Aber England hat von jeher eine eigene Politik im Orient verfolgt; wobei die Hauptsache die war, die Türkei soviel wie möglich zu kräftigen, und gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der Pforte zu spielen, schon längst vorbereitet. Dass es sich dabei hauptsächlich darum handelte, den Einfluss Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, liegt auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst 46Algerien erobert, früher schon mal Aegypten besessen, war also mehr als irgend eine andere Macht von den Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.
Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen in die Hände gespielt. Eine geistige Suprematie der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch anerkannt, und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich durch Absendung von Geschenken nach Constantinopel bethätigt. Jetzt hiess es auf einmal, es sei Zeit, dass die Pforte intervenire, um dem Streite der Parteien ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne dieser Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, Schekir Bei, nach Tripolis, um Aufklärung über die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte nach Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde Ali Caramanli als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst eines grossherrlichen Firmans, und die Insurgenten zugleich aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese aber waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates in ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, nichts weniger als entmuthigt, hatten sogar die Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir Bei, die Stadt zu bombardiren.
Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine Flotte von Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis abgehen. Den europäischen Mächten wurde einfach mitgetheilt, es handle sich nur darum, Ali Caramanli in Tripolis 47Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von Nedjib Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und der türkische Befehlshaber setzte sich gleich mit Ali Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen seinem Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, gab zu, dass die Soldaten debarquiren und das Fort besetzen durften, und als er dann sich selbst, um Nedjib Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung vorgelesen und ihm gesagt, er würde nach Constantinopel transportirt werden. Am selben Tage noch verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur von Tripolitanien ernannte, liess die Thore der Stadt öffnen, und die Rebellion der Mschia war wie ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent, gleich nach Mesurata floh, und sich dort entleibte.
Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt und der nächsten Umgebung derselben waren, hatten sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft unterworfen. Angesichts der Eroberung Algiers durch eine christliche Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner der Nordküste Afrikas instinktartig, dass allein ein Anschluss an die nach ihrem Glauben allmächtige Dynastie der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale bewahren könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene in Tunis wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste der Furcht vor einer christlichen Eroberung die Waage 48halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch den festen Glauben an das Kalifat seiner Sultane. Und selbst die Niederlage von Isly konnte im marokkanischen Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, sich Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten hingegen war das Volk durch Unterdrückung und Sklaverei seit Jahren ganz unzurechnungsfähig geworden; was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren wir hier, schon lange vor 1835, in welchem Jahre sich die Pforte Tripolitaniens bemächtigte, ein allmäliges Fortschreiten auf der Bahn gänzlicher Unabhängigkeit.
Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit bewundern, mit der die Türken Tripolitanien zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz des ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen verlieren, dass die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, so sehr sie auch immer türkische Raublust und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der Nothwendigkeit der türkischen Herrschaft überzeugt waren.
Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb nur 3 Monate auf seinem Posten, ihm folgte Mehemmed Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste Massregel, welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden 49Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. Otman, von seinem Vorgänger zum Gouverneur von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt sich um diese Zeit ruhig im Besitze Fesans, und ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von Mesurata schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es auch sein Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein neuer Gouverneur geschickt, da die Pforte immer zu besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war Taher Pascha, der sich hauptsächlich durch seine Unverschämtheit gegen die Europäer auszeichnete, Intriguen mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn auch die Absendung einer anderen türkischen Flotte unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich wohl Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, dann auch den Bei von Constantine unterstützen sollte. Das französische Geschwader unter Lalande vereitelte dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den Auftrag von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass Frankreich auf alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten würde.
Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan Pascha. Derselbe erkannte Rhuma als Chef vom Djebel an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil, welcher 50sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien jährlich 25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan Pascha aber auch den rückständigen Tribut verlangte, wurden die Verhandlungen abgebrochen, und Abd el Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als aber 1840 schon in der Person von Asker Pascha wieder ein neuer Pascha als Gouverneur kam, wurde ein anderer Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische Piaster der Regierung entrichten sollte. Aber wie immer sind die Verträge mit den Arabern leicht gemacht, geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur Ausführung derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige ebenso wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien haben die Araberchefs fast alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit gegen die Franzosen damit zu beschönigen versucht, sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren des Islam keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr ein gegebenes Wort zu halten; verfolgen wir aber ihre Handlungen in Tripolitanien, so finden wir da gegen die Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft Wortbrüchigkeit.
Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte im Jahre 1841, weigerte sich sowohl Rhuma als auch Abd el Djelil, die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon nun der Vortheil immer auf Seiten der Türken war, 51welche eine wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie versehen, den unregelmässigen Araber-Reitern entgegensetzen konnten, so war es doch schwer, der beiden Chefs habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen bekannt, und überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, die den Türken gänzlich unbekannt waren, zudem zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische Infanterie und Artillerie nicht folgen konnte.
Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen konnte: eine schnelle Unterwerfung des Landes mittelst der Waffen, erreichte sie mit List, und England lieh bereitwilligst seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte herumstreifenden Abd el Djelil eine Zusammenkunft am Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata vor, und dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie es ihn früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli unterstützt hatte, ging bereitwilligst auf den Vorschlag ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung unterhielt der Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels, versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den Sklavenhandel in Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung Englands sicher sein könne. Welche Versicherungen Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir nicht im Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, dass Abd el Djelil gar nicht in seiner Macht hatte, den 52Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies dem englischen Consulate bekannt sein musste.—Kaum hatte er sich vom englischen Consul beurlaubt, als eine Armee Asker Pascha's, die heimlich herangerückt war, über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil wurde enthauptet, und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt auf dem Hauptthore Tripolis' zu sehen. Im selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch den Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan hatte sich gleich nach dem Tode Djelil's unterworfen, ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue Gouverneur nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel zu bekämpfen. Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, indem der Pascha mit Rhuma Unterhandlungen anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen eines freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber Rhuma, welcher wirklich der Einladung folgte, in der Stadt war, wurde er gefangen genommen und nach Constantinopel geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen Anhänger revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha mit einer Armee vom Gouverneur gegen sie abgeschickt, und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie sämmtlich bei dieser Gelegenheit hinrichten. 60 blutige Häupter konnte er nach Tripolis schicken. Zitternd und schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im Mai 531843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten dort einige Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, um so für immer jede neue Revolte gleich im Keime ersticken zu können. Und so geschah es auch im folgenden Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem alten Anhänger von Rhuma, noch einmal versuchten das Joch abzuschütteln. Nichts war seit dem Jahre 1845 mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien zu erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und unterworfen.
Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure nicht mehr so häufig gewechselt, erst 1846 wurde derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und während früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte so weit ging, dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, Familie und Harem mit nach Tripolis zu nehmen, wurde auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an die Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu lassen. So notiren wir denn, 1848 im December den neuen Gouverneur Iset Pascha, im September 1852 Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, 1859 Mahmud Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, und welcher 1865 von Ali Riza Pascha, welcher heute noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den Regierungen aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit[4] war überall, und Revolten scheinen auf immer 54den unterjochten Bewohnern Tripolitaniens vergangen zu sein.