Unser erster Gang galt natürlich dem berühmten Kaiserschlosse, dem schon mehrfach erwähnten Gemp, welchen englische und deutsche Reisende so oft und ausführlich beschrieben, dass eine Wiederholung überflüssig sein möchte. Trotzdem Theodor einigemal im Gemp residirte, kann jetzt von Wohnbarkeit keine Rede mehr sein. Rüppel, Combes, Tamisier fanden doch noch einige bewohnte Gemächer, in welchen der letzte, in nothdürftige Lumpen gehüllte Atse ihnen Audienz ertheilte. Jetzt könnte man kaum noch gegen die Unbilden des Wetters irgendeinen sichern Platz darin finden. Dennoch erregen die wirklich grossartigen Ruinen unser Erstaunen. Von weitem gesehen, macht der Gemp mit den ihn umgebenden, oft 10 m hohen crenelirten Mauern den Eindruck jener alten genuesischen und venetianischen Schlösser, wie man sie im Orient überhaupt und ebenso an der istrischen und spanischen Küste sieht, wenn man von Barcelona südwärts mit dem Dampfer bis Cartagena oder Valencia fährt.

Durch einen hohen gewölbten Bogengang in der Mauer betritt man den grossen gepflasterten Hofraum: eine sonst in Abessinien unbekannte Sache, wenn man absieht von der grossen Plattform vor der Kirche von Aksum. Die Mauern des eigentlichen kaiserlichen Palastes sind gut erhalten, da das Gestein aus Basalt und nur die Fenstereinfassung aus Sandstein besteht, der, wie Heuglin meint, aus Korata stammt. Aber wie traurig sieht es im Innern aus! Die grossen Säle mit ihren Decken in Stucco sind halb verfallen; die geschwärzten Kamine, die Nischen, die alkovenartigen Oeffnungen: alles das lässt wol noch die ehemalige Bestimmung erkennen, ist aber jetzt ganz unbenutzbar. Die Fussböden mancher Zimmer sind jetzt mit Lebensgefahr zu begehen: der Regen hat den Mosaikboden, der darauf ruhte, aufgeweicht, und oft gähnt uns durch ein grosses Loch die darunterliegende Halle entgegen. Die steinernen Treppen zu den Thürmen hinauf, deren massiv cementirte Kuppeln crenelirte Umgänge haben, sind gut erhalten. Auf einem der Thürme fanden wir im obersten Gemach einen Eremiten, welcher, wie er angab, seit zwölf Jahren nicht aus seiner Behausung herauskam. Seine Nahrung, ausschliesslich Brot und Wasser, brachten ihm die Bewohner Gondars und der Umgegend: ein grosser Haufen Brot sowie ein Napf klaren Wassers gaben Zeugniss davon. Seine ganze Kleidung bestand in einem ledernen Hemde. Dazu ein grosser Stab, um Fledermäuse und andere lästige Thiere fern zu halten, ein Rosenkranz und ein Messingkreuz: das war das ganze Geräth dieses sonderbaren Heiligen. Er starrte von Schmuz, denn natürlich hatte er sich seit zwölf Jahren nicht gewaschen, was seine Heiligkeit in den Augen der Abessinier besonders hervorhob.

Welch eine wunderbare Fernsicht von diesem Thurme herab! Ich glaube, kaum von einem Schlosse in Europa gibt es eine schönere. Vollkommen begreiflich, dass hier thatkräftige Kaiser ihr Schloss erbauten. Zu unsern Füssen die ausgedehnte Stadt; dann nach Süden der Blick über die fruchtbarsten Gefilde von Dembea, die sich immer mehr erweitern und auf den herrlichen Tana-See auslaufen, den man am Horizont hell erglitzern sieht.

Besonders interessirten mich am Boden der verschiedenen Säle die Verzierungen, welche meistens an maurische Architektur erinnerten. Stets wiederholte sich im Stucco das sogenannte Siegel Salomonis, offenbar eine Anspielung auf die Abstammung der Dynastie von Salomo, denn an einen wirklichen Zusammenhang mit maurischer Architektur kann nicht gedacht werden. Das oft angebrachte Kreuz sah man sowol in Stucco als auch auf den äussern Gebäuden in Stein ausgehauen. Auch fehlte im Relief der abessinische Löwe nicht, ganz so, wie man ihn in den Siegeln der Negusse eingeschnitten findet.

Betrachtet man bei der Durchwanderung diesen Palast mit seinen grossen Sälen, Corridoren, Galerien und Kellern, mit den wohlerhaltenen steinernen und halbverfallenen hölzernen Treppen, mit den hohen, stets glasfensterlosen Rundbogenöffnungen, vor welchen aber noch halbvermoderte Holzläden in den verrosteten Angeln hin und her klappern, so konnte man sich trauriger Gedanken nicht entschlagen. Aber die nicht gänzliche Ruinhaftigkeit des Gemp berechtigt zu der Hoffnung, dass dereinst irgendeinem starken Geiste die Wiederaufrichtung Gondars, des Gemp und des ganzen abessinischen Reiches gelingen werde.

Dieser grosse Palast ist keineswegs das einzige Gebäude in dem weitläufigen, von der Mauer umgebenen Hofraume. Nordwestlich erhebt sich, nur kleiner, aber ebenfalls mit flachem Dach und von Thürmen flankirt, ein Ebenbild des grossen Palastes, bestimmt für den Ras, welcher, obschon in Wirklichkeit der Herrscher von Abessinien, äusserlich dem Kaiser nachstand. Der dicht neben dem Palaste des Kaisers befindliche, durch eine Brücke damit verbundene Palast der Kaiserin verdient auch Beachtung. Einen kleinen, zierlichen, pavillonartigen Bau bezeichnete unser Gondarensischer Führer als „Liebeshaus“, in welchem sich die Geliebten der frühern Kaiser aufhielten.

Im innern Hofe des Gemp sieht es entsetzlich verwildert aus: überall fast undurchdringliche Dickichte von Ricinus, Schambuk (Arundo Donax) und Schlingpflanzen, durch die sich Hyänen und andere Raubthiere enge Pfade zu ihren Höhlen in den dunkeln Gewölben bahnten. Man darf daher ja nicht allein und unbewaffnet im Gemp umherwandeln. Wie unser Führer versicherte, sind häufig schon Kinder, welche sich zum Spielen dorthin begaben, nicht zurückgekehrt.

Auch die von Heuglin schon erwähnten schönen und jetzt prächtig entfalteten Dracänen fanden wir in den Hofräumen des Gemp.

Natürlich machten wir auch dem obersten Geistlichen der Stadt einen Besuch. Seine Wohnung liegt jetzt auf dem höchsten Punkte inmitten Islambeds. Aber für einen so wichtigen Mann, mindestens ein Bischof an Rang, war sein Haus dürftig und arm eingerichtet. Der hohe Geistliche hatte gerade einen Ochsen abschlachten lassen, weshalb wir eine Zeit lang im Hofe warten mussten und zusehen konnten, wie die untere Geistlichkeit seines Sprengels, welche zugleich bei ihm Dienerstelle vertrat, Brondo ass. Zufällig bemerkte ich auch durch die Thür, wie der hohe Würdenträger selbst seine Mahlzeit einnahm, wobei zwei andere Geistliche ihm ihre Schama überbreiteten[137], damit er von niemand gesehen werde. Wir wurden recht freundlich aufgenommen und dann über eine steinerne Treppe ins obere Haus geführt. Die Bewirthung beschränkte sich, wie fast überall in Gondar, auf Schnaps von sehr zweifelhafter Güte, ja, von fuseligem Geschmack. Die, wie gesagt, nicht besondere Wohnung bestand aus einem Erdgeschoss, in das man nachts Vieh hineintreibt, und einer obern Abtheilung, welche eigentlich nur einen grossen Raum bildet, denn die von derselben ausgehenden kleinern Räumlichkeiten sind so klein, dass sie zum Wohnen nicht benutzt werden können. Dem sofort eröffneten religiösen Gespräch suchte ich mich dadurch zu entziehen, dass ich durch Schimper erklären liess, ich verstände absolut nichts von solchen Dingen. Und als er dennoch immer wieder darauf zurückkam und namentlich meine Meinung über die Jungfrau Maria wissen wollte, machte ich der Sache dadurch ein Ende, dass ich mich erhob und verabschiedete.

Beim Durchreiten des ehemaligen mohammedanischen Stadttheils gewährten die vielen leerstehenden Wohnungen, trotz der kurzen herrenlosen Zeit schon wahre Ruinen, einen trostlosen Eindruck. Noch trauriger sehen aber die leerstehenden oder vielmehr verwaisten Moscheen aus, welche der Pöbel zum Theil demolirt zu haben schien, denn durch grosse Maueröffnungen konnte man in das Innere derselben hineinsehen.