Ich ritt sodann zum Kentiba, welcher in dem vornehmen Gaingbed seine Amtswohnung hat. Aber trotzdem sie vorher, wie Schimper sagte, eigens gereinigt worden war, roch es darin von wahrhaft schauderhaften Dünsten. Auf dem Raume zwischen dem Gemp und Gaingbed hielt man gerade grossen Markt, den wir mit allem zum Leben Nothwendigen sehr gut versehen fanden. Sogar europäische Gegenstände konnte man erhalten, aber zu fabelhaften Preisen. So kostete ein gewöhnlicher Spülkump von weissglasirtem Steingut, wie man ihn in Deutschland und England für 10–15 Pfennig kauft, einen Maria-Theresienthaler, d.h. vier Mark. In demselben Verhältniss theuer waren die sogenannten Beril, d.h. bauchigen Flaschen, aus denen man Tetsch trinkt, Gläser und leere Weinflaschen, sowie andere nicht in Abessinien vorkommende Gegenstände. Ausserdem gab es kleine Spiegel, bunte Taschentücher, weissen, rothen und schwarzen Zwirn, rothes Garn, Knöpfe, Glasperlen verschiedenster Art, meist für die Gallaländer bestimmt. In den Häusern selbst boten aber auch Kaufleute Tuch, Kattun, Sammt und Seide feil. Die Gold- und Silberarbeiter sind meist eingewanderte Griechen oder Mohammedaner, welche in Abessinien Christen wurden oder werden mussten. Ihre Schmucksachen aus Silber oder vergoldetem Silberfiligran würden jedem europäischen Goldschmied zur Ehre gereichen. Ich kaufte kleine Haarnadeln und Silberkettchen mit Medaillons, die manchmal in Gestalt reizender Büchsen oder Rollen Amulette oder Moschus enthalten, welcher bei den Abessiniern beliebt ist.

Die Abessinier, gleichgültig ob christlicher oder mohammedanischer Abstammung, verstehen schon längst die Kunst des Vergoldens. Sie amalgamiren Quecksilber mit Gold, reiben damit das Silber ein und verflüchtigen dann das Quecksilber durch Feuer. Ueberhaupt haben sie in Gold- und Silberarbeiten von allen afrikanischen Völkern, selbst Araber und Berber nicht ausgenommen, den höchsten Grad der Kunst erreicht.

Aeusserst billig waren auf dem Markte die heimischen Producte. Der Thaler hatte hier einen Werth von zwanzig Amolen. Ein gutes Pferd konnte man für sechs bis acht Thaler, ein gutes Rind für drei bis vier Thaler bekommen. Der Kaffee war ebenso billig wie in Debra Tabor, desgleichen Mehl, Getreide, Zwiebeln, Knoblauch, rother Pfeffer. Auf meine Frage, ob man auch Sklaven kaufen könne, erhielt ich eine verneinende Antwort. Der jetzige Negus Negesti verbot den Sklavenhandel im Umfang seines ganzen Reiches, gleichwol betreibt man ihn in Godjam und Schoa wenigstens mit Mohammedanern und Heiden noch öffentlich. Ja, man sagte mir, dass selbst Johannes nach grossen Raubzügen ein Auge zuzudrücken pflege, wenn seine Soldaten von den geraubten Frauen und Kindern welche verkaufen, nur dürfen es keine Christen sein. Männer werden stets entmannt und getödtet. Der fortwährende Sklavenhandel auf der ägyptischen Grenze ist eine bekannte Thatsache. Die ägyptischen Soldaten verkaufen ihre gefangenen hübschen Abessinierinnen oder heirathen sie bestenfalls, stets aber müssen diese zum Islam übertreten. Viel häufiger noch fallen mohammedanische Civilisten, welche den immerwährenden Kriegszustand benutzen, auf abessinisches Gebiet ein, um zu plündern und Gefangene zu machen, die sie verkaufen. Die englische Jagdgesellschaft, welche 1881 aus Bogos und Mensa zurückkam, traf unterwegs eine ganze Karavane gefesselter abessinischer Sklaven. Dass von Suakin Sklaven ausgeführt werden, erwähnte ich bereits. Es ist auch ganz unmöglich, die weite ägyptische Grenze zu überwachen. Die ägyptische Regierung möchte den Sklavenhandel gern abschaffen, kann es aber nicht. Das ganze, durch die mohammedanische Religion aufs innigste mit dem Wesen der Sklaverei verwachsene Volk hält diese für gesetzlich.

Anerkennen muss man aber doch immer, dass sowol Theodor, dieser auf Plowden’s und Bell’s Zureden, wie auch später Johannes den Sklavenhandel verbot. Anzuerkennen deshalb, weil bei den Christen Abessiniens Neues und Altes Testament in gleicher Geltung steht, in letzterm aber genug Stellen vorkommen, aus denen mit Leichtigkeit Sklavenhalten und Sklavenverkauf als vollkommen erlaubte Dinge nachgewiesen werden können.

Ich besuchte auch den ehrwürdigen Vater des Etschege. Obschon ohne officielle Stellung und nicht einmal Geistlicher, bewohnt er eine schöne Wohnung in Etschegebed, eigentlich die einzige in Gondar reinlich gehaltene, in der sich auch etwas Luxus entfaltete. Der alte Mann vereinte viel Wohlwollen mit Wissen, und eine gewisse Herzensgüte leuchtete von seinem Antlitz. Sein Sohn, damals oberster Geistlicher im Reich, war sein Abgott. „Ich bete täglich, dass es ihm gelinge, den Kaiser von Raubzügen abzuhalten und zu veranlassen, dass er sich eine feste Wohnstätte wähle. So lange keine feste Residenz, so lange kein Friede im Lande!“ fügte er nach einer Weile hinzu. Ich hütete mich wohl, irgendwie eine Meinung zu äussern, obwol ich innerlich aus vollem Herzen zustimmte. Denn eine feste Residenz würde den Negus nöthigen, seine Einkünfte zu regeln, seine Truppen, seine Beamten zu besolden. Dann endlich wäre das Land vor jenen Raubzügen sicher, welche jetzt unternommen werden müssen, um die Truppen zu ernähren.

Auch der Vater des Etschege liess uns Schnaps darbieten, den wir nicht ausschlagen durften. Man trank ihn aus kleinen Kaffeeschalen, zuvor aber musste der Diener einige Tropfen davon kosten, um an den Tag zu legen, dass kein Gift darin sei.

Nach der Aussage der Bewohner hat Gondar vierzig Kirchen. Die Zahl der Geistlichen ist Legion. Ob sie aber 1200 beträgt, wie Heuglin will, wage ich nicht zu behaupten. Man nannte mir einige hundert. Aber das ist für eine Stadt von höchstens 4000 Seelen schon zu viel. Man sollte meinen, in Abessinien seien die Geistlichen ohne alle Beschäftigung, aber das ist keineswegs der Fall: nicht selten Meister der Kalligraphie, stellen sie auf Pergament geschriebene Prachtwerke mit schön ausgemalten Anfangsbuchstaben her. Uebrigens malen sie auch alle Bilder: kleinere auf 20 cm langen oder grössere auf 3–4 m langen und nur 10 cm breiten Pergamentstreifen, wo Bibelsprüche mit scenischen Darstellungen abwechseln. Dann die grossen Kirchenbilder. Ebenso verfertigen sie jene Andachtskrücken, deren sich stets alle abessinischen Geistlichen, auch Mönche und Nonnen, bedienen, zu welchen ihnen Goldschmiede die eisernen, messingenen, silbernen und goldenen Kreuze liefern. Ferner die höchst originell gearbeiteten Lesepulte, welche gewöhnlich aus einem Spiess bestehen, den man auf Pilgerreisen als Waffe brauchen kann. Will man ihn als Pult benutzen, so steckt man die eiserne Spitze in die Erde und befestigt ein Pult daran, mit Bleikugeln an zwei Schnuren, die man auf die Seiten des Buches legt, damit sie der Wind nicht umweht.

Wie zur Zeit der frühern Kaiser ist Gondar auch jetzt noch immer Mittelpunkt der Kunst und Wissenschaft, wenn von letzterer die Rede sein kann. Hier erhalten die meisten Geistlichen und zahlreicher als in Aksum, ihre Ausbildung, auch Laien. Namentlich kommen die Söhne vornehmer Familien nach Gondar, um lesen und schreiben zu lernen.

Wie schon erwähnt, werden hier die hauptsächlichsten Gold- und Silbersachen hergestellt. Aber auch solche von Horn, namentlich die Trinkbecher. Dann musikalische Instrumente, Kirchengefässe, prächtige Sattel für Pferde und Maulthiere, und nirgends kunst- und prachtvoller.