Gleich nach dem Rundgang verabschiedete ich mich vom Nebreïd. Inzwischen waren auch meine Leute mit sämmtlichem Gepäck vom Lager heraufgekommen, sodass ich noch am selben Tage meine Reise nach Adua fortsetzen konnte. Längs des Berges dahinreitend, hatte ich aber noch nicht einmal den von Salt zuerst entdeckten Stein mit der Inschrift erreicht, als ein Bote nachgesprengt kam mit der Bitte, halt zu machen.
Ich benutzte die Verzögerung, um auch die andern Steine einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen, fand auch eine zweite Steinplatte, welche Spuren von Inschrift zeigte, aber auch nur Spuren. Ich war erstaunt, als nach einigem Warten zehn Priester mit Geschenken des Nebreïd kamen. Obwol der gute Mann mir täglich Lebensmittel und Tetsch die Menge geschickt hatte und keineswegs so schöne Geschenke von mir erhielt, wie ich sie andern hohen Personen zu ertheilen pflegte, wollte er mir doch noch einen Beweis seines Wohlwollens geben. Die Geschenke bestanden in einem Ochsen, einem Zicklein, in Gerste, Honig, Butter, Brot, Tetsch etc. etc. Dazu noch einmal sein Segen, dessen Empfang ich mit gebührenden Dankesworten, aber auch, um ihn noch wirksamer zu machen, mit einer Summe funkelnagelneuer Thaler bestätigte. Wären unter den Geschenken des Nebreïd nur auch Bücher, besonders geschichtlichen Inhalts, gewesen! Ich wenigstens konnte nichts davon in Aksum auftreiben. Wenn dergleichen Bücher existirten, gingen sie bei früherer Gelegenheit zu Grunde. Lalibala dürfte der einzige Ort sein, wo man jetzt noch werthvolle Bücher antrifft. Vielleicht auch Debra Damo, welches man trotz seiner scheinbaren Unersteiglichkeit einigemal wahrscheinlich durch Verrath einnahm. Aber bei solchen Gelegenheiten nimmt man alles mit, auch Bücher und Manuscripte und, einmal herausgerissen aus ihrem Heiligthum, gehen sie nur zu leicht dem Untergang entgegen. Anders die Stadt Lalibala, welche bisjetzt nie einer Plünderung ausgesetzt gewesen ist, daher lässt gerade dieser Umstand interessante Manuscripte daselbst vermuthen.
Schliesslich noch einige Bemerkungen hinsichtlich der Einwohnerschaft Aksums, welche die Aduas und Gondars übersteigen möchte. Die Krankheit, welche erstere Stadt so schwer heimsuchte, scheint in Aksum keine merkbaren Menschenverluste hervorgebracht zu haben. Auch litt Aksum nicht zu sehr durch die Plünderung Theodor’s, der sich einen „Gottgesandten“ nannte, welchen Ausdruck viele Abessinier mit „Gottesgeisel“ vertauschten. Ausserdem erhält die Stadt beständigen Zufluss von Auswärtigen, welche ihr Leben gern in unmittelbarer Nähe eines so grossen Heiligthums beschliessen möchten. Die vielen in den niedern Graden sämmtlich verheiratheten und meistentheils verhältnissmässig gutgestellten Geistlichen tragen ebenfalls zur Vermehrung der Bevölkerung bei. Wenn auch nicht so zahlreich wie in Gondar, leben doch wol beständig 800 Priester in Aksum. Dazu kommt, dass alle übrigen abessinischen Geistlichen es für eine heilige Pflicht erachten, wenn nicht wegen der grossen Entfernung nach Jerusalem, doch wenigstens einmal im Leben nach Aksum zu pilgern. Infolge dieser Verhältnisse bekommt die Stadt, um uns so auszudrücken, ein gewisses internationales Gepräge, insofern hier stets Leute aus allen Theilen Abessiniens zusammentreffen. Natürlich macht sich da auch eine gewisse, durch viele Geistliche und Fremde erzeugte Wohlhabenheit bemerklich.
Man lebt in Aksum etwas lustiger als in Adua, aber nicht lustiger als in Gondar. Was sollen die Leute auch anfangen? Der Erwerb ist leichter als in den übrigen Städten, und das durch wenig Mühe Erworbene pflegt man ja ebenso sorglos bald wieder zu verthun.
Es befremdet vielleicht, wenn ich für Aksum 5000 Seelen veranschlage, aber die eben angeführten Gründe bestimmen mich dazu.
FUNFZEHNTES KAPITEL.
VON AKSUM NACH MASSAUA.
Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten Spiele. – Mr. Baraglion. – Herr Abarguez de Sosten. – Ein abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren Mitteln. – Aeusserst wenige Geisteskranke und körperlich Verkrüppelte in Abessinien. – Ein Räuberhauptmann. – Eine merkwürdige Begegnung. – General Gebro. – Eine Gerichtssitzung. – Gefangennahme mehrerer Diener des französischen Consuls. – Das Bisen-Kloster und dessen Beschreibung von Alvares. – Das Thal von Genda. – Zurücksendung der abessinischen Bedeckung. – Der Gouverneur von Massaua sendet freundlichst eine Compagnie Soldaten entgegen. – Ein mächtiges Gewitter. – Ankunft in Massaua. – Schmerzlicher Abschied von den Abessiniern. – Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer Diener.
Der Weg von Aksum nach Adua ist nicht nur malerisch schön – das versteht sich eigentlich in Abessinien überall von selbst – sondern verhältnissmässig recht belebt. Der Austausch der beiden grossen Städte unter sich trägt zur Belebung bei, ausserdem ist aber auch die Umgegend an und für sich besser bevölkert. Man geht zuerst bis auf halbwegs nach Adua längs der Bergkette, an deren Fusse Aksum liegt, und da man fast in gerader Ostrichtung vorgeht, bleibt das Gebirge nördlich vom Wege liegen, während rechts der Blick über schöne Ebenen streift, aus welcher riesige Berge hervorragen: Duksa Amba und der imposante Zuckerhut Damo Galila. Ad Jesus, eine zwischen Kolqualbäumen versteckte Kirche, gilt als die Hälfte des Weges, aber genau genommen ist sie es nicht. Oestlich davon auf dem Sporn zwischen Ad Jesus und Bit Johannes findet man wundervolle Opale, welche dermaleinst in Europa Verwerthung finden dürften, besonders in den grossen Schleifereien von Oberstein, wo man jetzt den Bedarf dem viel entferntern Brasilien entnimmt.
Der Priester von Bit Johannes, dessen Kirche malerisch auf der höchsten Bergspitze liegt, lud mich schon früher, als ich in Adua war, zu sich ein. Jetzt hatte er sich nebst andern Geistlichen am Wege aufgestellt und bot mir Tetsch, Brot, Butter, Milch und Honig zum Geschenk. Wir schwelgten in der That fortwährend in Ueberfluss, und meinen Leuten schmeckten diese Gaben aus frommer Hand natürlich doppelt so gut.