Von alledem ist, abgesehen von den nackten Wänden der Zimmer, an welchen man allerdings noch Spuren ehemaliger Tapeten bemerkt, nichts, gar nichts mehr übrig. Unheimlich starrt dieses einst so reizende Häuschen mit seiner Leere gen Himmel. Dass aber dort vormals eine gewisse Pracht herrschte, wissen wir aus der Beschreibung Bruce’s, welcher unter andern von den grossen venetianischen Spiegeln des kaiserlichen Empfangssaals spricht.

Weiter nach hinten, aber noch innerhalb der Ringmauer, liegt die grosse Kirche von Quosquam. Wie alle abessinischen Kirchen gebaut, zeichnet sich diese durch ihre besondere Grösse aus und soll vordem durch die zu ihr gehörenden Ortschaften sehr reich gewesen sein, die man ihr jetzt zurückgab, aber ohne die kostbaren Gefässe aus Edelmetall, ohne die Kronen ehemaliger Könige, ohne die grosse Bibliothek.[140] Alles das schleppte Theodor fort, wenn es nicht schon theilweise vorher bei andern Wirren und Plünderungen verloren ging.

Auf eine der übrigen Kirchen Gondars, obschon ich die meisten besuchte, hier näher einzugehen, gewährt kein Interesse. Alle zeigen ungefähr dieselbe Fassung. Erwähnen will ich blos noch: nur zwei Kirchen haben Glocken, von welchen die holländische Regierung im vorigen Jahrhundert der abessinischen zwei zum Geschenk machte. Einige Kirchen weisen auf portugiesischen Ursprung.

Selbstverständlich besuchten wir auch den Stadttheil Falaschabed, welcher auf dem rechten Ufer der Kaha liegt, also eigentlich gar nicht zu Gondar gehört. Einen Ausbruch von Fanatismus fürchtend, nahm ich einige zwanzig Soldaten Bedeckung mit, aber das wäre kaum nöthig gewesen, so demüthig zuvorkommend, aber zugleich auch so zurückhaltend fand ich die Bewohner. Die Kenner abessinischer Literatur wissen, dass die Falascha die abessinischen Juden sind. Man hat viel über ihr Herkommen geschrieben, aber es ist wol kein Zweifel, dass sie eines Stammes mit den übrigen Abessiniern sind. Dasselbe Aeussere, dieselbe Kopfbildung, dieselbe Hautfarbe; sie unterscheiden sich nur durch ihre Sprache, indem die meisten den Quorra-Dialekt, die bei Gondar Wohnenden aber auch Amharisch sprechen. Juden sind sie unzweifelhaft, obwol sie von den andern Juden der Welt sehr abweichen. Zwar fussen sie, wenigstens zum Theil, auf dem Alten Testament; sie regeln ihr Leben nach den zehn und übrigen Geboten Moses’; aber sie glauben an kein Wiedererscheinen des Messias; sie wissen nichts von der Babylonischen Gefangenschaft, was schon für das Alter ihrer Religion spricht; sie haben keine Kenntniss von der Existenz des Talmud; sie stehen ausser der Gemeinschaft mit den eigentlichen Juden. Gerade so auch die Juden von Draa und Tafilet. Nimmt man an, dass alle Abessinier ursprünglich aus Arabien stammen; dass sie dort schon in frühester Zeit den mosaischen Glauben annahmen; hierauf nach Afrika, nach ihrem jetzigen Stammland Abessinien zogen und daselbst wohnen blieben; dass also sämmtliche Abessinier einst jüdischen oder, besser gesagt, mosaischen Glaubens waren; dass die Mehrzahl derselben im 4. Jahrhundert zur christlichen Lehre übertrat, ein kleiner Rest aber mosaisch blieb: dann haben wir die einfachste Lösung über Herkunft und Abstammung jenes interessanten jüdischen Bruchtheils.

Am Abend nach meinem Besuche in Falaschabed überraschten Schimper zwei Falascha-Missionare, welche über Metemmeh ins Land kamen, nachdem sie vorher von Massaua in Aethiopien einzudringen versuchten. Von da kamen sie aber nur bis Tsatsega, denn Ras Alula liess sie in Ketten legen und einkerkern. Vielleicht sässen sie noch in Gefangenschaft, wenn nicht Schimper dorthin kam, dessen Fürsprache ihre Freiheit bewirkte. Sie sprachen etwas Englisch und Deutsch und waren europäisch gekleidet. Sie wollten nach Debra Tabor, um sich vom Negus die Erlaubniss zur Bekehrung der Falascha zu erbitten. Ich rieth ihnen davon ab, als sie mich bei meiner Abreise von Gondar begrüssten: ich kannte die Gesinnungen des Negus Negesti in Betreff solcher Bekehrungen genau.

Trotzdem verschiedene deutsche Missionare über ihre Reisen zu den Falascha eigene Schriften veröffentlichten, z.B. Stern, Rosenthal und besonders Flad[141], so ist doch manches Irrthümliche über die abessinischen Juden verbreitet. So behaupten die meisten, sie gingen unbewaffnet. Aber es kamen verschiedenemal Falascha zu mir, um Töpfe oder andere Sachen zu verkaufen, und stets waren sie bewaffnet. Es geht hieraus schon hervor, dass sie Handel treiben, obwol man abermals behauptete, dass sie den Handel als mit ihrer Religion nicht verträglich verabscheuten. Die Falascha kleiden sich ebenso wie die abessinischen Christen und haben mit diesen hinsichtlich der Speisevorschriften u.s.w. eine grössere Verwandtschaft, als man nach den bisherigen Berichten über sie annehmen möchte. Man muss nur immer festhalten, dass die christlichen Monophysiten Abessiniens ebenfalls alle Satzungen des Alten Testaments als zu Recht bestehend betrachten. Was ihren Fanatismus anbetrifft, so dürfte derselbe kaum den der abessinischen Christen übersteigen, und ebenso wenig wie diese sind sie mit der hebräischen Sprache bekannt. Ihre mit den abessinischen Christen gemeinsame Sprache ist das Gees[142] (auch Ghez, Gheez u.s.w. geschrieben). Wären sie echte Juden, müssten sie alle Schriften des Alten Testaments besitzen und Hebräisch sprechen können, denn bei den Juden ist das Hebräische die heilige Sprache; der echte Jude darf nur das Alte Testament im hebräischen Text lesen und nur auf Hebräisch beten. Für die abessinischen Mosaisten ist aber Gees die heilige Sprache.

Möglich, dass die Falascha von Gondar keine regelrechte Kirche besassen. Zwar die Missionare beschrieben sie als eine aus drei Abtheilungen bestehende, den christlichen Kirchen ähnliche. Aber das mir gezeigte gottesdienstliche Gebäude hatte gar keine Aehnlichkeit damit, es glich eher einer mohammedanischen Moschee: länglich-viereckig aus Stein gebaut, mit nur einer Thür, ihr gegenüber eine Art hölzerner, durchaus mit Matten belegter Tisch (Altar), auf welchem ein grosser, wie es schien, aus Bronze verfertigter Leuchter stand, mit je drei Armen und einem Arm in der Mitte, wie er im Buche Mosis beschrieben wird. Ich war wol der erste Christ, dem sie gutwillig einen Einblick in ihre Kirche gestatteten. Ebenso freundlich und gefällig wie die übrigen Abessinier, kamen sie, mit ihrem Schum an der Spitze, um mich zu begrüssen. Als ich aber Miene machte, ihre Kirche zu betreten, baten sie mich, davon abzustehen, auch von dem Besuche ihrer Häuser, „sie würden sie sonst nicht wieder bewohnen können“. All diesen Unsinn äusserten sie so freundlich und liebenswürdig, dass ich selbstverständlich meine Bitte durchaus nicht wiederholte, obschon es nur eines Winkes bedurfte, um sie durch die Soldaten mit Gewalt zu erzwingen. Nachdem ich noch einige hübsche Silberkettchen von ihnen gekauft, schied ich in bester Freundschaft. Als sie jedoch hinter mir her mit Wasser (wahrscheinlich geweihtem) sprengten, um ihr Dorf von der Anwesenheit eines Ungläubigen oder so vieler Ungläubigen zu reinigen, musste ich die Soldaten zurückhalten, welche sich auf sie stürzen wollten, um sie „für diese Unverschämtheit“, wie sie sich ausdrückten, zu züchtigen.

Aber unverschämt waren nicht sie, sondern die Soldaten. Ich erhielt in Gondar nicht nur die gesetzlichen Lieferungen in reichlichem Maasse, sondern auch von allen Seiten viele Geschenke. Ausserdem kaufte ich täglich Bier, Tetsch und sogar Schnaps, welchen die Frau eines ehemaligen Missionars, Namens Meier oder Obermeier, gut zu destilliren verstand, um meine ganze Begleiterschaft an Ruhetagen bewirthen zu können. Sogar die anspruchsvollen Damen meines Gefolges zeigten sich in Gondar zufrieden. Die Soldaten aber ergossen sich über die ganze Stadt. Gleich am ersten Tage liess mir ein hoher Geistlicher sagen, dass sie sogar in Etschegebed eingedrungen wären, um ein Haus zu plündern. Offenbar geschah die Beschädigung dieses für unverletzlich gehaltenen Stadttheiles aus Unkenntniss. Ich beeilte mich, der geplünderten Familie ihren Verlust zu ersetzen.

Aber bald nach meinem Besuche der Falascha, als ich mich bei eintretender Nacht bereits zurückgezogen, stürzte Schimper in mein Zelt mit dem Rufe: „Die Soldaten morden und plündern die Falascha!“ In der That ertönte aus hundert Kehlen ein markdurchdringendes Geschrei. Bald darauf fielen Schüsse. Zwei Häuser standen in Flammen. Der Kentiba kam und verfügte sich nebst meinem Hauptmann Mariam[143] an Ort und Stelle. Dann meldeten sie: „Soldaten drangen bei einem Falascha ins Haus und wollten etwas Tiefkorn (eragrostis) haben. Der Falascha widersetzte sich. Andere Soldaten kamen hinzu. Nun Rauferei, wobei ein Schuss fiel. Nur ein Falascha wurde verwundet. Das Feuer entstand wol nur zufällig. Jetzt ist alles wieder ruhig.“ Von einer Bestrafung der Soldaten war natürlich keine Rede, man hatte ja nur einen Falascha verwundet! Meiner Verwunderung darüber begegnete ein Bewohner Gondars mit der Bemerkung: „Nun, was thut’s damit? Der Negus gibt ohnedas nächstens Befehl, dass sich alle Falascha sollen taufen lassen.“