Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich die Verhältnisse mit den christlichen Mächten nicht gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah Frankreich sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine Flotte gegen Tripolis zu schicken, welches von seinem alten Piratenunwesen nun ein Mal nicht lassen wollte. Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen. 1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen Regierung für erlittene Unbill Genugthuung verlangen, und erhielt dieselbe. Im Jahre 1745 war der zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. Im Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von seinem jüngsten Sohne Jussuf getödtet, worüber ein blutiger Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber durch einnehmendes Wesen und Geldbestechungen sich einen so grossen Anhang zu verschaffen gewusst, dass Ali, um dem Kriege ein Ende zu machen, seinem Sohne, dem Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. Von anderer Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte bald schon die Regierung der Caramanli's beendigt. Ein Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in Tripolis und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung der Stadt. Keineswegs von der türkischen Regierung abgeschickt, scheint Ali Bugul geheime Unterstützung des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der 38nach Tunis geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe beim Bei, derselbe kam nach Tripolis, vertrieb Ali Bugul und setzte die Caramanli wieder ein. Ali Bugul floh nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe seinem zweiten Sohne Hammed, welcher aber gleich darauf vom Brudermörder Jussuf vertrieben wurde.
Während der französischen Expedition nach Aegypten, stand Tripolis im Geheimen zu den Franzosen, General Vaubois auf Malta, wurde während der Belagerung mit Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher durch die Drohungen der Engländer gezwungen, offen den Krieg an Frankreich erklären musste, instruirte er heimlich seine Corsaren den französischen Pavillon zu schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien aus Aegypten zu ziehen. 1801 wurde von ihm ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser, nach Tripolis geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am 18. Juni des Jahres Frieden. In den Stipulationen war hauptsächlich die freie Communication von Gütern und Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten betont. Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem Truppen machten jedoch diese Clausel überflüssig.
Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien de la Gravière der Regentschaft die Beschlüsse von Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und Tunis geschehen 39war, und Jussuf, besonders da man das Recht schwarze Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, nahm offen alle Bedingungen an. Es war hiemit ein grosser Schritt gewonnen. Denn durch diesen Vertrag bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen Mächte, wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, Hannover und Preussen, dieselbe Berechtigung wie die Fahrzeuge der Staaten, welche wie Oesterreich, Frankreich und England Verträge mit den Berberstaaten hatten. Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal die Piraterie aufgehoben war, so waren damit alle anderen demüthigenden Verträge auch vernichtet. Ich schreibe das Wort „demüthigend“, denn obwohl seit Jahrhunderten Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte die Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, und diese Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten dem Erdboden hätten gleichmachen können, so schlossen sie doch selbst die schimpflichsten Verträge ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, welche keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels hatten, gänzlich zu vernichten. Was sagt man dazu, dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen Frankreich und Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: „dass die Corsaren französische Pässe vom französischen Consul erhalten, um sie vor den französischen Kriegsschiffen zu sichern, dass sie in den französischen Häfen Schutz finden können, aber nur Prisen in der Entfernung 40von 10 Meilen vom französischen Ufer machen dürfen. Die französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe untersuchen, aber das Durchsuchungsrecht ist auch den Piraten für die französischen Kauffahrer gewährt.“ Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe, welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten als verfallen betrachtet wurden. Mit dem Jahre 1819 waren solche Zustände glücklicher Weise überwunden.
Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine Rebellion seines Sohnes, welcher Statthalter in Bengasi war, zu unterdrücken, und übermüthig geworden, glaubte er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch durch einen Agenten in Tripolis vertreten, und als dieser sich weigerte, das übliche Geschenk an den Pascha zu entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht lange, so erschien Admiral Sivoli mit sardinischen Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha, jetzt eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat unterhandeln, verlangte aber dummerweise zum Segen des Friedensschlusses gleich von vornherein die Summe von 30,000 Piastern. „30,000 Kugeln soll er haben,“ antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der Stadt begann sofort. Es versteht sich von selbst, dass 41die Sardinier nach kurzer Zeit erlangten, was sie wollten, der Stolz Jussuf's war gebrochen.
Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader vor Tripolis, um für erlittene Unbillen Genugthuung zu verlangen, aber nicht so energisch wie die Piemontesen, musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.
Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal die gewinnreiche Piraterie nicht aufgeben wollten, wurde der Regierung Jussuf's die meisten Unannehmlichkeiten bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst selbst ohnmächtig, seine Unterthanen gegen die mohammedanischen Seeräuber zu schützen, wandte sich an Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays eine Flotte, welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. Da aber Jussuf Pascha dem päpstlichen Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme zahlen musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten Chikanen an dem derzeitigen französischen Consul zu rächen. Zu der Zeit war im Innern der englische Reisende Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha scheute sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft dieses Mordes und namentlich des Besitzes der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau, der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten Widerruf erlangen konnte, strich er seinen Pavillon 42und schiffte sich nach Frankreich ein. Der darüber zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des Vorganges zur Folge, bei der sich die Unschuld des französischen Consuls auf's glänzendste herausstellte. Das französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection zu geben, und einen Monat später als die Einnahme Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel vor der Stadt und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber trotz der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen wurden. Frankreich trat hier als Fürsprecher der ganzen Christenheit auf, denn ausser den Entschuldigungen, welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen machen musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher Sklaverei und jeder Piraterie und die Abschaffung gewisser Geschenke, welche einige kleine Staaten noch leisteten, decretirt.
Zu diesen äusseren Complicationen, welche den Schatz des Paschas verminderten, und da sie immer mit einer Demüthigung für die Regierung Tripolis endeten, dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, kamen nun noch Revolten und Empörungen der eigenen Unterthanen, so dass man jetzt schon den Untergang des alten Jussuf's voraussagen konnte.
Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, empörte sich offen 1831, marschirte auf Fesan los, und 43bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf schickte seine Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie aber den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die Bergvölker, und zwangen sie zu einer eiligen Umkehr nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's voll zu machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter Dundas, und verlangte für rückständige Schulden an britische Unterthanen die Summe von 200,000 spanischen Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit gegeben. Da es ihm unmöglich war, diese Summe so schnell zusammen zu bringen, denn seine Geldnoth war so gross geworden, dass er sogar schon die bronzenen Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington seine Flagge ein und begab sich an Bord des Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich Jussuf verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer zu belegen. Diese, die von Alters her immer von allen Steuern frei gewesen waren und es auch noch sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren, antworteten sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie nicht stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, und zu seinem Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu spät war es jetzt, die Ordre für die Mschia zurückzunehmen, zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte, um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich für ihn erklärt hatten, zu setzen. Nichts half mehr, 44Die Mschia blieb in Revolte, und seine Söhne flüchteten sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten hatte, sah er doch ein, dass er den Umständen weichen müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes Ali Caramanli ab.[3]
Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit Ali in Verbindung, und auch Major Warrington, der englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis zurück, sobald er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt aber wie thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt war noch immer belagert) zu nehmen, bezog er sein in der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich also inmitten der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, dass dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften die Rebellen dadurch Hoffnung für ihre Sache, da sie mit Recht glaubten, England unterstütze ihre Sache. Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher Uisir von Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta befand, wurden sie überdies von dieser Insel aus mit Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel rüstete sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, man braucht wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, indess obschon die Schiffe vor Tripolis erschienen, konnten sie doch nichts Ernstliches ausrichten.
45Während so einerseits durch England unterstützt, die Rebellen der Mschia den Muth nicht verloren und fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann anderer Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen mit ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten zur Unterstützung nach Tripolis gesandt, und ein gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung und Hülfe an. In Bengasi hatte man sich vollkommen dem neuen Pascha unterworfen und Ali der Stadt seinen Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte Ali seinen Bruder Ibrahim zu Rhuma, und vereint brachen diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed Caramanli, der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch geschlagen, und wenn jetzt die vereinigten Consulate zu Ali Pascha gehalten hätten, wäre sicher bald die ganze Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von Jussuf Pascha unterworfen worden.