MUSICIRENDER ABESSINIER.
Als ich bei meinem Lager wieder ankam, wartete meiner eine neue Ueberraschung: der Nebreïd hatte, um mir ein Abendconcert zu geben, fünf mit grösseren und kleineren Instrumenten versehene Musikanten geschickt, die sich auf die Erde niederliessen und ihre Mollweisen begannen, während sich rund herum bald ein Zuhörerkreis bildete, der nach Hunderten zählte. Bei besonderer Gelegenheit erhoben sich auch zwei, um Gegentänze aufzuführen. Von eigentlicher Melodie, geschweige denn von Harmonie war nichts zu verspüren. In der musikalischen Veranlagung stehen die Abessinier wol noch hinter den Arabern zurück, wie denn auch namentlich die abessinische Kirchenmusik durch Mistöne auf europäische Ohren höchst beunruhigend einwirkt.
Am andern Morgen machte ich dem Nebreïd meine Aufwartung. Um seine ganze Macht und Herrlichkeit vor mir entfalten zu können, hatte er zum Empfangsort die Kirche selber bestimmt. Angekommen vor der Umfassungsmauer der Kirche, empfingen mich weissgekleidete Schüler und führten mich durch eine Reihe von Priestern zu ihm. Er sass in der Ecke der Vorhalle, die man mit hübschen Teppichen belegt, auf weichen seidenen Polstern, während ich selber neben ihm auf einem besondern Teppich Platz nahm. Um uns herum gruppirte sich die ganze Priesterschaft Aksums, im ganzen wol 500 Personen. Man glaubte in einer mohammedanischen Versammlung zu sein, denn alle waren beturbant, mit Ausnahme der Schüler, an Zahl etwa 100, welche barhaupt gingen. Zur Feier des Tags hatte man den Faulen die Ketten abgenommen, und unter Leitung eines ältern Priesters sangen sie im Hintergrunde der Kirche, sodass der Gesang nur gedämpft unsere Ohren erreichte, während der ganzen Zeit Psalmen.
Der Nebreïd selbst war mit einem blauen, goldverzierten Mantel angethan, neben ihm stand eine hübsche, goldene Krone, die eines frühern abessinischen Kaisers, ringsum mit Bildern geziert, mit grossen bunten Steinen besetzt, von einem dreifachen Goldkranz umgeben und fast ebenso hoch wie die des Negus Negesti. Zur Seite des Nebreïd standen jüngere Priester, von denen der eine einen baumwollenen Schirm, der andere einen Fächer hielt. Er selbst hatte in seiner Hand ein mächtig dickes Goldkreuz. Sein Haupt bedeckte, wie immer bei den Priestern, ein hoher weisser Turban. Die ihm zunächst stehenden Priester und Deftera (Schriftgelehrte, welche die weltlichen Angelegenheiten der Kirche besorgen) waren ebenfalls in prächtigen Kleidern, ja, noch glänzender gekleidet als der Nebreïd selbst, einige von ihnen hatten goldgestickte Gewandung.
Die Unterhaltung ging anfangs nicht recht, da Schimper fehlte und somit Arabisch gedolmetscht werden musste. Der Nebreïd entschuldigte sein vorhin erwähntes Nichterscheinen mit dem Unwohlsein infolge des Einnehmens von Kusso. Er bat mich sodann wegen der Ungezogenheit der Schüler um Entschuldigung und erkundigte sich nach dem Befinden des Negus Negesti, von dem er bezüglich meiner einen warmen Empfehlungsbrief erhalten habe. Darauf verallgemeinerte sich das Gespräch, und ich benutzte die Gelegenheit, einige Geschenke zu überreichen, welche allerdings nicht, wie ich wünschte, ausfallen konnten, denn allmählich waren meine Vorräthe doch sehr zusammengeschmolzen. Ich freute mich indess, wenigstens seinen Schirm durch einen bessern ersetzen zu können, da ich ihm meinen eigenen seidenen zurückliess.
Auf meine Frage, ob er auch schon in Jerusalem gewesen sei, erwiderte er, ob ich denn nicht wüsste, dass ich mich in diesem nämlichen Augenblick an ebenso heiliger Stätte befände wie Jerusalem selbst? Das hatte ich allerdings nicht gewusst und nur, dass Aksums Kirche ein unverletzliches Asyl sei. Aber Ubieh sowol wie Theodor respectirten trotzdem nicht die Heiligkeit dieses Schutzortes, ja, Gott selbst kümmerte sich so wenig darum, dass er einst die Plünderung und Verbrennung dieses Heiligthums durch Mohammed Granje gestattete. – „Sie wissen also auch nicht“, fuhr er fort, „dass diese Kirche, in welcher Sie sich jetzt an geheiligter Stätte befinden, von Joseph, dem Vater unsers Heilandes, erbaut worden ist?“ Ich wagte nicht, meine Unwissenheit einzugestehen, sondern erwiderte: „Ich hörte allerdings davon, wusste aber nicht, ob es wahr sei.“ „Ja“, sagte er, „hier an dieser Stätte hielt sich die Jungfrau Maria mit dem Christuskinde auf, als die heilige Familie aus Aegypten kam, und zum Andenken daran erbaute Joseph mit eigenen Händen unter Beihülfe unsichtbarer Engel die Kirche, in der wir uns jetzt befinden.“ Da ich gar keinen Einwand erhob, glaubte der Nebreïd natürlich, dass ich ebenso von der Wahrhaftigkeit seiner Aussage überzeugt sei wie er selbst und alle anwesenden Priester. Ich erlaubte mir jetzt die Frage, ob die Bundeslade (Tabot), welche Menelek, der Sohn der Königin von Saba und Salomo’s, bei seiner Flucht aus dem Tempel der Israeliten zu Jerusalem mit nach Abessinien nahm, bei der Ausbrennung der Kirche durch die Mohammedaner unverletzt geblieben sei. – „Wie können Sie nur so fragen?“ antwortete der Nebreïd; „als Mohammed Granje die Kirche ausbrannte, war die Bundeslade seinen Augen entzogen, Gott gestattet keinem Ungläubigen, sie zu sehen.“ – „Also[150] ist die Bundeslade immer noch da und, wie früher, nur den Falascha sichtbar?“ – „Wer hat Ihnen dieses Märchen erzählt?“ – „Ich las es“, sagte ich. – „Ihr wisst nur bei euch, was den Reisenden unwissende Leute mittheilten. Die Wahrheit verkündet nur, wer sie hat. Wir, die Diener des Höchsten, sind im Besitze des Schatzes. Die echte Bundeslade ist allerdings hier: keineswegs eine gewöhnliche Nachbildung, wie man sie im innersten Raum (im Allerheiligsten) der Kirchen findet, sondern eingemauert in der Kirchenwand, und blos mittels einer nur uns bekannten Thür kann man zu ihr gelangen.“ – „Würde es mir nicht gestattet sein, o heiliger Vater, dieses altehrwürdige Denkmal des Bundes zwischen Gott und dem erwählten Volke zu sehen?“ – „Unmöglich. Nicht einmal der Kaiser, nicht einmal der Etschege, ja, nicht einmal der Abuna bekommt die Bundeslade zu sehen, sie würden auch gar nicht den Anblick derselben ertragen können!“ – „Aber, o höchster Priester, ist denn nicht den übrigen Geistlichen der Kirche der Anblick der Bundeslade vergönnt?“ – „Nein, nur mir, dem Hüter derselben, und meinem Nachfolger, wenn ich sterbe. So war es vor Tausenden von Jahren, und so wird es bis zum Jüngsten Tage sein!“ – „Wenn nun aber Gott nach seinem unerforschlichen Rathschlusse Ihrem Leben ein plötzliches Ziel setzt, wie erfährt dann der neue Nebreïd den geheimnissvollen Zugang der Bundeslade?“ – „Sehen Sie hier“, sagte er, indem er an blauseidener Schnur eine kleine silberne Kapsel aus seinem Gewande hervorzog, „diese Kapsel trug Moses selbst. Mein Testament liegt darin oder vielmehr nur die Anweisung, wie man zum Eingange der Kammer gelangt, in der sich die Bundeslade befindet.“ – „Sie sind also, o heiliger Erzpriester, eigentlich der rechtmässigste Nachfolger Moses’ und jedenfalls noch mehr als dieser, weil Sie zugleich sich der Segnungen Christi erfreuen.“ – Diese Worte riefen beim Nebreïd eine grosse Befriedigung hervor. „Habt ihr gehört, meine lieben Gefährten, was der Fremde sagt? Merkt euch seine Worte, sie sind voll innerer Wahrheit und fordern zum Nachdenken auf.“ Einer grössern religiösen Auseinandersetzung hörte ich aufmerksam zu, ohne jedoch durch neue Fragen zu unterbrechen. Lag nun auch hier wieder Betrug oder Selbsttäuschung vor? So dachte ich bei mir selber, kam aber schliesslich zu dem Resultate, dass es beim Glauben auf ein wenig mehr oder weniger nicht ankommt. Mögen die Abessinier mit ihrem Glauben passiren. Ob sie damit aber auf eine hohe Stufe der Güte und Gesittung gelangen, ist eine andere Frage.
Obgleich ich die Kirche schon besah, sollte ich sie doch noch einmal besehen. Jetzt gewissermassen in Procession. Der Nebreïd, dessen Herz ich durch meine Fragen und besonders durch mein andächtiges Anhören seiner weisen Worte gewonnen zu haben schien, machte selbst den Führer, so schwer ihm das Gehen auch wurde. Die von den Portugiesen wiedererbaute Kirche von Aksum ist länglichviereckig. Das Dach tragen vier dicke Säulen. Eine Art Bundeslade ist auch darin, aber nur, wie man sie in allen andern abessinischen Kirchen vorfindet. An den Wänden sieht man halb verwischte Frescogemälde, in einer vordern Abtheilung einige grosse mit Elfenbein ausgelegte Kirchenstühle und Kircheninstrumente. Von einer besondern Ausschmückung bemerkt man nichts. Im Gegentheil, das Innere der Kirche ist äusserst unsauber und schmuzig. Vergebens suchte ich beim Rundgang den geheimnissvollen Eingang zur Bundeslade zu erspähen, der Nebreïd verrieth durch nichts, woraus man hätte darauf schliessen können. Betrachtet man die gar nicht starken Wände der Kirche, so entdeckt man auch nirgends eine Stelle, welche dick genug wäre, um eine ganze Kammer in sich bergen zu können.