Die alte Sitte des Tödtens oder des Einsperrens der nähern und nächsten Verwandten der abessinischen Herrscherfamilie existirt heute nicht mehr. In frühern Jahrhunderten hielt man sie auf irgendeiner Amba gefangen, jetzt lässt man sie leben und laufen. Wir sahen, dass der jetzige Negus Johannes, welcher im günstigsten Falle Cognat der kaiserlichen alten Familie ist, den Menelek von Schoa, der viel grössere Anrechte auf die Stelle eines Atse hätte, nicht nur leben liess, sondern auch aufs neue mit dem Königreich Schoa belehnte. Ja sogar auch der älteste Sohn Theodor’s, Meschescha, erhielt die seinem Vater ursprünglich eigene Provinz Quorra zurück. Meschescha fand ich am Hofe des Kaisers, woselbst auch der jüngste erst 15 Jahre alte Sohn des Kaisers Theodor, Namens Heilu, eine prinzliche Stellung einnahm. Die ehemals dem König von Schoa verlobte Tochter Theodor’s lebt jetzt verheirathet mit Ras Bariau, dem Statthalter von Schireh. Dieselbe Herrscherfamilie, welche zu Zeiten des Tekla Haimanot die Provinz Lasta erhielt[136], waltet seit der Zeit der Theilung bis heute noch im Ras Gobesieh und Ras Buru-Lande. Uebrigens bewirkt die vermeintliche Abstammung von der alten Salomonischen Dynastie in Abessinien stets Unheil genug. Jeder Prätendent hat nichts Eiligeres zu thun, als sich seinen Stammbaum zurechtzulegen, um seine Ansprüche womöglich in den Augen des dummen Volkes durch eine hundertfältige Ahnenreihe zu legitimiren.
Das Verhältniss der Stadt Gondar ist so: der nordwestlichste Theil, Etschegebed, wird westlich von Felaschabed, welches 2 km ausserhalb der eigentlichen Stadt liegt, durch die Kaha getrennt. Das eigentliche Quartier der Bewohner, Farsbed, liegt südlich vom Gemp oder östlich von Etschegebed; südlich von letzterm, aber getrennt davon durch einen grossen unbewohnten Raum, das ehemalige Quartier der Mohammedaner: Islambed; endlich oberhalb des letztern Gaingbed. Auf hügeligem Berge nimmt den nördlichsten und höchsten Punkt der Gemp ein, zwischen welchem und der übrigen Stadt sich ein grosser freier Platz für den Wochenmarkt befindet. Unregelmässig schon wegen der hügeligen Lage, unterscheidet sich die Stadt in ihrem Aeussern durch nichts von den andern grossen Städten des Reichs. Dieselbe Form der Häuser und Kirchen, dieselben krummen Strassen zwischen hohen steinernen Mauern, hinter welchen die runden steinernen Hütten der Bewohner liegen. Doch kann man immerhin in Gondar eine verhältnissmässig grössere Zahl zweistöckiger Hütten finden, die Mauern sind sorgfältiger gearbeitet, und kleine runde Bogenfenster neuern Ursprungs bezeugen, dass die Abessinier das Wölben von den Portugiesen lernten.
Von weitem und von höher gelegenen Punkten sieht Gondar, abgesehen von den wahrhaft grossartigen Ruinen, wirklich reizend aus. Dort die vielen Kirchen in uralten Hainen von Juniperus- und wilden Oelbäumen, und fast in allen Höfen die Uontsa (cordia habessinica) oder grosse Sykomoren! Häufig auch lugen über die mit Rankgewächsen und anderm Grün umsponnenen Mauern Mandeln-, Granaten-, Citronenbäume und Schambukgebüsch (Arundo Donax), jenes dem Spanischen Rohr ähnliche Gras.
KAISERLICHES GEBÄUDE IN GONDAR.
THEILE DES GEMP MIT VERZIERUNGEN, WIE SIE HIER UND DA IN STEIN ERHALTEN SIND.
Die meisten Reisenden machen der eigentlichen Stadt, welche am höchsten liegt, den Mangel an Wasser zum Vorwurf. Gondar hat allerdings oben keinen Brunnen, aber zu beiden Seiten der Stadt fliesst Wasser, und je nördlicher, desto näher ist man demselben. Wir campirten weit nach Norden, aber südwestlich vom Gemp, und gleich zu unsern Füssen floss der Kahafluss, aus welchem man fleissig oberhalb Trinkwasser schöpfte, während ihn unterhalb waschende Männer benutzten.