Die Kirche selbst ist ein äusserst interessantes Bauwerk: allerdings ein Rundbau in abessinischem Stil, aber einige Bauten daneben sind offenbar portugiesischen Ursprungs. Dicht umgeben die Kirche uralte, aufs üppigste von prachtvollen Lianen umschlungene Juniperus und Oelbäume. Die Bilder in derselben, ältern Ursprungs, sind, wie die meisten abessinischen, auf stark gegipster Leinwand[128] gemalt, die man fest anliegend auf die nackte Wand klebt, sodass man recht gut von al fresco sprechen kann. Auch erkennt man die Leinwand auf den ersten Blick gar nicht. Wie gewöhnlich, waren die gemalten Gegenstände der Bibel und der abessinischen Geschichte entnommen. Die hölzernen[129] Königsärge ruhen nicht mehr in dem Gewölbe, welches oberhalb der Erde hinter der Kirche offenbar früher Grabstätte gewesen ist. Mit Bestimmtheit wussten die Geistlichen selbst nicht anzugeben, ob ausser Jasus noch ein anderer Kaiser in Matraha begraben liege, da sie gar keine Documente oder geschichtlichen Nachweise zu besitzen vorgaben. Und die „ältesten Leute“ der Insel wollten oder konnten sich dessen nicht erinnern. Die Möglichkeit, dass sie keine Bücher und Documente mehr besassen, ist übrigens, wie Schimper mir mittheilte, nur zu wahrscheinlich, da Theodor einst mit wahrer Berserkerwuth die Insel überfiel und die ganze Priesterschaft, von der er beleidigt zu sein glaubte, fortschleppte. Die meisten von ihnen wurden grausam umgebracht, die Einwohner der Insel aber in ihren Häusern verbrannt. Schimper, als kleines Kind, war Augenzeuge dieser Schandthaten.

Am meisten interessirte mich das aus zwei Stockwerken bestehende Gewölbe, sodann eine kleine Kapelle mit Rundbogen, ferner die Fenster und Thürme, welche als Schutzthürme aufgeführt sein mochten und die mir zum ersten mal einen vollen Blick über die staunenswerthe Thätigkeit jener Hand voll Jesuiten gewährten, die unter Christof de Gama nach Abessinien kamen. Höchst merkwürdige grosse Spinnen, welche vor dem Gewölbe und, wie ich später sah, auch in den die Kirche umgebenden Bäumen und Büschen wahrhafte Riesennester – förmliche Wagenräder – errichtet hatten, durfte ich leider meiner Sammlung nicht einverleiben, da die frommen Geistlichen baten, sie nicht zu stören oder gar zu tödten.

Es versteht sich von selbst, dass ich für die Geistlichkeit ein reichliches Almosen zurückliess, und befriedigt kehrten wir auf unserer Tankua nach dem Festlande zurück. Mein Geldgeschenk musste übrigens Wunder gewirkt haben, denn abends liess sich die Geistlichkeit noch einmal melden, und siehe da, man brachte nun ganz aus freien Stücken die Lieferung. Selbstverständlich hatten sie sich nicht verrechnet, als sie annahmen, sie würden dafür blanke, neue Maria-Theresienthaler erhalten.

Ueber die Insel füge ich noch hinzu, dass dieselbe etwa 1 km lang und 0,5 km breit ist. Grössere Fische, als 1 m lange, gibt es nach der Versicherung der Matrahenser im See nicht. Von meinem Besuche auf der Insel Matraha und von meinem Lagerplatz am Tana-See nahm ich nur liebe und angenehme Erinnerungen mit. Desto mehr wundert es mich, dass man Dr. Stecker eine kurze Zeit darauf nicht so gut empfing, obwol ich eigens die Priesterschaft gebeten, meinen Begleiter, falls derselbe käme, ja recht freundlich aufzunehmen. Sollte die Freundlichkeit der frommen Leute nur der dringenden Empfehlung des Etschege zuzuschreiben sein?

Denke ich an den Tana-See mit seinen tiefblauen Fluten und ewiggrünen Ufern zurück, dann muss ich sagen: von den Aequatorialseen wird er zwar bedeutend an Grösse, aber gewiss nicht an Schönheit und Ueppigkeit der ihn umgebenden Natur übertroffen. Und was die Reinheit der Luft anbetrifft, so ist die an und für sich hohe Lage des Sees und die stellenweise unmittelbar ans Ufer stossenden, nicht niedrigen Berge, z.B. der Tekla Haimanot auf Segi mit 2074 m, im Norden der Goraf mit 2134 m Höhe die beste Bürgschaft für gesunden Aufenthalt. Wann aber werden die Zeiten kommen, dass man nach Abessiniens herrlichen Seen, dem Aschangi, Tana etc. und nach den Alpenlandschaften von Semien, Guna etc. Kranke schickt, um in ewig reinen Lüften zu gesunden? Gewiss in sehr ferner Zukunft! Augenblicklich möchte ich keinem Vergnügungsreisenden einen Ausflug nach Aethiopien empfehlen.

Am 22. Februar 1881 fingen wir von neuem zu packen an, während die Soldaten des Obersten es nicht lassen konnten, zu guterletzt noch mit Plünderungen verbundene Abschiedsbesuche in den Hütten der Bewohner zu machen. Bis dahin betrugen sie sich am Tana ziemlich anständig: sie erhielten ja wirklich genug Lebensmittel von mir; auch hielt sie eine Art Scheu von Wohnungen ab, welche unmittelbar unter der Geistlichkeit standen. Jetzt aber glaubten sie noch schnell die kurze Zeit vor dem Aufbruch benutzen zu müssen, um hier etwas Kusso (Wurmmittel), dort einige Eier, hier etwas Butter, dort Gescho (zum Tetschbereiten) zu ergattern, was dann wieder ein allgemeines Jammern und Wehklagen der Besitzer zur Folge hatte. Und wen betrachtete man als den Urheber und Anstifter aller dieser Plündereien? Meine Wenigkeit natürlich. Zu mir kamen sie heulend und schreiend und verlangten die Herausgabe der gestohlenen Gegenstände oder Ersatz. Ich half so gut es ging. Als aber die Geistlichkeit von Matraha beim Abschiednehmen in Klagen über das unwürdige Benehmen der Soldaten ausbrach – und aus langer Erfahrung kannten sie es doch gewiss recht gut – und mich dafür verantwortlich machen wollten, musste ich dies durchaus ablehnen. Ich liess ihnen durch Schimper sagen, sie möchten sich in dieser Angelegenheit an den Obersten wenden und ihm meinetwegen ihren Fluch geben. Aber sie erreichten gar nichts bei ihm, im Gegentheil, er liess die Priester fortjagen. Wie verwünschte ich innerlich diese Escorte, welche plündernd durchs Land zog, überall Wehklagen und Jammer hervorrief, die Felder zerstampfte, die Häuser durchsuchte und überhaupt mit der grössten Anmaassung auftrat.

Der Weg geht fast gerade nordwärts, neben dem See, den man häufig erblickt, oft aber entziehen ihn hohes Buschwerk oder Hügel dem Auge. Bei Ferkaber, einem felsigen Absatz, dessen Grat wie ein Sporn westlich nach dem Tana verläuft, und vor welchem mit schmuckem Kirchlein die reizende Insel Kalamondj liegt, ist eine bedeutende Zollstätte. Denn wir verlassen nun mit dem District Dangurieh die Provinz oder vielmehr, wie Schimper behauptet, die Landschaft Fogara, die mir allerdings kein politischer Bezirk zu sein scheint, während Dangurieh einen solchen bildet, und betreten Begemeder.

Ganz überrascht glaubte ich im Zolldirector, einem jungen stattlichen Manne, einen Weissen, einen Europäer zu erblicken. „Da kommt ein Europäer oder der Sohn eines Europäers!“ rief ich Schimper zu. Und es war so. Der junge Mann, welcher in Ferkaber als Zolldirector fungirt und den Namen Takal-Michael oder auch Haile Michael führt, ist der Sohn eines berühmten französischen Forschers, welcher ehemals längere Zeit in Aethiopien weilte. Ich bat ihn, der mich so freundlich begrüsste und mir auf Arabisch gleich seine Herstammung mittheilte, mich abends zu besuchen. Leider kam er nicht, wahrscheinlich weil wir weiter von Ferkaber lagerten, als wir eigentlich beabsichtigten. Mich freute nur, dass ich ihm noch sagen konnte, dass sein Vater lebe, wahrscheinlich aber wol nicht mehr nach Abessinien zurückkomme.

Als wir am selben Abend auf dem rechten Ufer des Gomara lagerten, befanden wir uns schon nördlich vom Tana. Wir waren jetzt in Dembea, einer der reichsten Provinzen Abessiniens. Grosse Viehherden bezeugten dies allerdings genugsam, und der fette Boden, einst offenbar Seeboden, musste überall die reichsten Ernten geben. Auch Wald fehlte nicht, und der Gomara selbst gab uns einen Beweis von Fischreichthum, denn ein Mann warf sein rundes, mit Steinchen beschwertes Netz aus, und im Nu hatte er eine grosse Anzahl Fische zusammen, eine Art Karpfen oder Schleien, die er uns zum Geschenk machte. Interessant war es auch, zu sehen, wie in ganzen Schwärmen meist grosse Wasservögel beständig vom See her und kleinere Vögel nach dem See hinzogen.

Dembea ist meines Wissens der bevölkertste Theil von Abessinien, aber was will eine solche Dichtigkeit gegen die in unsern Ländern bedeuten? Es kam hier zu einer äusserst widerlichen Scene zwischen den Soldaten und den Einwohnern von Belange, welcher Ort, 2 km südlich von unserm Lager entfernt, den Ochsen zu liefern hatte. Der Oberste behauptete, dass derselbe zu klein sei, und schickte daher, um Leute als Geiseln einfangen zu lassen, Soldaten ins Dorf, welche diese Gelegenheit natürlich wieder zum Plündern benutzten. Die Einwohner widersetzten sich aber, es kam zum Streit, es wurde geschossen und der Schum (Ortsvorsteher) verwundet, kurz, es fehlte nicht viel an einer regelrechten Schlacht. Ein solcher Vorfall veranlasste denn nicht endenwollende Debatten, man zog die Geistlichkeit mit zu Rathe und schliesslich verlangten sie, ich solle entscheiden. Aber ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich auf die Schiedsrichterrolle rundweg verzichtete, obschon der Streit selbst am andern Morgen nicht enden wollte. Der Schum selbst – er hatte nur einen Streifschuss bekommen und davon macht man in Abessinien nicht viel Aufhebens – und einige Dorfbewohner wurden gefangen fortgeschleppt. Das setzte aber doch dem Ganzen die Krone auf! „Wer hatte denn eigentlich unrecht“, fragte ich Schimper, „die Soldaten oder die Bürger?“ „Nach deutschen Begriffen“, sagte Schimper, „allerdings die Soldaten, aber nach abessinischen die Dorfbewohner, weil sie nicht vorschriftsmässig lieferten und ausserdem sich widersetzten.“