Bald kam Adua in Sicht. Schon von weitem erglänzten die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen, und namentlich funkelte im heitern Sonnenschein der echt vergoldete, von einem Kreuze überragte Janitscharenmusikschmuck, den der Negus den Aegyptern in der Schlacht von Gura abnahm und auf der neu errichteten Siegeskirche anbringen liess.

Schimper kam mir entgegen; ich machte halt und errichtete mein Lager auf dem rechten Ufer des Mai Gogo, etwa gegenüber der Stelle, auf welcher ich lagerte, als ich nach Debra Tabor reiste. Meine anfängliche Absicht, gleich am folgenden Tag weiter zu ziehen, da mich nichts in Adua hielt, gab ich auf, weil Kaisers Geburtstag auch von unsern Abessiniern sollte gefeiert werden. Wie oft schon beging ich diesen festlichen Tag in Afrika, und zwar stets so glänzend, wie es die Verhältnisse gestatteten! Mit türkischen Soldaten, mit Beduinen, mit Deutschen inmitten der unbewohnten Libyschen Wüste! So durfte denn auch diesmal der Tag nicht ohne Sang und Klang vorübergehen.

Ich liess mit Sonnenaufgang die deutsche Flagge entfalten – sonst geschah das nur Sonntags – und mit Flinten und Revolvern in schnell und regelmässig nacheinanderfolgenden Pausen 101 Schüsse abfeuern. Ausser einem Geldgeschenk erhielt das ganze Lager, selbst die Bettler und Reisenden, die mich noch immer in grosser Zahl umlagerten, eine grosse Quantität Tetsch. Auch die Fremden, welche kamen, um sich das Lager anzusehen, waren von meiner Bewirthung nicht ausgeschlossen. Nachmittags wurden Spiele und namentlich ein Wettlaufen mit Hindernissen angeordnet. Es handelte sich darum, das rechte 4–5 m tief in Humus und Lehm eingeschnittene Ufer des Mai Gogo zu gewinnen. Also über das an und für sich schon zerrissene Erdreich hinüber durch das Wasser des Mai Gogo hindurch zu seinem Ufer hinauf und von da wieder herunter zum ersten Ufer empor und zum Lager zurück – man kann sich denken, welche lustigen Vorfälle und Verwickelungen da stattfanden!

Auch das Sacklaufen oder in Ermangelung einer genügend grossen Anzahl von Säcken das Hüpfen mit zusammengebundenen Füssen, ferner das Topfschlagen, Tauziehen, Klettern und sonstige noch nie in Abessinien aufgeführte Spiele belustigten nicht nur die Diener, sondern, verlockt von den Geldpreisen oder andern Gaben, welche dem Gewinner zufielen, nahmen auch Bewohner Aduas theil an den Spielen, und mancher zog mit einem hübschen Sümmchen davon.

Schimper, Monsieur Baraglion und ich hielten aber eine Festtafel ab, welche um so luxuriöser ausfiel, als ersterer mit einer Flasche jerusalemer Wein angezogen kam, sodass wir den Toast auf den Kaiser in wirklichem Wein trinken konnten. Auch Mr. Baraglion stiess aus vollem Herzen mit an: „Ihm, dem Deutschen Kaiser, verdanke ich“, sagte er taktvoll, „dass ich nun mit all meinem Vermögen in Sicherheit Abessinien verlassen kann.“ Und das war auch wirklich der Fall.

In Adua kam ich diesmal nicht hinein. Den Gouverneur zu besuchen fühlte ich mich nicht veranlasst, da er mir das letzte mal keinen Gegenbesuch machte und sogar Schimper’s Abreise mit mir verzögerte. Er schickte nur die üblichen Lebensmittel, und ich ihm als Gegengeschenk Branntwein, nach Schimper’s Meinung das Liebste, was ich ihm bieten konnte. Und so lag denn dem letzten Theile meiner Rückreise von Adua aus nichts im Wege. Ja, eigentlich verlässt man mit Adua schon das rechte Abessinien, das echte alte Aethiopien.

Meine Karavane wurde nun merklich kleiner. Allerdings hatte ich immer noch meine militärische Bedeckung und meine eigene Dienerschaft. Viele Bettler blieben aber zurück, weil sie richtig urtheilten, dass sie in Adua eher Gelegenheit finden würden, sich wieder als Reisebettler anzuschliessen, als im Norden von Hamasen oder gar in Massaua.

Am Abend vor meiner Abreise bezog auch Mr. Baraglion das Lager. Er hatte zur Tragung seines Gepäckes nur einige Esel, und so bat er mich, sein baares in den letzten Zeiten noch erspartes Geld in meine Koffer zu verschliessen. Mr. Baraglion machte den ganzen Weg von Adua zu Fuss und schien trotz seines Embonpoint keineswegs Beschwerden davon zu spüren. Abends schlug er mit Hülfe seiner beiden Diener sein kleines Zelt auf und kochte seine Abendmahlzeit, wozu ich ihm regelmässig aus meinen Lieferungen das nothwendige Fleisch und Brot schickte.

Zum ersten mal seit meiner Anwesenheit in Abessinien begegnete ich am Tage meiner Abreise von Adua, kaum eine Stunde Weges davon, Europäern. Es war Herr Abarguez de Sosten[151] mit seinem Diener. Nach einigen freundlich ausgetauschten Worten theilte mir Herr Abarguez mit, dass er Zeitungen und Briefe für mich habe, weshalb ich sogleich zwei meiner Abessinier bei ihm zurückliess, um sie mir zu überbringen. Leider aber hatte Abarguez gar keine Lastthiere, da seine Mittel zum Ankauf derselben wahrscheinlich nicht ausreichten. Wenn man aber nur auf abessinischen Regierungstransport angewiesen ist, vergehen Wochen, ehe das Gepäck an Ort und Stelle gelangt. Wenn ein besonderer Befehl des Kaisers zu schneller Beförderung vorliegt, oder wenn man die Provinzialgouverneure durch Geschenke geschmeidig macht, geht die Sache noch an. Aber diese Voraussetzung schien bei dem spanischen Reisenden zu fehlen, denn sein ganzes Gepäck lag zerstreut an der Strasse, oft nicht einmal in den Ortschaften, sondern unter irgendeinem Baum: von Adua bis Asmara. Und so musste Abarguez wochenlang auf die Ankunft seines Gepäckes in Adua warten. Meine Post bekam ich erst in Massaua, denn zum Unglück für mich hatte er sie in einen Koffer eingeschlossen, den man ihm als einen der letzten nach Adua trug.