Nur zwei Krankheiten behandeln die Abessinier vernünftig: Taenia und filaria medinensis. Letztere entfernen sie durch langsames Herauswinden um ein rundes Hölzchen. Von der allmonatlichen, bei manchen allzweimonatlichen Kusso-Cur gegen Bandwurm sprach ich bereits, der jedoch eigentlich gar nicht als Krankheit angesehen wird. In dieser Beziehung gehen die Abessinier so weit wie die rechtgläubigen Fesanar hinsichtlich der pediculi hominis, beide halten das Nichtvorhandensein dieser Parasiten für eine Schande.
Und welche medicinische Schätze mögen gerade in der Pflanzenwelt Abessiniens noch verborgen sein! Ja, ich bin überzeugt, dass in weit abgelegenen Ortschaften, welche nicht so sehr unter dem Einfluss der Priester stehen, die Einwohner manche heilkräftige Pflanzen kennen, welche dermaleinst eine grosse Rolle spielen werden. Ist doch das kräftigste Bandwurmmittel: Kusso Brayera anthelmintica erst seit den dreissiger Jahren durch Dr. Brayer, einen französischen Arzt in Konstantinopel, aus Abessinien eingeführt. Aber wie soll man durch Erforschung und Ausprobiren Mittel kennen lernen, wenn man sich, wie die abessinischen Priester-Doctoren, seit tausend Jahren darauf beschränkt, Krankheiten durch Gebete, Zauberformeln, Amulete, Anspucken und Prügeln zu beseitigen!
Ja, man prügelt auch gewisse Kranke in Abessinien: man prügelt die Epileptischen oder, wie man dort nach biblischer Weise sich ausdrückt, die vom Satan Besessenen. Den Teufel will man auf diese Weise austreiben! Leider geschieht das hier und dort auch in Europa.
Wie in allen wenig civilisirten Ländern gibt es in Abessinien gar keine oder doch äusserst wenige Geisteskranke. In früherer Zeit pflegten sich die Kaiser Hofnarren, in der Regel Zwerge, zu halten, aber von einer Verrücktheit dieser Leute hörte man nie etwas. Auch körperliche angeborene Verunstaltung sieht man in Abessinien sehr selten, wie denn z.B. Buckelige zu grossen Ausnahmen gehören.
General Plata Gebro, der jetzt in Abwesenheit Ras Alula’s die Grenzarmee gegen die Aegypter commandirte, schickte uns schon von Dabamatta Soldaten entgegen. Oestlich von Teramne hatte sich nämlich ein Räuberhauptmann in die Mareb-Schluchten geworfen und brandschatzte von hier aus das Land. Er gehörte zu einer der ersten Familien von Tigre, war sogar nahe verwandt mit dem Negus Negesti, weshalb die Provinzialgouverneure und Districtscommandanten es für rathsam hielten, mit nicht allzu grosser Strenge gegen ihn vorzugehen. Er plünderte und brandschatzte übrigens nur fremde Karavanen. Kaufleute, die von Gondar kamen und von Massaua heimkehrten, mussten mit hohen Zöllen sich freien Durchzug erkaufen oder wurden eingekerkert, geprügelt, auch wol getödtet. Den umwohnenden Leuten that er nichts, und da er sehr fromm war, der Geistlichkeit öfters Geschenke machte, erfreute er sich eigentlich des besten Rufes, welcher ihm selbst in den Kreisen des Negus Negesti und seiner Generale nicht fehlte, denn er hatte – so behauptete man – eigenhändig Dutzende von Aegyptern entmannt. Balata Gebro, welcher fürchtete, dass er mich angreifen möge, schickte mir daher noch 20 Soldaten.
Wir finden also auch hier wieder ganz dieselben Zustände, wie sie vor einigen hundert Jahren in unserm eigenen Vaterlande und in den übrigen Ländern Europas stattfanden. Irgendein Reichsgraf, un barone, an earl oder un marquis, vielleicht nahe Verwandte ihrer Fürsten, lagerten am Wege, raubten, zollten, plünderten und mordeten ungestraft. Diese „guten alten Zeiten“ sind nun lange dahin. Warum also sollen nicht auch in Abessinien bessere Tage kommen? Wenn es dem Lande, dem Volke gelingt, sich von den Fesseln und Anschauungen der Geistlichkeit zu befreien, wenn es gelingt, dort Gesetze einzuführen und diese ohne Ausnahme für alle geltend zu machen, dann erst kann es auch in Abessinien besser werden. –
Beim Dorfe Ad Saul erreichten wir wieder die alte Strasse und campirten auf demselben Lagerplatze, welchen wir auf der Hinreise innehatten. Zuvor aber begegneten wir, wie sich erweisen wird, einem sehr eigenthümlichen Manne.
Schon von weitem bemerkte ich, dass der uns Entgegenreitende ein vornehmer Mann sein müsse. Auf einem prächtig geschirrten Maulthier sass er, vor ihm gingen zahlreiche Diener, alle gut bewaffnet, einige sogar mit Gewehren neuester Construction. Ein Priester folgte unmittelbar hinter ihm. Bagage, welche zum Theil Maulthiere, zum Theil Menschen trugen, Weiber mit Tetschtöpfen, Männer mit Brotkörben auf den Köpfen deuteten auf Reichthum; ein Knabe mit einem Tetschhorn, ein anderer mit einem Hornbecher im Lederfutteral auf Luxus. Dann kam eine elegant gekleidete Dame mit wundervoll gestickten Hosen und ebenso elegantem Untergewand, umwunden vom buntseidenen Margef und von weiblichen Dienern umgeben, welche seine Frau oder Tochter zu sein schien. Viele mit Speeren, schönen alten Silberschilden und krummen Säbeln bewaffnete Diener schlossen den imposanten Zug. Der vornehme Mann, einfach im Margef, aber ohne Ehrengewand gekleidet, trug eine schwarzseidene Binde, musste also wol augenkrank sein. Ein Krieger führte sein Maulthier am Zaum. Wir grüssten uns im Vorbeireiten, nahmen aber weiter keine Notiz voneinander. Bald darauf kam Schimper athemlos und in grosser Aufregung zu mir herangeritten.
„Ist Ihnen nicht eben ein vornehmer Abessinier begegnet?“ fragte er, nachdem er sich etwas gesammelt. – „Gewiss“, erwiderte ich, „dort sehen Sie die letzten seines Gefolges hinter den Bergen verschwinden.“ – „Oh, Sie wissen nicht! Glücklich, dass mich, wie es scheint, keiner von seinem Gefolge erkannte, und er selber – er konnte nicht sehen, er ist geblendet.“ – „Wer, wer ist geblendet?“ fragte ich. – „Der vornehme Mann. Doch Sie wissen nicht – ja, es ist mein Schwager, oder vielmehr er war es – Dedjadj Abba Kessi heisst er.“ – Hierauf erzählte mir Schimper, nachdem er sich etwas beruhigt, Folgendes:
„Sie erinnern sich wol, dass mein Vater eine Zeit lang unter Ubieh Gouverneur in Entitscho war, wo er Versuche mit Einführung der Kartoffeln machte, die auch vorzüglich gediehen und bei besserer Unterstützung sich leicht über ganz Abessinien hätten verbreiten können. Theodor enthob meinen Vater der Statthalterschaft, nicht aus Unzufriedenheit mit ihm, sondern weil er ihn in seiner Nähe haben wollte. Meine Aeltern, Geschwister und ich befanden uns in Magdala, als die Engländer die Festung erstürmten. Damals bei meinen Aeltern lernten Sie meine Schwester kennen: ein zu einer blühenden Jungfrau herangewachsenes funfzehnjähriges Mädchen, in den Augen der Abessinier um so schöner, weil sie sich durch besonders weisse Hautfarbe auszeichnete und langes schlichtes Haar trug.“ – „Gewiss“, rief ich, „alles das weiss ich und Ihrer Schwester erinnere ich mich recht gut.“ – „Gut“, fuhr er fort; „nach Abzug der Engländer, mit welchen ich nach Europa kam, erhielt Abba Kessi von Kassai, damaligem Prinzen von Tigre, jetzigem Kaiser von Abessinien, die Statthalterschaft. Meine Aeltern und Geschwister lebten aber ganz zurückgezogen in Adua. Abba Kessi kam nun häufig, um sich bei seinem Vorgänger in der Statthalterschaft über dies und jenes Raths zu holen, wodurch sich ein freundschaftliches Verhältniss gestaltete, zumal sich Kessi sehr eifrig für die von meinem Vater begünstigten Kartoffelanpflanzungen interessirte. Bei seinen öftern Besuchen mochte er wol meine Schwester gesehen und für sie eine heftige Leidenschaft erfasst haben. Eines Tages wieder in Adua, wohin er sogar einen grossen Sack von ihm angebauter Kartoffeln für meinen Vater mitbrachte, entführte er mit Hülfe mehrerer Diener meine Schwester, die er knebeln, aufs Pferd setzen und im gestreckten Galop hinwegführen liess. Als mein Vater von der Entführung hörte, war der Gouverneur schon ausserhalb Verfolgungsweite. Sie können sich vorstellen“, fuhr Schimper fort, „wie unser ganzes Haus in Aufruhr gerieth. An Verfolgung konnte man nicht denken, selbst wenn sich der Gouverneur von Adua, die ganze Stadt für uns interessirte. Prinz Kassai war fort in Hamasen. Uebrigens kam schon nach zwei Tagen die überraschende Nachricht, Abba Kessi habe sich mit meiner Schwester kirchlich trauen lassen. Und wenn Sie wissen, dass jetzt in Abessinien die meisten Ehen ohne kirchliche Einsegnung geschlossen werden, so hatte mein Vater allen Grund, zufrieden zu sein. Auch eine vor dem Gesetze gültige Civilehe gibt es bei uns im Lande nicht, sondern eigentlich nur ein freiwilliges Zusammenleben von Mann und Frau, von Jüngling und Jungfrau. Abba Kessi war von angesehenster Familie, reich von Haus aus, Provinzialgouverneur, was wollte man mehr? Und da noch dazu meine Schwester ganz zufrieden war, gab mein Vater die Einwilligung und eine Versöhnung fand statt.