Die drei Regionen Abessiniens. – Riesendisteln. – Ein Kurier mit einem Schreiben des Negus Negesti. – Eine Deputation Geistlicher. – Die Aussicht von Lamalmon-Berg. – Ein Gemeindecomplex mit 1000 Mönchen und 29 Nonnen. – Die Aebtissin. – Der Oberst mit seinen Soldaten zieht ab. – Bettler zu Pferde. – Das Flusspferd. – Der Neffe des Negus Negesti. – Streit zwischen Dienern und den Soldaten des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens.
Am 1. März verliess ich Gondar, eine Strecke weit begleitet vom Kentiba und andern Einwohnern der alten Kaiserstadt. Bald entschwindet der schöne Gemp den Blicken. Nordwärts muss man noch eine von den Portugiesen erbaute Brücke, die über den Magetsch führt, überschreiten. Rasch alsdann, auf verhältnissmässig guten Wegen, geht es stetig bergan. Aber so saftig auch zwischen blühenden Rosen- und Jasminbüschen die Matten daliegen, so wenig bevölkert ist die Gegend. Dennoch aber weisen grosse Getreidefelder auf nicht gänzliche Besitzlosigkeit hin. Riesige Rhododendren, Eriken, mehr als doppeltmannshoch, blühende Kusso-Bäume (Brayera anthelmintica), Hypericum geben kund, dass man sich bedeutender Höhe nähert. Aber Akazien, Spargelgebüsche, Aloë und andere abessinische Gewächse sieht man noch. Diese Gegend muss schon zur Deka[145] Abessiniens gerechnet werden, deren unterste Grenze man zu ca. 2500 m annehmen darf.
Wir nähern uns der bedeutenden Höhe von 3000 m und finden an verschiedenen Stellen jene wunderbaren Riesendisteln mit mannskopfgrossen Köpfen, deshalb Kugeldisteln (echinops giganteus), auf Amharisch aber koschoschilla genannt. Koqualbäume fangen an zu verschwinden, während Schirmakazien noch häufig vorkommen. Ganz reizend sind die auf den Wiesen blühenden lilienartigen Gewächse. Oft durchduftet Rosmarin die Gegend. –
RIESENDISTEL, ECHINOPS GIGANTEUS.
Unterwegs überholte mich ein Kurier, der mir vom Negus einen Brief brachte, den ich mit Bangen Schimper zum Uebersetzen gab. Mit Bangen, weil er möglicherweise den Befehl der Zurückkehr enthielt. Das passirte ja Gordon, als er schon dicht auf der Grenze nach Metemmeh zu plötzlich umkehren und den Weg nach Massaua einschlagen musste. Was macht sich ein abessinischer Kaiser daraus, wenn jemand seinetwegen einen Weg von 1000 km in rasender Eile zurücklegen muss. Vielleicht wollte er, dass ich statt eines Hutes[146] zwei für ihn kaufe. Oder irgendein anderer nichtiger, in seinen Augen aber wichtiger Grund veranlasste die Entsendung eines Kuriers. Glücklicherweise war meine Besorgniss unbegründet, denn der Brief enthielt weiter nichts als Folgendes:
„Der Brief des Gottverordneten Johannes, Königs von Zion, Königs der Könige von Aethiopien, gelange an den Hofrath Dr. Gerhard Rohlfs. Wie ist Dir’s ergangen? Ich mit meiner Armee bin Gott sei Dank wohl. Vom Gallafeldzug bleibe ich zurück, nachdem ich von der Ankunft der zahlreichen kaiserlichen Gesandten gehört habe; denn ich sagte, ehe ihre Rede gehört ist, will ich nicht gehen, Völker zu vertilgen. Geschrieben im Claudius-Lager (Galaddeos-Safar) am 17. Jekatit im Jahre der Barmherzigkeit 1873.“[147]
Ich antwortete gleich mit demselben Kurier, dass ich die Maassnahme Seiner Majestät für sehr weise halte, und es namentlich vorzüglich fände, dass er das „Völkervertilgen“ noch aufgeschoben habe. –