Ich rüstete zum Aufbruch. Abgesehen von den Plünderungsscenen konnte ich von Gondar nur angenehme und bezüglich der prachtvollen Ruinen auch sehr denkwürdige Erinnerungen mitnehmen. Bürger wie Geistlichkeit machten mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich, und wenn ich auch hier hartnäckig die Annahme einer Wohnung verweigerte, so that ich dies lediglich aus Reinlichkeitsrücksichten. Männer, Frauen, auch junge Mädchen kamen häufig mit kleinen Angebinden. Frisches Brot, Pfirsiche, junges Gemüse oder irgendetwas anderes brachten sie. Ging auch bei den meisten der Hintergedanke auf den Empfang eines bessern Geschenkes, so äusserten sie doch keine Unzufriedenheit, wenn sie anscheinend zuerst nichts erhielten. Um so grösser dann ihre Freude über das schliesslich doch Erhaltene.

Zum Mitgehen meldeten sich viele Nonnen und Mönche, welche alle auf meine Kosten nach Jerusalem wollten. Einen Mönch nahm ich denn auch in meinen Dienst, mit der Zusicherung, dass ich ihn auf meine Kosten nach Jerusalem wolle reisen lassen. Aber alle?! Dazu gehörte viel Geld. Meine Karavane vergrösserte sich auch hier wieder; selbst einige Mönche und Nonnen schlossen sich an, sie konnten dann doch wenigstens bis Massaua sicher reisen.

Der mich begleitende einäugige Mönch – die meisten Mönche in Abessinien leiden an irgendeinem körperlichen Gebrechen – führte alle seine Habe mit sich, denn eine Reise nach Jerusalem und der damit verbundene Aufenthalt in der heiligen Stadt dauert Jahre. Er trug ein ledernes, seit vielen Jahren nicht gewechseltes, ungewaschenes Hemd. Gegen Regen oder kaltes Wetter diente ihm eine Art Lederburnus.[144] Auf seinem Haupte sass ein gelbes Käppchen. Ein Rosenkranz, ein hölzernes Kreuz, ein Strohsonnenschirm, ein gewöhnlich als Spiess getragenes, oben schon beschriebenes Bücherpult, endlich ein an seinem Gürtel aus Hanfseil hängendes Büchlein mit den Psalmen David’s bildete seine übrige Ausstattung. Hosen trug er nicht. Von meinen Maulthieren liess er zwei Ledersäcke tragen: der eine mit Büchern, die er verkaufen wollte und später in Massaua auch recht gut los wurde; der andere mit angesammelten Nahrungsmitteln. Seit er Mönch wurde, hatte er, weil dies für fromm galt, sich nicht gewaschen; und da wir uns in der Fastenzeit befanden, enthielt er sich trotz der anstrengenden Märsche jeder thierischen Nahrung, auch der Eier und Fische. Sobald wir lagerten, baute er sich dicht neben meinem Zelte eine kleine Hütte aus Reisig und las vor seinem aufgestellten Bücherpult mit näselnder Stimme seit Jahren denselben Psalm täglich vielleicht funfzigmal, denn er hatte ein Gelübde gethan, diesen Psalm, ich erinnere mich nicht mehr welchen, viele tausendmal zu lesen. Die Abessinier liessen sich indess seine Anwesenheit gern gefallen, denn nun konnten sie ja von dem guten Mönch leicht Absolution erhalten, z.B. Samstags, wenn sie von dem geschlachteten Rinde assen oder überhaupt nicht fasteten. Umsonst und ohne Auferlegung von Bussübungen ertheilte er die Absolution: die kostenfreie Reise nach Jerusalem sei für ihn Belohnung genug, sagte er. Nur einmal machte er eine Ausnahme: ein abessinischer Diener, der ihm gebeichtet, dass er nachts von Ratten und Mäusen geträumt habe, musste so und so oft ein Gebet hersagen.

Absichtlich zeichnete ich so genau das Bild dieses Mönches, eines übrigens durchaus guten, sittenreinen und unschuldigen Menschen, um dadurch auf die mehr oder weniger grosse Aehnlichkeit aller abessinischen Mönche hinzuweisen.

BRÜCKE ÜBER DEN MAGETSCH IN DER NÄHE VON GONDAR.

[S. 281.]

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

DREIZEHNTES KAPITEL.
VON GONDAR NACH AKSUM.