Wie immer, so lehnte ich auch diesmal die von den Bewohnern uns angebotene Wohnung ab, obwol sie uns dringender als anderwärts dazu einluden, und am dringendsten der neue Kentiba[130], welcher zugleich mit uns Debra Tabor verliess, wo er einige Tage vor unserer Abreise vom Negus mit der Bürgermeisterei von Gondar belehnt worden war. Ich liess mein Zelt am Westrande der Stadt, aber etwas unterhalb ihres bewohnten Theiles neben dem Flusse Kaha aufschlagen, mit der Aussicht auf die Lustgärten und Bauten Quosquam.
Der ganze Morgen ging hin mit Empfang von Besuchen: zuerst kam der Kentiba mit den ältesten Bewohnern, dann die Geistlichkeit von den vielen einzelnen Kirchen, deren jede ihre Vertreter schickte, sodass der Empfang kein Ende nehmen wollte. Auch der Stellvertreter des Etschege erschien und bedankte sich für das rothe Tuch.[131] Alle baten um Entschuldigung, wenn die mir gebührende Lieferung nicht genau käme, aber das war nur eine falsche Bescheidenheit, denn von allen Seiten strömten die Gaben herbei, und da ich keine einzige ohne ein entsprechendes Gegengeschenk annahm, herrschte zwischen uns bald das beste Einvernehmen.
Natürlich hielt ich sobald wie möglich Umschau über eine Stadt, welche wegen ihrer ausgezeichneten Lage sicher dermaleinst wieder eine Rolle spielt.
Gondar liegt nach Bruce[132] auf 12° 34′ 30″ nördl. Br. und 37° 33′ östl. L. von Greenwich.[133] Die Höhe über Massaua beträgt ca. 1904 m, über dem Tana-See ca. 149 m. Die von drei so vorzüglichen Beobachtern verschieden angegebene Breite der Stadt erklärt sich zum Theil vielleicht aus den verschiedenen Standpunkten bei der Beobachtung, denn die Länge von Norden nach dem Süden beträgt mindestens 3 km.
Gondar soll unter Kaiser Fasilidas, welcher von 1633–1668 regierte und als Kaiser den Namen Alem Saged führte, erbaut sein. Wahrscheinlich ist aber Gondar als abessinische Stadt weit älter; nur die grossartigen Bauten: der Gemp, die Lustschlösser und die steinernen Brücken in der Nähe der Stadt verdanken ihm ihre Entstehung. Die Einwohnerzahl ist je nach der Anzahl der jedesmaligen Besucher verschieden. Wenn Bruce für Gondar 10000[134] Familien annimmt, müsste man die Einwohnerzahl mindestens auf 40000 Seelen veranschlagen. Combes und Tamisier geben nur 6000 Einwohner an; Rüppel, welcher etwas früher in Gondar war, 6500, d’Abbadie 12–13000. Heuglin greift wieder auf die Rüppel’sche Zahl zurück und spricht von 6–7000 Seelen. Unter den neuern Reisenden liess sich Vigoni[135] von 8000 Einwohnern erzählen, ohne aber für diese Angabe einstehen zu wollen. Heuglin sagt übrigens in seinem ältern Werke (Gotha 1857): Gondar besitze höchstens 5–6000 Einwohner, dürfe aber vor wenigen Jahren noch mindestens die doppelte Zahl von Einwohnern gehabt haben.
Ich selber versuchte weder die Zählung der Häuser, wie Rüppel, noch die der Familien, wie Bruce. Mein Aufenthalt, der sich kaum auf eine Woche erstreckte, gestattete das nicht. Aber nach häufigen Gängen durch die Stadt, nach Besichtigung aller Stadttheile, kam ich zu der Ueberzeugung, dass Gondar im Jahre 1881 höchstens noch 4000 Einwohner besass, und begründe die Abnahme der so grossen frühern Einwohnerzahl durch den Umstand, dass Gondar nicht ferner Residenz für die Kaiser von Abessinien, die Atseh, und ebenso wenig für die Itegeh, d.h. Kaiserinnen blieb, welche in Gondar Hof zu halten pflegten, falls die Kaiser ins Feld rückten. Zwar verloren die Kaiser in den letzten Jahren mehr und mehr an Ansehen und Reichthum, aber der mit ihrer Person doch immer verbundene Nimbus verfehlte nicht, manche abessinische Familien nach Gondar zu ziehen. Rüppel, d’Abbadie, Tamisier und Combes, welche als letzte Europäer noch den letzten Schattenkaiser besuchten, geben uns in ihren Schilderungen ein treffendes Bild davon. Sodann bewirkten die entsetzlichen, über die Stadt verhängten Heimsuchungen Theodor’s die starke Verminderung der Einwohnerzahl Gondars. Nicht nur mordete und schändete er, sondern alles in seinen Augen nur einigermassen Werthvolle schleppte er fort. Gondar, zweimal von Theodor überfallen und gründlich ausgeplündert, verlor, wie man sagt, unter seiner Regierungszeit 5000 Einwohner. Und wenn auch nur die Hälfte der angegebenen Zahl sich bewahrheiten liesse, wie schrecklich für eine Stadt! Bei der Gelegenheit soll Theodor auch sämmtliche Bücher, deren er nur habhaft werden konnte, weggeschleppt haben. So sehr ich auch nach amharischen geschichtlichen Werken in Gondar sowol wie auch später in Axum forschte, wo ich namentlich auf die Chronik fahndete, deren Rüppel im zweiten Bande seines Werkes, S. 108, erwähnt, es gelang mir nur Bücher religiösen Inhaltes ans Tageslicht zu ziehen. Von den vielen Büchern, welche z.B. Combes und Tamisier als vorhanden anführen, war, ausser solchen religiösen Inhalts, kein einziges aufzutreiben. Und sicher hielt sie nicht böser Wille verborgen: mit dem Kentiba und der ganzen Geistlichkeit stand ich ja auf bestem Fuss, wie man mir denn auch Kirchengeräthe verkaufte. Aber auf meine Frage nach Büchern gaben sie stets die Antwort: „Theodor hat alle fortgeschleppt“. So auch in Matraha. Die werthvollsten abessinischen Bücher befinden sich jetzt wol in London, da den Engländern die ganze Bibliothek Theodor’s auf Magdala in die Hände fiel. Wie vieles aber mag bei dieser Gelegenheit zu Grunde gegangen sein, denn die ganze Umgebung von Magdala war beim Rückzug der englischen Truppen mit zerrissenen amharischen Büchern, losen Blättern und Fragmenten überstreut.
Als dritte Ursache der Entvölkerung kann man auch die gewaltsame Bekehrung der Mohammedaner anführen. Der mohammedanische Stadttheil, Islambed genannt, welcher nach Rüppel 300 Häuser enthielt, steht jetzt fast ganz verlassen da. Denn wenn auch ein Theil von den Muselmanen zur christlichen Religion übertrat, so wanderten doch die meisten aus Gondar aus, an welchen die Stadt eine grosse Zahl geschickter Arbeiter verlor. Seuchen, welche gleichfalls in diesem Theile von Abessinien wütheten, trugen auch wol zur Verminderung der Einwohnerzahl bei; kurz, ich glaube mit 4000 die Seelenzahl Gondars sehr hoch angegeben zu haben.
Was weiterhin dem Beobachter bei den Bewohnern von Gondar auffällt, ist die meist vollkommen kaukasische Bildung: sehr viele tragen schlichtes Haar, das sogar nicht einmal die leiseste Kräuselung zeigt. Ich glaube dies direct auf die Portugiesen zurückführen zu müssen. Hier lebten sie ja vorzugsweise und vielleicht im Verhältniss zur abessinischen eingeborenen Einwohnerschaft in grosser Zahl. Kräftig und im besten Alter kamen sie. Und wenn schon die meisten Reisenden und Missionare sich nicht abhalten liessen, mit den jungen schönen Abessinierinnen, die ja so unbefangen ihre Liebe bieten, nähere Verhältnisse einzugehen, die fast nie ohne Folgen blieben, um wie viel mehr ist das von den im Lande bleibenden Portugiesen anzunehmen! Der Einfluss auf körperliche Bildung macht sich auch bis heute noch geltend. Wie viele Jahre sind denn seit jener Zeit verflossen? Etwa zweihundert. Also durch etwa sieben oder acht Generationen hindurch läuft das portugiesische Blut. Einer meiner Diener aus dieser Stadt, Namens Muchenen, sah den Portugiesen so ähnlich, dass ich hätte schwören mögen, sein Ururgrossvater sei Portugiese gewesen.
Im übrigen hat sich das Aussehen Gondars, seitdem es die letzten Reisenden beschrieben, wol wenig verändert. Abbadie, Rüppel, Combes und Tamisier sahen und begrüssten noch den letzten Schattenkaiser Atse Sahala Dinguil oder, wie Rüppel schreibt, Aito Saglo Denghel. Der Titel Atse ist augenblicklich in Abessinien erloschen. Es existiren aber noch immer Cognaten der Familie. Ein Knabe von 12–14 Jahren, der Kaiserfamilie entsprossen, besuchte mich zweimal; er brachte auch Geschenke, die ich erwiderte, aber der Aufforderung, seinen Vater zu besuchen, mochte ich nicht nachkommen, um nicht durch meine Aufmerksamkeit den jetzigen Negus Negesti zu verletzen.