Glücklicherweise wurde am folgenden Tage, als wir bei dem Orte Teda lagerten, der Streit in Güte beigelegt. Verwandte kamen und brachten Geschenke, nachträglich auch noch Lieferungen, und so setzte man den Schum und seine Mitbürger wieder in Freiheit. Aber auch in Teda kamen wieder Scenen vor, wie denn überhaupt kein Tag ganz in Friede und Ruhe verging. Die schönen, mit Zwiebeln, Pfeffer, Kürbissen und Rüben bepflanzten Gärten wurden zum Theil ausgeraubt. Diese entsetzliche Soldateska verleidete mir die Reise, welche unter andern Umständen viel angenehmer gewesen wäre.
Wir näherten uns aber nun der alten Kaiserstadt, und innerhalb derselben war ich wenigstens für einige Zeit dem Einflusse des Obersten entzogen. Die Bergketten, welche von Norden her mittels ihrer beiden auseinandergehaltenen Schenkel auf dem Tana-See stehen, und dem dazwischenliegenden Lande den Anschein geben, als ob es selbst einst Seebecken gewesen wäre, ziehen sich nun mehr und mehr zusammen und da, wo sie zusammenstossen, liegt Gondar. Mit welcher Spannung ging ich dieser altehrwürdigen Stadt entgegen! Man steigt immer höher und höher und passirt dann den Magetsch auf einer steinernen fünfbogigen Brücke. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass Bruce die Besorgniss hegte, die Pfeiler dieser Brücke könnten von herabgeschwemmten Felsblöcken zerstört werden. Das ist ganz richtig. Aber glücklicherweise hat sich das bisjetzt nicht ereignet. Noch ebenso stolz, wie zuvor, als Sabagadis, jener Städteerbauer, sie mit Hülfe der Portugiesen oder deren Nachkommen errichtete, noch ebenso fest wie Bruce sie gesehen, der darüber hinritt, steht sie heute und wird hoffentlich so bleiben, bis bessere Tage für Abessinien mit einer würdigern Verwendung seiner Kräfte und Hülfsmittel anbrechen.
ZWÖLFTES KAPITEL.
GONDAR IM JAHRE 1881.
Die Lage Gondars. – Theodor plünderte die Stadt. – Ursachen der verminderten Bevölkerung. – Der von der frühern Kaiserfamilie abstammende Knabe. – Milde des Negus Johannes gegen Abkömmlinge vormaliger Kaiserfamilien. – Der Gemp oder das Kaiserschloss. – Der Eremit auf dem Thurm. – Besuch beim obersten Geistlichen. – Theuere Marktpreise. – Gold- und Silberarbeiter. – Sklavenhandel in Abessinien verboten, doch noch betrieben. – Der Vater des Etschege. – Zahl und Beschäftigung der Geistlichen. – Lustschlösser. – Kirchen. – Stadttheil der Falascha oder Juden. – Die Falascha-Missionare. – Die Falascha von den Soldaten geplündert. – Abschied. – Der Mönch.
GONDAR MIT DEM GEMP (KAISERSCHLOSS).
Gondar liegt auf einem Sporn, welcher aus den gleich nordwärts von der Stadt sich zusammenziehenden Bergketten entspringt. Westlich davon rinnt die Kaha, östlich der Angareb. Beide vereinigen sich am Fusse des Gondarberges zum Kaha-Angareb und gehen dann bald darauf in den Magetsch, dessen aus Lavasteinen erbaute Brücke wir soeben überschritten. Noch erblickt man nichts von der alten Stadt, dann aber plötzlich – man glaubt zu träumen – tauchen Burgen und Schlösser auf, man erblickt crenelirte Mauern, in weiterer Entfernung liegen, versteckt zwischen buschigen Bäumen, Paläste und Kirchen. Ist das eine abessinische Stadt? – Wenn man sonstwo in Abessinien auf eine Stadt oder einen grössern Ort trifft, sieht man weiter nichts als eine Anhäufung spitzdachiger, strohbedeckter, gleichförmiger Hütten. Und daneben oder darüberhin ragt ein grösseres Gebäude mit konischem Dach: es ist die Kirche, die gewöhnlich in einem Hain von Oel- oder Wachholderbäumen liegt. Wie so ganz anders hier! In Gondar herrschte europäischer Einfluss, das merkt man gleich. Freilich, beim Näherkommen wird dieser erste Eindruck abgeschwächt, weil sich nun bald auch die eigentlichen Stadttheile der Eingeborenen herausheben, die man zuerst gar nicht bemerkte oder übersah. Jene auf europäische Art gebauten Burgen und Schlösser bilden einen eigenen, vom übrigen abgesonderten Stadttheil, aber die Spannung bleibt doch, und man beeilt sich mit der Findung des Lagerplatzes, um so bald wie möglich die interessanten Baulichkeiten einer nähern Besichtigung unterwerfen zu können.