Ohne Unfall geschah der Abstieg. Aber grösstentheils verdankten wir das den freundlichen Bemühungen der Leute von Dibbewahr, welche die den Maulthieren abgenommenen Lasten heruntertrugen. An manchen Stellen konnte ich nur kriechend weiter kommen. Und nun der klimatische Unterschied! Eben noch oben der Kampf mit Schnee und Regen, und einige Stunden darauf schon, nach ganz veränderter Thier- und Pflanzenwelt, der Eintritt in die Tropenregion. Eben noch erinnerten die eigenthümliche Gibara, die Riesenheidekräuter (Erica arborea), die Kugeldistel an die kalte Zone, und gleich darauf sagten einem die Kandelaberbäume, die Palmen und Feigen, die Pavianheerden und zuckerhutförmigen Termitenhügel, dass man sich in der heissen Zone befinde.
Meist immer nördlich haltend, senkt sich der Weg bis zum Takaseh, aber keineswegs stetig; im Gegentheil, es ist ein einziges Auf- und Abklettern. Abgesehen jedoch von einigen schrecklichen Stellen, als deren schrecklichste der Lamalmon-Steig bezeichnet werden muss, ist dieser Weg von Gondar nach Adua ungleich besser als der von Debra Tabor nach Adua.
Beiläufig will ich bemerken, dass der Lamalmon-Steig ein Abstieg oder Aufstieg, keineswegs aber ein Pass ist, wie er auf Karten und in Reisebeschreibungen bezeichnet wird.
Wir berührten sodann die Landschaft Uoldeba, die wir als Eigenthum des Etschege besonders hervorheben. Es leben hier an 1000 Mönche in 17 Gemeinden oder Ortschaften, und in einer achtzehnten, der Männerwelt unzugänglich, ungefähr 29 Nonnen. Neben Debra Damo, Lalibala und Teklaheimanot ist Uoldeba die berühmteste Aufenthaltsgegend der Klosterbewohner. Kloster ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, denn weder Mönche noch Nonnen wohnen in grössern Gebäuden beisammen, sondern je einer oder eine für sich in kleiner Hütte. Sie leben von den Einkünften des Bodens, vom Betteln, von ihrer Familie, von ihrem eigenen Vermögen. Ueber Tracht und Gebaren der Mönche berichteten wir schon. Der Oberste oder, sagen wir, „Prior“ von Uoldeba kam natürlich, sobald wir unsere Zelte aufgeschlagen, mit einer grossen Anzahl Mönche und brachte mir, ausser Geschenken an Lebensmitteln, als willkommene Gabe einen ganzen Sack frischen Ingwers, welcher gekocht nicht nur eine angenehme Zuthat zu Braten und Fleischspeisen abgibt, sondern sich auch allein als ein pikantes wohlschmeckendes Gemüse zubereiten lässt. Mit entsprechenden Gegengeschenken entliess ich die Mönche. Bald darauf erschien die „Frau“ Aebtissin – oder war sie ein Fräulein? – begleitet von einem halben Dutzend Nonnen. Sie brachten ebenfalls einen Sack mit Ingwer, den sie vor mein Zelt stellten. Ihre Kleidung bestand aus einem grobbraun-wollenen Kattunhemd; darüber ein gelbes Mäntelchen aus demselben Stoff; auf dem Haupte ein gelbes Mützchen, bei der Aebtissin dick umwickelt, sodass ein mächtiger Turban entstand. Dazu bei allen der Rosenkranz, und jene Andachtskrücke, auf die sie sich sehr würdevoll stützten, bis ich sie zum Sitzen einlud. Die Aebtissin theilte mir mit, dass sie aus sehr guter Familie stamme und schon seit längerer Zeit in Amt und Würden sei. Keine einzige dieser Nonnen war jung, noch weniger schön oder auch nur schön gewesen, allem Anschein nach. Wie die Mönche mussten sie das Gelübde der Keuschheit ablegen, aber sie treten gewöhnlich nie jung in die Klosterschaft, sondern nachdem sie in reichlicher Weise die Freuden des Lebens genossen. Obgleich nahe bei den Ortschaften der Mönche wohnend, sehen sie diese nie, wie die Aebtissin behauptete. Auf meine Frage, wovon sie lebten, antwortete sie: „Von Gartenbau und der Verfertigung von Kleidungsstücken und Stickereien, die wir verkaufen; hauptsächlich aber“, fügte sie hinzu, „beten und lesen wir, denn nur dadurch kommen wir zu Gott.“ Wie vorhin die Mönche, erhielten auch alle Nonnen ein Gläschen Schnaps und die Aebtissin ausserdem ein Geldgeschenk, womit sie so zufrieden gewesen zu sein schien, dass sie am Morgen, als ich eben den Lagerplatz am Inso verlassen wollte, noch einmal angeritten kam, um mir – eine von ihr selbst genähte Hose zu verkaufen. Das war doch rührend. Da jedoch dieses Kleidungsstück recht bedenklich hinsichtlich der Reinlichkeit aussah und übrigens schon ein solches zu meinen ethnographischen Merkwürdigkeiten gehörte, bat ich die Aebtissin, es zu behalten, gab ihr aber ausserdem den Werth dafür in Geld, da ich, wie ich ihr bemerkte, nicht wollen dürfe, dass eine so hochgestellte und gottesfürchtige Frau meinetwegen den weiten Weg umsonst mache. –
Je tiefer wir nun hinabstiegen, desto tropischer wurde die Natur, und manchmal kamen wir durch ungemein grosse Bestände von Bambus, welches eine Höhe von 10–15 m erreichte. Namentlich Bra Amba umsäumte ein wahrer Bambuswald. Eigentlich sollte der Oberst mit seinen Soldaten mich bis zum Takase begleiten, da aber eingezogene Erkundigungen von hier bis Adua und weiter nach Norden zu Sicherheit vor Rebellen oder Räubern verbürgten, so stimmte ich mit Freuden ein, als der Oberst mir den Wunsch äusserte, schon am Mai Zabri zum Negus zurückkehren zu dürfen. Das Gebaren dieser rohen Landsknechte war von Tag zu Tag widerlicher geworden. Raubend und plündernd zogen sie neben meiner Karavane her. Kein Dorf liessen sie unbesucht, kein Haus ununtersucht. Wehe, wenn die Besitzer auf den Feldern sich befanden! Kehrten sie heim, fanden sie ihr Haus rein ausgeplündert. Das Unangenehmste dabei war, dass mich die Landbevölkerung für verantwortlich hielt, da ja das Plündern immer vom Anführer des Zuges ausgeht.
Ich hatte gehofft, in Frieden vom Oberst scheiden zu können, und nicht nur für jeden Soldaten, sondern auch für ihn hielt ich ein bedeutendes Geldgeschenk bereit. Aber nicht zufrieden damit, oder um von mir oder Schimper ein noch grösseres Geldgeschenk zu erpressen, schickte mir der Oberst das Geld – irre ich nicht, 150 Thaler, die ich ihm durch Schimper geben liess: eine für Abessinien vollkommen genügende Summe – mit der Bemerkung zurück: er habe strenge Weisung vom Negus Negesti, weder Geld noch irgendein anderes Geschenk anzunehmen. Was aber that der Mensch? Er liess die Verwandten Schimper’s in Ketten legen.
Natürlich liess ich den Oberst gleich zu mir bescheiden, setzte ihn zur Rede und fragte ihn, wie er dazu komme, Leute zu fesseln, welche unter meinem Schutze reisen. Seine Antwort lautete: die gefesselten Leute seien aus Debra Tabor entflohen, nur dem Kaiser sei er für sein Thun verantwortlich, die Leute würde er auf alle Fälle mit sich nehmen. Man kann sich denken, in welch unangenehmer Lage ich mich befand. Gewalt gegen den Oberst konnte ich nicht anwenden, möglicherweise war derselbe auch in seinem Rechte, möglicherweise hatten sich die Leute aus dem Staube gemacht, waren vielleicht nicht einmal Schimper’s Verwandte. Jedenfalls keine nahen Verwandten. Aber da sie nun einmal unter meinem Schutze reisten, musste ich nichts zu ihrer Befreiung unversucht lassen. Und ein Umstand begünstigte mich. Als ich gerade in nicht höflicher Weise mit dem Oberst die Angelegenheit nochmals beredete, erhielt ich den Besuch des Districtsgouverneurs Dedjadj Uogai, der ihm verständlich machte, dass, wenn der Kaiser erführe – und er selbst würde darüber berichten – wie wenig er meinen Wünschen nachkäme, da er doch auf Befehl des Negus nur zu meinem Schutze da sei, könnte ihm das leicht den Kopf kosten. Das wirkte. Der Oberst liess die Gefangenen entfesseln, aber der grösste Theil ihres Gepäckes war dabei auf Nimmerwiederfinden abhanden gekommen, während die Säcke der Soldaten inzwischen bedeutend an Umfang zugenommen hatten. Das Schönste aber bei dem Vorfall war, dass der Herr Oberst, obwol er sich bereits verabschiedet, nochmals herschickte und sich das Geldgeschenk ausbitten liess. Ich gab es ihm, froh, von dieser unverschämten Begleiterschaft befreit zu sein.
In der That, wir athmeten auf, zumal uns auch ein Theil der lästigen Reisebettler verliess, vielleicht in der Meinung, bei den Soldaten sei mehr und auf längere Zeit etwas zu haben als bei mir, dessen Reise nun bald zu Ende sei. Welch sonderbare Auswüchse aber das gewohnheitsmässige Betteln in Abessinien erzeugt, das sollte ich am folgenden Tage erfahren. Als ich in Mai Zabri lagerte und an einer reizenden Quelle unter Citronen- und Pampelmusbäumen (citrus decumana), mit grössern als mannskopfgrossen Früchten, nach anstrengendem Ritt im Schatten und Dufte jener herrlichen Bäume ausruhte, kam eine Bande auf mich zugeritten und machte in einiger Entfernung, die Hände bittend gegen mich erhoben und um Almosen flehend, halt. Die Hüftknochen ihrer abgemagerten, fadenscheinigen Pferde, die sich gegenseitig vor Hunger auffressen zu wollen schienen, standen aus dem Körper heraus, als ob sie gar nicht dazu gehörten. Aber die darauf sitzenden Männer! Wahre Jammergestalten, hohläugig und hohlwangig, einige über und über gefleckt, andere mit aufgeschwollenen Gliedmaassen, einer mit offenen Wunden. Entsetzlich, schrecklich! Reitende Bettler?! Reitende Kranke?! So etwas war mir doch noch nicht vorgekommen. Freilich las ich, dass auch Bettler bei uns sich Vermögen erwerben, sodass sie sich Pferde und Wagen halten können, aber sie betteln doch nicht in der Carrosse oder auf dem Pferde! Und hier stand nun eine ganze Gesellschaft „berittener Bettler“. Schimper gab mir die Erklärung. Es waren Aussätzige und andere mit widerlichen Krankheiten Behaftete, welche in Abessinien ihrem Schicksal überlassen bleiben, aber abgesondert leben müssen. Sie vereinigen sich dann zu ganzen Gesellschaften, kaufen auf gemeinschaftliche Kosten alte Klepper und senden die äusserlich Widerwärtigsten, welche am meisten das Mitleid zu erwecken im Stande sind, auf Bettel aus. Sie dürfen sich jedoch den Ortschaften nur bis auf eine gewisse Entfernung nähern, und Entgegenkommenden müssen sie sich von weitem schon durch Zurufen oder andere Zeichen bemerklich machen, da jeder das Recht hat, sie todtzuschlagen, falls sie nicht aufs gewissenhafteste das eben Gesagte befolgen. Etwaige Spenden, Almosen, Lebensmittel, Kleidungsstücke legt man auf besondere Plätze, von denen die Kranken sie abholen. –
Kurz vor meiner Ankunft am Takase kam Ras Bariau eigens an die Strasse heran, um mich zu begrüssen. Dieser mächtige und einflussreiche Mann, ein Schwiegersohn Kaiser Theodor’s, spielte ebenfalls in der letzten Geschichte der Kämpfe und Kriege um die Krone eine hervorragende Rolle, ist aber seitdem ein treuer Anhänger des Negus Negesti. Ras Bariau, der mit seinem würdevollen Auftreten einen angenehmen Eindruck machte, lud mich zu einem Besuche in seiner Wohnung ein, leider aber musste ich es wegen des zu grossen Umwegs ablehnen.
Der Abstieg nach dem Takase ging ziemlich gut von statten. Aber seit einigen Tagen waren wir nun von 3000 m Höhe zu 800 m herunter gekommen. Schon vorher machte das vulkanische Gebilde dem Sandstein, Thonschiefer und Urschiefer Platz, und an den tiefsten Einschnitten findet man, wie fast wol in ganz Abessinien, als anstehendes Gestein Thonschiefer. Wir setzten über den Takase ohne Schwierigkeit, obschon derselbe c. 100 m breit und über 1 m tief war. Flusspferde und Krokodile sahen wir nicht; aber beim Durchtreiben wurde doch eins unserer Schafe von einem jener grossen Saurier weggeschnappt.