mussten wir zuerst zur Wohnung des obersten Geistlichen, wo man uns in einem dunkeln Gemach Erfrischungen darbot. Als wir auf einem hübschen Angareb sassen, der gerade für uns beide Platz hatte, brachte man Kaffee und darauf Schnaps in kleinen Gläsern. Auf meine erstaunte Frage, wie man in dieser Abgeschiedenheit Schnaps erhalten könne, erwiderte er, die Kunst zu destilliren habe er in Jerusalem gelernt; auch dem Negus Negesti und dem Etschege sende er alljährlich einige Flaschen, der Kaffee aber sei von der nahen Halbinsel Segi.[127] Dieser ehrwürdige Priester, dessen Namen ich leider vergessen habe, konnte nicht genug hören über Jerusalem, Kairo, Alexandria, Städte, die er vor mehr als einem Menschenalter besucht hatte.
Dann standen wir auf, und nun ging es nach der auf der westlichen Seite der Insel gelegenen Kirche. Es war wie eine Procession, denn fast die ganze Bevölkerung der kleinen Insel schloss sich an. Jung und alt, alles ging mit. Und recht freundlich, zutraulich und anständig benahmen sich die Leute. Auch die Wohnungen aus Stein, die von niedrigen Mauern umschlossenen Gärtchen sahen so schmuck aus, dass man unwillkürlich an die Portugiesen denkt, welche so lange Zeit hier ihren Einfluss ausübten. Ja, wie in Gondar, erinnert die Bevölkerung dieser kleinen Insel auffallend an den portugiesischen Typus. Die meisten haben ganz schlichtes Haar, und der nach oben sich erweiternde Schädel ist echt portugiesisch.