Nichts gibt aber dem Fremden einen bessern Begriff von dem ehemaligen Glanze und der Pracht, welche an den Höfen der frühern äthiopischen Kaiser geherrscht haben muss, als ein Besuch der ausserhalb der Stadt zerstreut liegenden Lustschlösser.
Verlässt man Gondar westwärts, so trifft man zuerst auf ein längliches Viereck hoher steinerner Mauern mit Schiesscharten und an den Ecken mit Thürmen, von denen einige mit Thüren versehen sind. Südlich bemerken wir eine grosse Bresche und ein offenes Thor von niedrigen Verhältnissen, nördlich den Haupteingang durch ein besonderes Gebäude hindurch. Von dem eigentlichen Schloss sieht man von aussen gar nichts, denn ein einziger dichter Wald prachtvoller uralter Wachholderbäume ragt über den Mauern hervor. Es ist dies das vom Kaiser Jasu Berhan Saged erbaute Lustschloss, welches Heuglin merkwürdigerweise als eine von Fasilidas erbaute Kirche bezeichnet. Das Schloss, Namens Kaha-Mankil, hatte wahrscheinlich wie in Kassel das Marmorbad dieselbe Bestimmung. Nur ist die Anlage ganz anders. Inmitten des herrlichen Gartens grub man ein grosses ca. 3 m tiefes Becken und darin auf steinernen Säulen und Bogen erbaute man ein wie der Garten längliches Haus mit zwei Zimmern, also mit derselben Anordnung, wie das vom jetzigen Kaiser auf Samara in Debra Tabor errichtete. Das Ganze ist Ruine, aber nicht dergestalt, dass es nicht mit einigem Aufwand vollkommen wiederhergestellt werden könnte. Eine Brücke, welche zum Hause führt, ist noch vorhanden. Selbst die Wasserleitung, um das Becken zu speisen, existirt noch. Sie kommt aus der unfern vorbeifliessenden Kaha, welche diesem Lustschloss den Namen gab und speiste ausserdem noch zwei grosse massiv aufgeführte Badestuben, die jedoch jetzt vollkommen Ruine sind.
QUOSQUAM, RUINE DES KAISERLICHEN LUSTSCHLOSSES.
MIT ORNAMENTEN IN VERGRÖSSERTEM MASSSTABE.
Noch vor dem Betreten dieses reizenden Lustgartens bemerkt man an der nordöstlichen Ecke des Gartens einen kleinen Dom, welcher in seinem Aeussern sehr an die bekannten „Marabuts“, d.h. Kuppelbauten Nordafrikas erinnert. Angeblich soll der Kaiser Kaleb hier sein Pferd begraben haben.
Noch malerischer liegt hier das Lustschloss Koskam oder Quosquam[138], wie ich es aussprechen hörte. Man erblickt es schon von Kaha-Mankil aus. Hoch oben auf den Bergen liegt es, reizend von Waldung umgeben, auf dem Berge selbst stehen schöne Schirm-Akazien. Auch hier umschliesst es eine Mauer, jedoch mit ebenso vielen Breschen als heilen Stellen. Zuerst gelangt man auf eine grosse Plattform, mit herrlicher Aussicht auf Gondar, auf den im Wiesenthal so reizend eingebetteten Kaha-Mankil und endlich nach Süden zu auf den silbernen Tana-See. Die mit grossen Steinplatten belegte Plattform hat Platz für mehrere hundert Menschen. Will man nun durch ein grosses Thor zwischen zwei hohen Thürmen von ungleicher Dicke das Hauptgebäude betreten, so gähnt einem schon nach einigen Schritten ein verödeter Raum mit eingefallenem Dach und dem zertrümmerten Gebälk des ersten Stockwerks entgegen. Wahrscheinlich verursachte ein Brand den Ruin des ungefähr 50 m langen und 20 m breiten Baues. Mittels einer steinernen Treppe gelangt man auf den dickern Thurm und oben in ein gewölbtes Zimmer, vor welchem sich über dem Portal ein betretbarer Balkon befindet. Ohne Zweifel fand der Brand schon vor Jahren statt, da jetzt im Innern des Baues grosse Bäume wachsen. Hier aber und zwar als Gast der Iteghe[139], deren Sommerresidenz dieses Schloss war, lebte längere Zeit Bruce, welcher uns in ergreifenden Worten die Demüthigungen schildert, welche während seiner Anwesenheit sich der regierende Atse musste gefallen lassen.
Südlich von diesem grossen Gebäude stehen noch die Ruinen eines Rondels, worüber Heuglin (S. 218 seiner „Reise nach Abessinien“, Jena 1868) sagt: „In einem auf Bogen ruhenden grössern Hause, etwas südlich von dem Lustschlosse und östlich von der Kirche, wohnt ein Nachkomme der alten abessinischen Dynastie, den ich schon vor Jahren hier kennen lernte. Er heisst Asfa Wosen und lebt ziemlich zurückgezogen von bescheidenen Einkünften. Seine Wohnung besteht in einem niedrigen runden Thurm aus zwei Stockwerken, mit grossem Strohdach. Um die ganze obere Etage führt ein offener Gang, in den Zimmern prangen noch spärliche Reste aus vergangenen bessern Zeiten, seidene Tapeten mit metallenen Stiften verziert, glasirte Ziegel mit Arabesken und Bildern und einige alte Oelgemälde, sowol Porträts als Thierbilder, offenbar von einem europäischen Künstler in Abessinien gefertigt.“