Ich weise nochmals darauf hin, dass die Dieberei in Abessinien nicht so häufig ist, wie man gewöhnlich annimmt. Denn all das Gepäck des Herrn Abarguez, welches zerstreut hier und da, ganz allein ohne Wache auf der Strasse lag, kam richtig in seinen Besitz. Es ist wahr, sobald das Gepäck einer Ortschaft oder den Trägern einer Ortschaft übergeben ist, übernehmen diese die Verantwortung. Wenn man aber bedenkt, wie häufig Räuber und Rebellen in Abessinien das Land unsicher machen, so ist es sehr wunderbar, dass so wenig verloren geht.
Beim Weiterreiten begegnete ich Herrn Mitzaki, hellenischem Consul in Sues, welcher als Ueberbringer des Erlöserordens für den Negus Negesti zum zweiten mal nach Abessinien kam und mir mittheilte, dass auch Herr Raffray im Begriff stände, nach Abessinien zu reisen.
Ende März bemerkt man schon eine bedeutende Veränderung in der Natur: Alles wollte grünen und sprossen, und täglich noch vor Beginn der eigentlichen Regenzeit hatten wir Gewitter. Welch einen Reiz gewährt dieses neue junge, zumal im tropischen afrikanischen Alpenland wunderbar sich entfaltende Grün! Auch die Fauna zeigte ein fröhlicheres Leben, und es war, als ob hinter den Menschen der Frühling selber stände, der sie zum Pflügen und Säen anregte, wie man auch überall sah. Im Süden von Abessinien freilich pflügen, säen und ernten sie das ganze Jahr hindurch.
Bis Ad Dochali ganz derselbe Weg wie auf der Herreise. Dann aber bogen wir etwas nordwestlich ab, direct auf den imposanten Bergstock Dabamatta[152] zu. Wir liessen also diesmal Godofelassi östlich liegen. Als wir etwa 2 km östlich vom Orte Kesadaro lagerten, welcher am Fusse des Dabamatta liegt, lernten wir, fast an der Quelle desselben, im Dabamatta-Bach eine berühmte Heilquelle, ein abessinisches Bad[153], kennen.
Der Dabamatta-Bach entspringt aus Wiesengewässern am Fusse des Dabamatta selbst und stürzt sich dann, nachdem er sich langsam durch die Wiese geschlängelt, urplötzlich in eine steilabfallende Schlucht, welche ganz eng mit senkrechten Felswänden beginnt und sich allmählich zu einem Thal erweitert, welches bei Teramne vorbeigeht, um in den Mareb zu münden. Die urplötzlich auftretende Steilheit des Flussbettes dürfte wol dafür sprechen, dass wir es hier mit einer Auswaschung nicht zu thun haben, sondern mit einer Spaltung der Erdoberfläche. Obschon das Gestein seiner Beschaffenheit nach Trachyt ist, hat sich eine dicke Kalkschicht darauf abgelagert, welche dort, wo das Wasser darüber hinrieselt, zum Theil Tropfsteingestalt annahm. Natürlich veranlasste das Bächlein einen kleinen Wasserfall, der bei jähem Regenfall oder während der Regenzeit recht hübsch sein wird. Kolossale Sykomoren beschatten den Beginn dieses Spaltes, der noch merkwürdiger dadurch wird, dass sich unter seinem Rande grosse Höhlungen befinden, von denen man eine ohne viel künstlerische Beigabe zu einer Kirche einrichtete. Einige dieser Höhlen haben schöne Tropfsteinbildung. Leider konnte ich dieselben nicht besuchen, da die dazu führenden Wege so steil, abschüssig und Schwindel erregend sind, dass eine abessinische Natur dazu gehört, um sie benutzen zu können.
Die eigentliche Heilquelle hat gewöhnliche Temperatur, wirkt also wol besonders durch ihre mineralischen Bestandtheile, wenn anders nicht die ganze Heilkraft derselben auf Glauben beruht. Denn von Geschmack und Farbe spürte man nicht das Geringste. Dennoch war die Frequenz der Heilsuchenden so gross, dass sie die Anwesenheit mehrerer Aerzte erforderlich machte. Die Badenden – es mochten einige Hunderte sein – benutzten grosse natürliche, im Grunde der Schlucht befindliche Wasserbecken, in welchen sie einen halben, oft gar einen ganzen Tag blieben. Nach der grossen Mannichfaltigkeit der Krankheiten zu urtheilen, müsste das Wasser eine Universalheilkraft besitzen.
Die Aerzte, von welchen einer sich eines Rufes erfreut, der durch ganz Abessinien geht, sind von Haus aus Priester. Die neben dem Bade befindliche Kirche[154] gehört ihnen und wird von ihnen bedient. Möglich, dass die Kirche erst Veranlassung zum Bade gab. Irgendein erfinderischer Kopf verordnete den Genesung Suchenden nach dem üblichen Kirchgang ein Bad, welches mit seiner reinigenden Wirkung den ersten wohlthätigen Einfluss ausübte. Der eigentliche Finder, wenn ich so sagen darf, soll übrigens der fromme Aba Mata selbst gewesen sein. Eine etwas grössere Hütte für Aussätzige befand sich ebenfalls hier, aber weiter stromabwärts. Ich hebe dies besonders hervor, weil verschiedene Reisende behaupteten, dass man Leprose nicht absondere, sondern frei herumgehen lasse. Die Abessinier sind ein viel zu mosaisches Volk, um sich so etwas zu erlauben.
Der oberste Arzt, der unverheiratet war, weil er einen höhern geistlichen Rang bekleidete, erwiderte auf meine Frage, womit man die Leprosen sonst noch behandle: „Wir verordnen ihnen, ausser den langen Sitzungen im Bade, Sassaparille; namentlich aber erfolgt die Heilung durch Amulete, welche um den Kopf getragen werden müssen.“ Also ein ähnliches Heilverfahren wie bei den Arabern, Berbern und Türken. Ich fragte ihn ferner, ob er bei einem solchen Heilverfahren Erfolge erziele? worauf er mit der grössten Kaltblütigkeit sagte: fast nie!
Auch viele mit Syphilis Behaftete bemerkte ich, obschon keineswegs in so schlimmen Formen, wie man sie in West-Algerien und Marokko unter den Eingeborenen antrifft. Diese Krankheit ist sehr verbreitet in Abessinien, tritt aber mehr unter primären Erscheinungen auf, und bei einigermassen rationeller Behandlung, wie Schimper mir sagte, erzielt man leicht Heilung. Aber leider verlassen sich die Abessinier wie hier so in allen Krankheitsfällen nur auf ihre Priester (die, wie gesagt, allerdings zugleich die Heilkunde handwerksmässig betreiben), welche in dieser Beziehung den grössten Unsinn machen. Man wird doch Syphilis nicht durch Gebete und Amulete heilen können! Das sind aber die am meisten angewandten Mittel. Oft heilt das Uebel durch die Zeit, auch Sassaparille wendet man dagegen an; Quecksilber erst in neuerer Zeit, aber ohne Vermittelung des Priesters bei Gott ist kein Erfolg da. Man denke sich: Arzt und Priester in einer Person! Wie einflussreich wird dadurch der Mann, namentlich wenn ihn bei seinen Curen das Glück begünstigt!
Auch Grindige waren vorhanden, welchen man den Kopf rasirte, ohne Heilung zu bewirken. Wie auch? Gebete, Amulete, Weihwasserbesprengungen, welche die medicinische Geistlichkeit anwendet, sollen helfen! Anspucken gehört auch mit zu den beliebten Mitteln, namentlich in Augenkrankheiten, die übrigens bei weitem nicht so häufig sind wie in Nordafrika, wo die Menge Staub die vielen Augenkrankheiten erklärlich macht. Sicher würde Reinlichkeit dagegen helfen. Aber niemand wäscht sich in Abessinien. Alt und jung legt sich reichlichst Butter aufs Haupt, um dadurch, wie sie meinen, das Ungeziefer fern zu halten; auch die Jungfrauen legen auf, aber wozu? da sie ja den Kopf bis auf einen zwei Finger breiten Haarstreifen abrasiren. Nun schmilzt die Butter, vermischt sich mit dem jahrelangen Schmuz der Haut, fliesst über Nacken und Gesicht herab und erzeugt auf diese Weise häufig genug jene Augenübel, gegen die man das Dabamatta-Bad besonders rühmt. Aber das reine Wasser wird wol die Hauptsache dabei sein und nicht das auch hier übliche Anspucken der Augen.