Auch die unterirdischen Bauten auf dem Am Nelicalos-Berg, welche Heuglin Qonasel, Fuchsbau, nannte, die Einwohner Aksums dagegen Königssohnsgräber, Dachel ebn Negus, nennen, besuchte ich. Hier fand ich eine Inschrift, welche noch nicht veröffentlicht worden ist:

Jedenfalls würde ein Archäologe bei gründlichen Nachgrabungen gewiss manches Interessante und vielleicht für die alte Geschichte Abessiniens Bedeutsame zu Tage fördern. Aber unter den jetzigen Verhältnissen ist das absolut unmöglich.

Aksum[148] ist immer noch die alte Krönungsstadt. Hier liess sich denn auch Kaiser Johann, vormals Fürst Kassai, krönen, und in der alten Kirche salbte ihn der damalige Abuna.

Diese so oft beschriebene und abgebildete Kirche macht ebenfalls einen traurigen Eindruck. Früher soll sie von Gold und Silber gefunkelt haben – von dieser Pracht ist aber nichts mehr zu sehen. Ganz ausgeplündert und niedergebrannt 1535 von Mohammed Granje, blieb weiter nichts übrig als vier nackte, nothdürftig ausgebesserte Wände. Das einstige Gewölbe der Kirche ist durch ein Balkendach mit Cementüberwurf ersetzt. Man weiss nicht: ist sie noch Ruine, oder gehört sie zu den noch zu benutzenden Gebäuden?

Ich besah auch die Wohnung des Negus: den einzigen bemerkenswerthen, neuerdings in Aksum hergestellten Bau. Alle Achtung vor Signor Naretti, welchem die meisten Reisenden wegen seiner Freundschaftserweise zu Danke verpflichtet sind! Aber diese Königswohnung macht nicht den Eindruck eines baukünstlerischen Könnens. Möglich, dass man ihm beim Bauen die Hände band, dass er genau nach den Plänen des Negus verfahren musste. Man denke sich eine grosse runde, mit Stroh gedeckte Hütte, inwendig ein grosses Gestell, von dem man nicht weiss, ob es „Mimber“ (Kanzel der Mohammedaner) oder Thron sein soll. Abscheulicher Geschmack! Dazu die geringe Sorgfalt der Abessinier für Aufbesserung: der Angareb (Sofa) auf dem Throne war von zerrissenen Fetzen bedeckt, aber der Haushofmeister, der mir die Wohnung zeigte, nicht wenig stolz auf solch buntes Lappenwerk.

Auf dem Rückwege nach meinem Lager verfolgte mich zum ersten male seit meiner Anwesenheit in Abessinien eine lästige Rotte Jungen und Mädchen, welche lärmend und schreiend hinter mir drein zogen. Aksum ist Asylstadt und ermangelt einer weltlichen Behörde, denn der dort residirende Schum ist eigentlich nur wegen der Umgegend da, soweit diese nicht unter nebreïdlicher Botmässigkeit steht, woher es denn wol kommt, dass eine gewisse Zuchtlosigkeit unter der Jugend herrscht. Oft sammeln sich Hunderte von Familien, um ihr Eigenthum zu retten, in diesem Asyle, wozu sich Aksum auch deshalb besonders eignet, weil es, abgesehen von solchen Zufluchtsstätten, welche ihrer natürlichen Beschaffenheit wegen Schutz gewähren, wie Debra Damo in Tigre, einer der geheiligtsten Oerter ist. Viele Kinder bleiben nun, wenn auch die Aeltern in ruhigern Zeiten nach der Heimat zurückkehren, in der „Stadt der Mutter Gottes“, um sich dem geistlichen Stande zu widmen. Wo auch besser, als in diesem uralten Heiligthum, könnten sie die abessinische Religion erlernen! Die Geistlichkeit verhängt übrigens auch körperliche Strafen, wie wir gleich sehen werden. Als ich nämlich, nachdem meine Soldaten, obwol ungern, diese angehenden Heiligen auseinandergetrieben, einen bessern Ueberblick über die kleinen Unholde gewann, bemerkte ich mit grossem Erstaunen, dass viele von ihnen zwischen den Füssen mit einer ziemlich dicken Kette gefesselt waren. „Was?“ fragte ich, „so jung und schon Verbrecher unter ihnen?“ „Das nun gerade nicht“, antwortete der mich begleitende Aksumit, „aber sie hatten ihre Aufgaben nicht gelernt, sie hatten die Schule ohne Erlaubniss geschwänzt und, am sie am Weglaufen zu verhindern, werden sie gefesselt und zwar mit Bewilligung ihrer Aeltern. Sie sehen, dass sie nur hüpfen, aber nicht laufen können.“ – Das war in der That so. Aber noch einmal, wie höchst sonderbar das: 6–10jährige Knaben mit eisernen Ketten gefesselt! Das war ein Seitenstück zu den „reitenden Bettlern“! Welche Zustände!

Der Nebreïd von Aksum ist einer der höchsten Geistlichen und gleichen Ranges mit dem Etschege, ja, oft wetteifert er in Ausübung seiner Machtvollkommenheit mit dem Abuna.

Der alte ehrwürdige Mann liess mich zu einem Besuche einladen, da er, weil er Kusso eingenommen, selber nicht kommen könne. Ich antwortete, dass ich, falls er im Stande sei, mich vor dem Geheul und Gejohl der Jugend in den Strassen der Stadt zu schützen, gern seinen Wunsch erfüllen würde. Ihm schien die unliebsame Scene mit der Strassenjugend schon zu Ohren gekommen zu sein, denn gleich darauf liess er einen Ausrufer in den Strassen verkünden, dass die Aeltern und Lehrer unverzüglich ihre Kinder einsperren sollten. Das wollte ich aber doch nicht, ich schickte daher meinen Geistlichen, den Mönch von Gondar, mit der Bitte zu ihm, diese Maassregel rückgängig zu machen, ich würde mich schon selbst mit der Jugend auseinanderzusetzen wissen. Meine Fürbitte hatte denn auch, wie ich richtig vermuthet, die Gewogenheit aller Schüler und Kinder zur Folge. Die ganze Stadt erfuhr ja auch inzwischen, dass ich in besonderer Werthschätzung beim Nebreïd stehe, der, man kann wohl sagen, in Aksum ein weit grösseres Ansehen geniesst als der Negus selbst.

Weil es jedoch schon Abend geworden, konnte ich den Nebreïd nicht besuchen, ich begab mich daher zur Metropolitankirche, um sie eingehend zu besichtigen. Der bei dieser altehrwürdigen Kirche angestellte und auf meinen Besuch vorbereitete Klerus nahm die Gelegenheit wahr, im Ornat und unter Musik einen feierlichen Gottesdienst – natürlich auf meine Kosten – für mein Seelenheil abzuhalten. Es war dies eine ganz besondere, innerhalb einer Kirche seitens der Geistlichkeit mir noch nicht zu theil gewordene Ehre und Auszeichnung. Processionen von Geistlichen im Ornat, mit und ohne Musik, mit und ohne Kirchenschmuck, hatte ich oft genug empfangen und stets den Segen der frommen Leute und sie dafür grössere oder kleinere Geldgeschenke erhalten. Nun aber vollends eine solche Feier! Uebrigens bezweifelte die abessinische Geistlichkeit nicht im mindesten meine Rechtgläubigkeit. Zwar wussten sie genugsam, dass ich nicht ihr Christ sei, denn ich hielt ja nicht die Fasten, aber mein Mönch verkündete allen laut, ich schaffe ihn nach Jerusalem, und das absolvire mich. Zwar wussten sie nicht minder, dass ich ihren Glauben an die Jungfrau Maria nicht theile, aber oft genug sahen sie, dass ich beim Betreten einer Kirche die Thürpfosten küsste[149], und das machte mich, auch wenn ich keine blaue Schnur trug, in ihren Augen zu einem echten Christen; sie sahen ferner, dass ich den abessinischen Priestern stets mit Hochachtung begegnete, was sie mit Ausnahme von Bruce noch von keinem Europäer erlebten, und schlossen daraus, dass ich von der Güte ihrer Religion überzeugt sei und nicht, wie die Missionare, gegen dieselbe eifere. Und schliesslich hörten sie, zunächst durch Vermittelung meiner zahlreichen Dienerschaft, dass ich der freigebigste Mensch sei und nie, auch das Geringste nicht, ohne Vergütung annehme. Letzterer Punkt fiel in Abessinien überhaupt und besonders bei der Geistlichkeit in die Wagschale. Und so erhielten denn auch die Priester dieser ältesten und geheiligtsten Kirche Abessiniens für ihren aussergewöhnlichen Gottesdienst gebührend Belohnung und, Hymnen singend, zogen sie feierlichst von dannen.