Wir lagerten auf einer grossen Wiese, ca. 1 km südöstlich von Aksum. Unfern unserer Zelte schlängelte sich ein kleiner Bach, der sich nach dem Takase hinabzog. Im Norden sahen wir die Bergwand, die wir von Tembela an entlang zogen, dicht vor uns die alte Krönungsstadt Aksum, überschattet von jenen Sykomoren, welche alle Reisenden bewundern, in weiter Ferne die schneeigen Köpfe Semiens. Mit dem Aufschlagen der Zelte und dem Herbeiholen des Reisigs zum Hüttenbau ging viel Zeit hin, sodass ich am Tage unserer Ankunft nicht mehr zur Stadt konnte. Dagegen kam der kaiserliche Beamte zu meiner Begrüssung heraus, und der Nebreïd schickte, um seine wohlwollende Gesinnung an den Tag zu legen, einige Töpfe Honigwein. Meine Leute fanden vollauf Verpflegung. Wie immer, wenn wir nach einer Stadt kamen, liess ich für sie Bier kaufen, und alle gaben sich der angenehmen Erwartung hin, hier einige Tage Ruhe zu finden.
Die ersehnte Ruhe musste aber theuer erkauft werden. Nachts fing es an zu regnen und zu gewittern, wie es eben in diesen Bezirken eigentlich nur während der Regenzeit zu geschehen pflegt. Aber was hatte ich davon zu fürchten? Mein doppeltgedachtes Zelt schützte vor Wasser von oben, ein rings um das Zelt angebrachter guter Graben vor dem Hereinlaufen des Wassers von unten. Lachen konnten sich nicht bilden, da wir auf sanft sich neigendem Boden lagerten. Aber im besten Schlaf sank auf einmal das Zelt zusammen. Ich lag begraben unter der nassen wuchtigen Leinwand. Zum Glück war die schwere Zeltstange, welche ca. 25 kg wog, auf die andere Seite gefallen. Dabei goss es ununterbrochen herunter, und die grell zuckenden Blitzstrahlen blendeten derart, dass man jetzt erst recht nicht die Finsterniss durchdringen konnte. Endlich kam Hülfe. Die Leute befreiten mich aus meinem nassen Grabe, mein anderes Zelt wurde schnell aufgeschlagen. Aber welch eine höchst unangenehme Nacht! Ich sowol wie alle Gegenstände waren windelweich nass geworden. Die Katastrophe verursachten eiserne Pflöcke, deren sich die Diener zur Befestigung des Lagers statt der hölzernen bedienten; erstere liess ich nur in felsigem Boden anwenden. Die am andern Morgen glänzend aufgehende Sonne machte bald alles wieder gut.
Es ist in der That schade, dass man von den wirklich interessanten Bauresten, soweit sie historischen Werth haben, nicht zu retten sucht, was noch zu retten ist. Die grosse Steinplatte mit der von Salt zuerst veröffentlichten griechischen Inschrift geht sichtlich dem Untergange entgegen. Die Seite mit der äthiopischen Inschrift ist schon vollständig verwittert, und die griechische Inschrift beginnt ebenfalls unleserlich zu werden. Mehr und mehr versinkt auch der Stein, welcher ursprünglich 31 Reihen enthielt; jetzt liegen nur noch 24 zu Tage. Besser, wenn der Stein in einem trockenen oder in einem der abwechselnden Witterung nicht ausgesetzten Erdboden verborgen läge, um ihn für die Wissenschaft zu erhalten. So aber gestattet die körnige Zusammensetzung der Steinplatte eine volle Verwitterung, zumal wenn die zerfressenden Einflüsse des nassen Humus hinzukommen.
Ich bin der Meinung, dass das, was die meisten Reisenden als Opfersteine bezeichnen, keine sind. Sie haben dieselbe Form wie der sogenannte Königsstuhl vor der Metropolitankirche und dürften dazu gedient haben, hölzerne oder steinerne Statuen aufzunehmen. Wenn die Rinne, welche man oben auf dem Steine bemerkt, eine wirkliche Blutrinne gewesen wäre, so hätte man sie bis zum Abfliessen verlängert. Auch lassen sich die vor dem Stein befindlichen länglichen Vertiefungen nur durch die Bestimmung zur Aufnahme der Füsse der Statue erklären. In Aegypten haben wir ja gerade an den Memnonssäulen und andern ähnlichen sitzenden Bildsäulen die entsprechenden Vorbilder. Und die aksumitischen Denkmäler, wenn auch von Griechen errichtet, erinnern nur zu sehr an ägyptische Bildhauerei.
a. Blutrinne, wahrscheinlich aber Einsatz für eine steinerne Lehne.
b. Aushöhlungen für die Füsse.
Von den sogenannten Obelisken, die aber gar keine Obelisken, sondern viereckige Stelen sind, Stelen allerdings von kolossalen Dimensionen, liegen in den verschiedensten Werken so genaue Abbildungen und Beschreibungen vor, dass man es mir erlassen kann, näher darauf einzugehen. Jedenfalls hat Rüppel vollkommen recht, wenn er dieses Obeliskenfeld, wie er das Säulenfeld nennt, als einen Begräbnissplatz bezeichnet. Dass die Aksumiten so riesige Stelen ihren Dahingeschiedenen widmeten, darf uns auch nicht wundern. Ohne Zweifel kamen die Griechen nach Adulis aus Aegypten, von wo sie die Mode, den Todten so grosse Denkmäler zu errichten, mitbrachten. An den Pyramiden bei Memphis, an den grossen Königsgräbern bei Theben lernten sie ja das Grossartigste kennen, was es in dieser Beziehung auf Erden gibt. Alles bisjetzt in Aksum Gefundene erinnert an Aegypten und vorchristliche abessinische Zeit. Die Christen hätten wol, nachdem der heidnisch-griechische Einfluss aufgehört, derartige Säulen nicht mehr errichtet. Ich möchte deshalb auch kaum die Meinung Rüppel’s unterschreiben, welcher annimmt, dass die vier Löcher an der obern Fläche der noch aufrecht stehenden Säule zur Aufnahme eines Kreuzes gedient hätten. Die ursprünglichen Erbauer wollten doch wol keins daran befestigen! Die grosse aufrecht stehende Säule ist die einzige noch vollkommen erhaltene. Zwar hat sie sich auch schon etwas gesenkt, jedoch liegt die Lothlinie noch innerhalb der Basis. Aber wie lange noch? Alle andern Säulen liegen zertrümmert am Boden. Jene könnte man retten, wenn man sie ans Rothe Meer schaffte und ihr als ausgeprägtestem Denkmal aksumitischer Grösse einen Platz in Europa anwiese.
Vor der Säule auf der grossen Steinplatte befinden sich drei in den Stein ausgehauene Schalen. Die jungen Damen Aksums benutzten sie als – Mörser: eine Bestimmung, die sie wol ursprünglich nicht hatten. Die von Rüppel erwähnten drei äthiopischen Steinschriften konnte ich nicht ausfindig machen, möglicherweise sind sie schon zerstört. Dagegen fand ich die von ihm erwähnte, jetzt mit Erde angefüllte Schale aus Lava im Hofraum der Kirche Tekla Haimanot. Alle übrigen von den Reisenden erwähnten Bauüberreste sind noch im selben Zustande vorhanden.