Je höher wir kamen, desto grossartiger wurde die Natur. Nach Westen zu sah man in unabsehbare Fernen. Ganz Kolla-Uogera lag vor uns. Aus der Tiefebene aber stiegen zahlreiche Bergriesen empor. Man irrt also gewaltig, wenn man sich die Kolla als eine einzige Ebene vorstellt. Nach Osten und Nordosten zeigten sich die Biala- und Lalibala-Berge und der schneebedeckte Semien-Gebirgsstock, an dessen Wänden, wie uns das Wetterleuchten andeutete, allabendlich starke Gewitter niedergingen.
So erreichten wir mit ca. 2800 m Höhe die bedeutende Ortschaft Dobarik, welche fast auf dem höchsten nördlichen Bande des Uogera liegt, der in seinen höchsten Spitzen noch einige hundert Meter die Höhe von 3000 m übersteigt.
Eine grosse Deputation Geistlicher in Ornat, mit Kreuzen, Fahnen und Kirchenmusik, kam aus dem nahen Fares Saber, um uns zu begrüssen. Aus Neugier kamen sie, aber auch mit der Bitte um Erlass der Lieferungen. Zufriedengestellt, zogen sie wieder heim. Nachmittags machte ich selbst einen Gang zu diesem für Abessinien so bedeutungsvollen Ort, denn hier war es, wo Theodor, aus Zorn über den Tod seiner Günstlinge Plowden und Bell, fast 2000 Abessinier kaltblütig schlachten liess.
In Dobarik verliessen uns die Beamten, welche uns bis dahin auf Befehl des Kaisers begleitet hatten, und mit ihnen verschwand ein Theil der Damen.
Darauf begannen wir den Abstieg vom Lamalmon-Berg. Zum ersten und einzigen male sahen wir hier die merkwürdige Gibara-Pflanze (rhyncho-petalum montanum), die Charakterpflanze der höchsten Berge Semiens, wie denn überhaupt der Lamalmon-Berg und Hoch-Uogera orographisch zu Semien gerechnet werden müssen. Die Aussicht vom Lamalmon nach Norden zu ist wol die grossartigste Abessiniens. Unmittelbar zu unsern Füssen verliert sich über kolossale Basaltabsätze und Säulen hinweg der Blick in geheimnissvolle, unergründliche Tiefen, die Bergwand von Semien aber, welche man früher, von weitem gesehen, für eine compacte Wand hielt, löst sich in ein Meer von Bergen auf. Und welche sonderbare Gestaltungen! Will man verrückte Bergformen sehen, muss man nach Abessinien kommen.
LAMALMON-BERG.
Man spricht den Eingeborenen alle Empfindung für Naturschönheiten ab: dass die Pracht der Blumen, der Sternenhimmel, das blaue Meer, der hehre Glanz schneebedeckter Berge sie gleichgültig lasse. Im allgemeinen ist das richtig. Oft genug, wenn ich zwischen hohen Rosengebüschen schwelgte und mit Entzücken dem Gesange der Vögel lauschte oder mit Bewunderung meine Blicke über jene prachtvollen Alpenlandschaften schweifen liess, blieben meine abessinischen Diener vollkommen kalt. Ja, wenn man sie auf all das Schöne aufmerksam machte, wussten sie nicht, was sie eigentlich dazu sagen sollten. Hier aber erlebte ich eine Ausnahme. Aus dem unten gelegenen Orte Dibbewahr kam uns eine vom Schum angeführte Deputation bis zum obersten Abstieg vom Lamalmon entgegen, um beim Heruntersteigen behülflich zu sein. Als wir gerade den Abstieg oder vielmehr das Herunterklettern beginnen wollten, nahm mich der Schum bei der Hand, zog mich nach einer Plattform, einem kanzelartigen Vorsprung, und rief: „Ueberschauen Sie dies und sagen Sie, ob Ihr Land auch so schön, so grossartig ist!“ – Ich habe nie eine grossartigere, wildere Gebirgslandschaft gesehen. Selbst in Amerika nicht. Unsere europäischen Alpenlandschaften sind „zahm“ dagegen.