Von 3000 m Höhe zu 800 m herab erzeugt natürlich einen grossen Temperaturunterschied. Wir mussten unten im breiten Thal, wo man sogar ackerte, lagern und erwachten vor Sonnenaufgang mit +19°5. Nachts wurden wir aufs unangenehmste durch ein Flusspferd alarmirt, welches mitten durch unser Lager trabte und namentlich den Theil desselben, wo sich unsere abessinischen Anhängsel befanden, in arge Beunruhigung versetzte. Von der grossen Menge der Flusspferde an diesem Theile des Takase zeugten die Pfade derselben durchs Dickicht und die vielen Haufen Losung, welche man überall fand.

Auch der Aufstieg macht keine grossen Schwierigkeiten. Von da kommt man in die überaus fruchtbare, aber keineswegs stark bevölkerte Landschaft Simbila. Wie sehr man sich jetzt schon dem Norden genähert, erhellt am besten aus den Geldverhältnissen. Die Amole nimmt man von nun an nicht mehr als Kleingeld, dagegen kann man auf den Märkten schon wieder 40 Stück für einen Maria-Theresienthaler kaufen. Oben wird wieder alles vulkanisch, nur bei Mai Schivinni fand ich die Gegend abermals mit Sandsteinblöcken übersäet.

In Tembela kam Dedjadjmatsch Mengescha, der Gouverneur der Provinz, ein Neffe des Negus, zu mir, um mich zu begrüssen. Eigentlich aber wollte er dies: „Ich erhielt“, sagte er, „direct vom Negus Negesti den Befehl, Ihnen 1000 Maria-Theresienthaler zu zahlen; indess stehen mir höchstens nur 70 Thaler zur Verfügung, die können Sie gleich erhalten.“ Ich liess ihm durch Schimper antworten, ich könne weder seine 70 noch seine 1000 Thaler annehmen und hätte dies schon auf das bestimmteste dem Budjurunt Lauti erklärt. Als Mengescha jetzt merkte, dass es sich um eine vollständig erledigte Sache handle, war es höchst ergötzlich, zu hören, wie er folgendermassen auftrumpfte: „Ich werde die 1000 Thaler auf der Stelle herbeischaffen, nichts ist leichter als das! Dem Befehl des Negus muss man gehorchen!“ Schliesslich jedoch, als er einsah oder einsehen wollte, ich würde das Geld durchaus nicht annehmen, rückte er mit dem sonderbaren Anliegen heraus, ich möge ihm über den Empfang des Geldes eine Quittung schreiben. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich seinem Wunsche nicht nachkam.

Endlich sahen wir die Gegend etwas besser bevölkert: wir näherten uns ja jetzt der ältesten Hauptstadt des äthiopischen Reiches. Trachyt wechselte von nun an mit Granit und die Kolqualeuphorbien erreichten eine früher von mir nicht gesehene Höhe. Im Südosten erblickten wir aber noch immer die schneeigen Gipfel Semiens, während sich vor uns und immer schärfer die Umrisse der merkwürdig geformten Berge von Adua zeigten.

Eine unangenehme Episode stand mir noch bevor. Wie ich schon erwähnte, behielt ich meine ursprüngliche Bedeckung unter Hauptmann Mariam. Nun aber gerieth dieselbe mit meinen Dienern in heftigen Streit. Zum Unglück war Schimper nach Adua voraus, um mir dort einen Kurier zu besorgen und übrigens noch einige Geschäfte vor seiner Reise nach Massaua zu erledigen, wohin er mich auf Befehl des Negus begleiten sollte. Einer meiner abessinischen Diener sprach zwar etwas Arabisch, aber das war für eine gute Verständigung nicht hinlänglich. Der Streit nun brach aus über ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen, welches, wie das in Abessinien üblich, eine Ehe auf Kündigung mit einem der Soldaten einging, welcher sie von Gondar mitnahm. Auf dem Wege nach Mai Schum, also schon im Gebiete von Aksum, schien ihr aber einer meiner Diener, Namens Tassama, besser zu gefallen. Sie verliess also in Mai Schum ohne weiteres den Soldaten Gebr Selassie und baute ihre Hütte aus Reisig mit Tassama auf, was jeden Abend alle Soldaten und Diener und übrigen Reisegenossen für je eine oder zwei oder mehrere Personen wegen des häufigen Regens ebenfalls thaten. Natürlich liess sich das Gebr Selassie nicht gefallen, seine Kameraden unterstützten ihn, meine Diener dagegen den Tassama, und so entspann sich eine grossartige Prügelei, welche in eine Schlägerei, in eine Schlacht ausartete. Unglücklicherweise befand ich mich ausserhalb des Lagers auf einem Spaziergange. Man hatte schon zu Messern, Säbeln, Dolchen gegriffen, und eben war man mit Schiesswaffen daran, als mein plötzliches Erscheinen der Schlacht ein Ende machte. Es war Blut auf beiden Seiten geflossen, einem meiner Diener hatte man einen Finger abgehackt.

Ich wollte die Aburtheilung bis auf Aksum verschieben, wo wir andern Tags eintreffen mussten, um sie der dortigen Gerichtsbarkeit zu unterbreiten, aber das gefiel beiden Parteien nicht, und nun begann ein gegenseitiges Anklagen, sich Beschuldigen und Vertheidigen, dass einem Hören und Sehen verging. Der Hauptmann Mariam meinte zwar, man solle gleich für alle mit einer energischen Bastonnade beginnen, aber dazu konnte ich mich doch nicht entschliessen. Vor allen Dingen, sagte ich, müsse man die Ursache des Streites, die junge Abessinierin, aus dem Lager entfernen, aber das wollten beide Parteien nicht, auch Hauptmann Mariam nicht, welcher ganz ernsthaft versicherte, die Abessinierin habe doch nichts verbrochen, sie sei nicht regelrecht verehelicht und könne deshalb auch von niemand gezwungen werden, mit diesem oder jenem zu leben. Unter solchen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, als mich jeden Urtheils zu enthalten und sie nochmals, falls sie nicht einig werden sollten, auf das nahe Aksum zu verweisen. Der geringste noch einmal ausbrechende thätliche Streit solle aber sofort mit Wegjagung der Veranlasser bestraft werden: immer die härteste Strafe, die ich über sie verhängen konnte.

VIERZEHNTES KAPITEL.
AKSUM IM JAHRE 1881.

Lagerung vor Aksum. – Nachts bei Regen ein Unfall. – Nicht Opferstein, sondern Königsstuhl. – Keine Obelisken, sondern Stelen. – Eine noch nicht veröffentlichte Inschrift. – Die Wohnung des Negus Negesti. – Die lästige Rotte Jungen und Mädchen. – Gefesselte Knaben. – Der Nebreïd von Aksum. – Besuch der Metropolitankirche. – Musikanten. – Besuch beim Nebreïd in der Kirche. – Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. – Unterredung mit dem Nebreïd. – Abschied von Aksum. – Priester mit Geschenken des Nebreïd. – Die Einwohnerschaft Aksums.

So lagerten wir denn angesichts der alten Hauptstadt Aksum, die ich während der britischen Expedition schon einmal, wenn auch nur flüchtig, besuchte. Städte mit historischem Hintergrund haben immer ein erhöhtes, doppeltes Interesse. Und vollends in Afrika, wo wir neben Ländern mit ältester Geschichte andere vorfinden, von deren Vor- und Neuzeit wir durchaus nichts wissen. Zum Theil ist es ja mit Abessinien auch so, dessen Geschichte erst durch das Eingreifen der Portugiesen eine einigermassen auf Wahrheit beruhende Fassung erhält, denn die Ereignisse in diesem Lande vor Christof da Gama können wegen ihrer Lücken- und Nebelhaftigkeit kaum auf wirklichen Werth Anspruch machen. Und was nützt eine lange Liste von Kaisernamen bis in die tiefe Vergangenheit hinein? Blosse Namen für Begriffe ohne charakteristische Merkmale! Selbst die neueste Geschichte Abessiniens, die uns Bruce in ununterbrochenem Zusammenhange gab, wie wenig reizvollen Inhalt bietet sie! Sie zeigt uns in detaillirteren Zügen, wie das Kaiserthum mehr und mehr zur Schattenmacht herabsank, wie aus dem unaufhörlichen Kriege aller gegen alle zeitweilig ehrgeizige „Lidj“ oder „Abkömmlinge Salomo’s“ hervorgingen, die nur an die Behauptung ihrer Macht, nicht aber an die Segnungen des Friedens dachten. Interesse erregt das Land erst, als es mit dem Auslande durch die britische Expedition und die ägyptischen Feldzüge in Wechselbeziehung zu treten schien. Von wirklich culturellem Einfluss verspürt man wenig. Auch heute noch ist dort Krieg aller gegen alle die Losung und „Völkervertilger“ ein Wort von derselben Geltung, wie bei uns Ratten- und Mäusevertilger.