Obgleich denn auch türkische Zeitungen pomphaft die Colonisationsangelegenheit beschrieben haben, so liegen uns aus Privatbriefen Nachrichten vor, dass schon Streitigkeiten mit den dort nomadisirenden Arabern ausgebrochen seien, hauptsächlich des Süsswassers wegen, das auch nur spärlich vorhanden ist.

Das gesellschaftliche Leben ist namentlich im Winter recht rege, obschon es sehr durch die Rivalitäten der verschiedenen Consulate gestört wird, im Winter 1868/69 wurde es aber noch sehr vermehrt durch den Aufenthalt von Alexandrine Tinne und später des Baron von Maltzan. Alexandrine Tinne, die kühne holländische Reisende, war gerade einige Wochen vor mir in Tripolis eingetroffen, von Malta und Tunis kommend, und bereitete sich vor, ins Innere zu gehen. Wie immer auf ihren Reisen ohne festen Plan, hatte sie sich endlich doch entschlossen, nach Fesan und Bornu zu gehen, hatte aber auch schon damals die Absicht, nach Rhat zu gehen, um die dort hausenden Tuareg zu besuchen. Vergebens versuchte ich sie von diesem Gedanken abzubringen, sie glaubte fest, dass, weil Hadj Chnochen, einer der Chefs der Tuareg, vor Jahren mit Colonel Mircher eine Art von Vertrag gemacht hätte, sie vollkommen 96sicher in dieser Gegend voll jener wilden Horden reisen könne, vergebens beschwor ich sie, jene grossen französischen aus Eisen gemachten Wasserkisten nicht mitzunehmen, welche allerdings für die französischen Truppen in Algerien ganz praktisch sein mögen, aber für einen einzelnen Reisenden die grösste Gefahr herbeiziehen, weil sie eben die Raubsucht der wilden Stämme erweckt, vergebens suchte ich sie zu bewegen, bewährte Diener von Tripolis mitzunehmen, statt jener Algeriner und Tuniser, auf deren Treue sie gar nicht bauen konnte, und welchen sich merkwürdigerweise eine Menge unnützer Weiber und Kinder zugesellt hatte. Alexandrine Tinne liess sich nicht rathen, oder glaubte die Gefahren in den Gegenden, die sie vor hatte zu bereisen, geringer als sie in der That sind. Armes Mädchen, alle liebten sie in Tripolis; Christen, Juden und Mohammedanern war sie in der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes eine Freundin geworden, sie schied wie so viele vor ihr frohen Herzens und mit kühnem Muthe, und wie so viele vor ihr, sollte sie Tripolis nie wiedersehen. Jetzt bleichen ihre Gebeine mit denen ihrer einzigen beiden treuen Diener im weissen Sande von Fesan, nicht alleine, schon zwei Christen wurden vor langen Jahren auch dort begraben. Friede sei ihrer aller Asche.


97Leptis magna.

Tripolis liegt ganz ausser dem Verkehre, die regelmässigen Dampfer, welche das ferne Alexandria und das noch weitere Constantinopel täglich mit Triest und Marseille verbinden, berühren Tripolis nie. Von den drei hauptsächlichen Linien, ohne die vielen Privatdampfer zu nennen, der Messagerie Imperiale, dem österreichischen Lloyd und der Peninsular and Oriental Company, kommt kein einziger Dampfer nach dem alten Oea—und warum auch? Ausser Alexandria giebt es an der ganzen Nordküste von Afrika keine einzige Stadt, welche auch nur im allerentferntesten einen Vergleich mit den blühenden Hafenplätzen vom gegenüberliegenden Europa eingehen könnte.

Der einzige Verkehr von Tripolis nach Europa wird durch das kleine Dampfschiff Trabulos Garb, welches dann und wann nach Malta fährt, unterhalten. Es ist aber so schwach, dass es das geringste Unwetter scheuen muss; ausserdem Eigenthum des Schich el Bled oder des Stadtvorstehers von Tripolis, hängt es ganz von den Launen dieses Mannes ab, das Boot gehen zu lassen, oder nicht.

Auf diese Art waren wir in Tripolis festgebannt, da der Dampfer des schlechten Wetters wegen nicht auslaufen konnte; um aber dennoch wieder Abwechslung und Nutzen aus diesen gezwungenen Aufenthalt zu ziehen, 98beschloss ich nach Lebda zu gehen, dem einzigen Ort, welcher namhafte Sehenswürdigkeiten bietet auf der langen Strecke von Tripolis nach Bengasi.

Montag am 21. Januar, Nachmittags, brachen wir auf. Ich hatte alle Kameele des Königs zur Verfügung, sowie die Leute, welche mit der Karawane nach Bornu abgehen sollten, an ihrer Spitze den alten Mohammed Gatroni, der auch noch zuguterletzt nach Tripolis gekommen war und der einen weissen Meheri ritt, welchen ich ihm bei der Trennung in Bornu zum Geschenk gemacht hatte. Mohammed Gatroni, das alte Factotum Barths, der Timbuktu gesehen, Sokoto und Kuka mehreremale durchzogen hatte, war hieher gekommen, um die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu zu begleiten. Nach seinen grossen Wanderungen mit Barth war er eine Zeitlang mit Hrn. v. Beurmann gereist, und hatte schliesslich mich durch die grosse Wüste bis Bornu, Mandara und Gombe begleitet, sowie endlich im Sommer 1867 meine sämmtlichen Kisten allein durch die Sahara zurückgebracht. Als der König von Preussen beschloss, die Geschenke des Schich Omar zu erwiedern, und zugleich seine Zufriedenheit zu bezeigen für die gute Behandlung, die der Sultan von Bornu den deutschen Reisenden, namentlich Hrn. v. Beurmann und mir, erwiesen hatte, war der Gatroner ausersehen worden, die Geschenke zu überbringen; als aber zweifelhafte Briefe über ihn von Mursuk einliefen, wurden, wie schon angeführt, 99die Anerbietungen des Dr. Nachtigal, eines am Tuniser Hofe lebenden Preussen, angenommen, als Ueberbringer der Geschenke des Königs nach Kuka zu gehen. Kaum war dieser in Tripolis eingetroffen, als auch der alte Gatroner ankam, es war somit die beste Sicherheit vorhanden, dass die Geschenke gut übermittelt würden. Dr. Nachtigals Instrumente waren jedoch noch nicht von Malta angekommen, und darin bestand der Hauptgrund, um den Dampfer abzuwarten. Denn da unser Landsmann die Absicht hatte, wo möglich von Bornu aus weiter nach dem Innern vorzudringen, so wollte ich ihn natürlich nicht zu einer Abreise ohne Instrumente drängen, wodurch für mich freilich mehr als ein Monat verloren ging.

Wir waren zu spät aufgebrochen, um Tadjura zu erreichen, welches zwar nur 6 Kilometer von Tripolis entfernt liegt, selbst aber eine Längenausdehnung von 5 Kilometern besitzt, und wo das Landhaus des italienischen Consuls uns hinlänglichen Comfort geboten hätte. Vielmehr mussten wir um 5 Uhr Abends bei bedecktem Himmel und Dunkelheit das Zelt aufschlagen. Wir hatten nur Melcha erreicht, einen Salzsee, der sich zwischen der Mschia und Tadjura befindet.

Aber auch hier sollten wir nicht einmal ruhig lagern, denn bald brach ein solcher Regen über uns aus, von den heftigsten Windstössen begleitet, dass uns in einem Augenblick die Zelte über den Köpfen weggerissen wurden. 100Der Wind blieb fortwährend so stark, dass an ein Wiederaufschlagen nicht zu denken war, und die Dunkelheit verhinderte jeden Weitermarsch, obgleich die Häuser nicht fern waren. Das beste blieb also, sich ruhig unter die umgewehten Zelte zu legen und den Morgen zu erwarten.